Einfache Etikette

Für Megan Murray, Community Managerin und Projektkoordinatorin bei Booz Allen Hamilton, kommen Unternehmen am Einsatz von Web- 2.0-Lösungen nicht vorbei. (Bild: TechWeb Live Events).
"Ich habe festgestellt, dass sich Bedenken gegenüber Enterprise 2.0 in zwei Kategorien teilen: Angst, dass die Leute die neu verfügbaren Lösungen nicht verwenden und Angst, dass sie es tun", brachte es McAfee auf der kalifornischen Enterprise 2.0-Konferenz auf den Punkt. In der Praxis passiert es selten, dass sich etwa Angestellte via Blog beflegeln. Immerhin wissen sich diese innerhalb der Unternehmenskultur entsprechend zu verhalten, Web 2.0-Software bildet dabei keine Ausnahme.
Damit Mitarbeiter einen Teil ihrer Kollaboration von E-Mails auf Blogs und Wikis verlagern, bedarf es am Beginn einer Richtungsangabe, danach gilt jedoch, weniger ist mehr: ein bisschen Lenken ist notwendig, zu viel richtet Schaden an. "Man muss den Leuten einen Ausgangpunkt geben, auf den sie reagieren und den sie verändern können", rät Darren Lennard, Managing Direktor der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein, einem erfolgreichen Anwender von Wiki und Blog.
Wiki fürs FBI
Im Rahmen der Enterprise 2.0-Konferenz führt McAfee ein überraschendes Erfolgsbeispiel an. So hätten sich in den USA 16 Aufklärungs- und Geheimdienstorganisationen, darunter CIA und FBI, auf eine "Intellipedia" geeinigt: ein Wiki, das alle Bereiche überspannt. Hinzu kommt ein Blog, das sich ebenfalls über alle Organisationen zieht. Wenn ein FBI-Agent bloggt, können den Eintrag Mitarbeiter der NSA und CIA lesen.
Bei den traditionell geheimniskrämerischen Organisationen setzte sich die Überzeugung durch, dass die Vorteile bei einer solchen Lösung überwiegen würden: "Wir waren in der Vergangenheit der Ansicht, dass Leute sterben würden, wenn wir zu viele Informationen teilen. Am 11. September 2001 mussten wir erfahren, dass Leute sterben, wenn wir Informationen nicht gut genug teilen", so ein Zitat eines Geheimdienstverantwortlichen im Artikel "Connecting the Dots in the Enterprise" (MIT Sloan Management Review). McAfees Schluss: Wenn es 200.000 Leute in 16 verschiedenen, verschwiegenen Organisationen schaffen, Web 2.0 an Bord zu holen, dann schaffen es alle.
Für Reinhard Willfort, Geschäftsführer des Grazer Unternehmens "Innovation Service Network", setzt das Streben nach Innovation im Unternehmen einen gewissen Mut voraus. "Innovation bedeutet, eine kurze Zeit instabil zu werden", sagt Willfort. Große Unternehmen hätten mehr Probleme damit als kleine, weil diese besonders auf Stabilität ausgerichtet seien. Gleichzeitig bietet Enterprise 2.0 gerade den Großen Chancen. Denn je mehr Personen beispielsweise an einer Wiki-Plattform arbeiten, desto besser kategorisiert, umfangreicher und letztlich leichter durchsuchbar wird diese. Das Konzept scheint so vielsprechend, dass es eventuell sogar GM ins Auge fassen sollte.
Trotz der vergleichsweise einfachen Umsetzung und eines recht geringen Risikos, können bei der Implementierung von Web 2.0-Lösungen eine Reihe an Problemen auftreten. Nach Ansicht des Autors und Wissenschafters Andrew McAfee sei es zum Beispiel keine besonders gute Verkaufstaktik, die Einführung des Enterprise 2.0 als Krieg gegenüber dem Enterprise 1.0 zu bewerben und zu behaupten, dass sämtliche Organisations- und Managementmuster hinkünftig nicht mehr gelten.
Dies sei nicht nur ungeschickt, sondern auch wissenschaftlich falsch. Ebenso ist der Versuch, alte Systeme - E-Mail - mit einem Schlag zu ersetzen, nicht anzuraten. Auf der anderen Seite kann eine zu vorsichtige Herangehensweise das Projekt gleich zu Beginn zum Scheitern verurteilen, etwa, wenn Unternehmen mehrere "ummauerte Gärten" anstatt einer einzigen Lösung implementieren, die die gesamte Organisation umspannt. "Das Prinzip des Web funktioniert so nicht. Es gibt nur ein Web und 1000 Mini-Webs", erklärt McAfee.



1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 