Der weltweit anerkannte Telekom-Experte hat das Institut von der Stunde Null an aufgebaut. Themen wie Zugangs- und Infrastrukturtechnologien, Übertragungsnetze und photonische Netze, Netzprotokolle, - software und -sicherheit, aber auch die mathematische System- und Netzmodellierung zählen zu den Forschungsthemen des Instituts.
Das Institut für Breitbandkommunikation an der TU Wien besteht nun seit fast 15 Jahren unter Ihrer Leitung. Was war für Sie in diesem Zeitraum signifikant?
In der Entwicklung wird alles immer komplexer und kurzlebiger. Ich befasse mich ja schon seit den siebziger Jahren mit Telekommunikation, und es fällt auf, dass sich die Vermittlungstechnologie alle zehn Jahre ändert: 1975 hatten wir ISDN (Integrated Services Digital Network), 1985 ATM (Asynchronous Transfer Mode), 1995 IP (Internet Protocol) und schließlich 2005 Ethernet. 2015 müsste die optische Paketorientierte Vermittlung dann eigentlich starten können. Das heißt, wir haben in sehr kurzer Zeit eine wahre Explosion von Netztechnologien, Protokollen, Mechanismen, Algorithmen und Standards erlebt.
Wie schaffen Sie es personell am Institut, die Fülle an Themen und Technologien abzudecken?
Bis zum Jahr 2000 hatten wir rund 30 wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut. Heute haben wir konstant meist um die 15 Personen, das kommt auch auf die Projektfinanzierung an. Denn die Universität zahlt nur drei Mitarbeiter, den Rest muss ich über Forschungsprojekte und Forschungsaufträge selbst finanzieren. Hauptgebiete sind die Forschung rund um photonische Netze, also rein optische Netze. Die Übertragung und Vermittlung der Daten erfolgt durch den Einsatz optischer Techniken über Glasfasern.
Sehr interessant ist auch das Thema Netzmodellierung, wenn es darum geht, Netzwissen mit mathematischer Modellierung zu kombinieren. Auch das Thema Netzsicherheit wird immer wichtiger. Bekannt sind wir sicher durch unsere regelmäßige Bewertung der heimischen Mobilfunknetze. Das ist ein Projekt, das wir nun seit zehn Jahren im Auftrag der mobilkom durchführen. Weiters arbeiten wir zur Zeit auch mit Telekom Austria und Alcatel-Lucent zusammen und sind an diversen europäischen Projekten beteiligt.
Mobiles Breitband boomt in Österreich. Allerdings mangelt es da noch an Stabilität und Verfügbarkeit?
Natürlich ist der Mobilfunk im Vergleich zu einem Glasfaseranschluss eingeschränkt, denn pro Funkzelle ist nur eine maximale Bitrate möglich - und da liegen die Engpässe. Alle Basisstationen müssen künftig leistungsfähiger an die Infrastruktur angebunden werden. Die Übertragungsraten werden im Zuge anspruchsvollerer Applikationen und leistungsfähigerer Endgeräte steigen. Mit HSPA sind derzeit 2 Mbit-Raten möglich. Das nächste System der Mobilfunker ist jetzt LTE (Long Term Evolution), damit werden etwa 70 Mbit/s möglich sein. Mit einer Ethernet-Anbindung könnten die Anbindungen künftig ein bis zehn Gbit/s betragen.
Das heißt, die Mobilfunker sind in jedem Fall auf die Infrastruktur der großen Netzbetreiber angewiesen?
Heute sind die Mobilfunkanbieter die Treiber der visuellen Kommunikation, da mobiles Breitband vor allem bei uns in Österreich total boomt. Dadurch rückt die Glasfasertechnologie in den Vordergrund. Das ist von der Forschung her total spannend. Die Frage ist: Welche optischen Elemente wie Switches, Verstärker, Splitter oder Signalverarbeitungseinheiten braucht man, um die Leistungsfähigkeit zu verbessern? Wir arbeiten da experimentell nur auf der Software-Ebene. Eine Umsetzung ist für uns an der Universität finanziell undenkbar, daher müssen wir die Modellierung simulieren.
Alle Prognosen besagen, dass die Datennutzung noch gewaltig zunehmen wird. Kann das ein künftiges Netz verkraften?
In den neunziger Jahren wurde gewaltig viel Glasfaser verlegt. Heute sinken die Einnahmen. Die Frage ist: Wer finanziert jetzt die Infrastruktur? Die Einnahmen kommen nur durch die Dienste. Daher wird versucht, Kosten einzusparen: Glasfasern werden etwa entlang von Flüssen, entlang der Küsten, mit Pipelines, direkt beim Bau von Straßen oder Autobahnen, entlang von Eisenbahnlinien oder im Zuge der Wasser-, Gas- und Elektrizitätsversorgung mitverlegt.
Wie wird also das Netz der Zukunft aussehen?
Heute setzen fast alle Betreiber auf Ethernet als Vermittlungs- und Übertragungstechnik. Ethernet war ursprünglich für lokale Datennetze (LANs) gedacht. Es wurde ab den neunziger Jahren zur meistverwendeten LAN-Technik und hat andere LAN-Standards wie Token Ring verdrängt. Heute ist Ethernet eine weit verbreitete und ausgereifte Netztechnologie. Aber die photonischen Netze werden kommen, und hier wird der Flow Transfer Mode (FTM) als universaler Vermittlungsmechanismus eine große Rolle spielen. Meine Vision für die Zukunft ist: In 30 Jahren werden Quantennetze die Möglichkeiten der photonischen Netze um ein Vielfaches steigern können.




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Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 