Herr Dr. Popp trat seine neue Position als Leiter der Sektion V im BMF mit September 2009 an. Er übernahm die Sektion von Herrn Dr. Arthur Winter, einem der Gründungsväter des E-Government in Österreich. Der Sektion ist auch die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit zugeordnet, Bereiche die Herr Dr. Popp bereits im Lebensministerium leitete.
Sie leiten jetzt eine der größten IKT-Infrastrukturen der österreichischen Verwaltung. Wie sehen Sie den Status quo und wohin wird sich ihr Bereich entwickeln?
Das Ministerium verfügt über eine große IKT-Tradition und ist weit entwickelt. Der Unterschied zu anderen Ressorts ist die Bündelung aller IKT-Themen in einer Sektion. Hier kann Wissensmanagement gelebt werden, die bestehenden Querverbindungen der einzelnen Expertengruppen bieten große Kommunikationsvorteile. Der weitere Entwicklungsweg ist vielfach vorgezeichnet und vor allem durch die Verwaltungsreform geprägt.
Shared Services ist hier ein wichtiger Ansatz und auch die IKT hat Leistungen zur Kostenkonsolidierung zu erbringen. Daneben haben wir auch Themenführerschaften, das Personalmanagement ist sehr weit entwickelt und muss noch weiter hinausgetragen und verknüpft werden, das große Projekt "E-Finanz SZ" (Steuer und Zoll) startet und auch die Haushaltsrechtsreform wird große Herausforderungen bringen.
E-Government muss echten Nutzen für die Wirtschaft und Bevölkerung stiften, das Unternehmensserviceportal wird hier neue Informationsbereiche aufmachen und auch übergreifend positioniert sein - über die einzelnen Ressorts und auch die Wirtschaftskammer und Länder sind eingebunden.
Mit den Wissensmanagement-Systemen LoS, Dyonipos und E-Learning sind Innovationen im Ministerium umgesetzt worden. Welche konkreten Nutzen lassen sich bereits ableiten, und welche weiteren Schritte sind geplant?
Das BMF hat einiges investiert mit dem Ziel, Wissen effizienter zur Verfügung zu stellen und Kosten zu senken. Wissensmanagement hat viele Wege, auch hier dient die IKT nur zur Unterstützung und ist nicht Selbstzweck. Mit LoS wurde ein Steuerungssystem realisiert, bei dem auch Wissenselemente eingebaut sind. In den letzten Jahren konnten viele Prozesse adaptiert und dadurch große Entwicklungssprünge in der Finanzverwaltung sichtbar gemacht werden. In Zukunft werden wir überall Glasfaseranschlüsse zur Verfügung haben und auch VoIP ist mit Jahresende voll ausgebaut, das wird die Kennzahlen weiter verbessern.
Dyonipos ist ein sehr interessantes Instrument zur Bereitstellung von Wissen. Derzeit ist es noch sehr wissenschaftsnahe, es liegt aber die Zukunft darin. Gegenwärtig sind noch Zwischenschritte notwendig, z.B. ist unsere Bürosoftware E-Office mit neuen übergreifenden Suchfunktionen ausgestattet. Findok ist eine Wissensbasis im besten Sinne im "Wettbewerb" mit der Wirtschaft. Es ist notwendig, dass die IKT der Verwaltung "State of the Art"-Technologien verwendet und entsprechende Leistungsfähigkeit zeigt. E-Learning ist bei jedem neuen Tool unverzichtbar, aber nur soviel als notwendig. Ziel muss es sein, dass IKT-Systeme intuitiv verständlich werden, vor allem aber "ähnlicher" in Bezug auf den Wiedererkennungswert - das sehe ich hier als prioritär.
Thematisch interessant ist auch die aktuelle Diskussion über das Transferkonto. Hier sollen den BürgerInnen nicht nur Steuerdaten sichtbar gemacht, sondern auch Förder- und Steuerabsetzmöglichkeiten aufgezeigt werden. Für den Staat ist daran interessant, dass er durch die Konsolidierung der Daten einen Überblick über die Wirkungen seiner Förderpolitik bekommt. Jenseits der einzelnen Themen ist es im Prinzip aber klar, dass es einen "Vollausbau" des Wissensmanagement in einer Wissensgesellschaft nicht geben kann.
Sie sind als Kommunikationsprofi bekannt. Wie werden Sie das gewonnene Wissen und die Nutzen innerhalb der österreichischen Verwaltung kommunizieren?
Wir haben begonnen, die Leistungen des BMF transparenter darzustellen. Ein Ziel ist es, Produkte, die wir für das BMF entwickelt haben, der Verwaltung allgemein zur Verfügung zu stellen - nicht nur den Ministerien, sondern allen Gebietskörperschaften. Darüber hinaus werden in Projekten vermehrt eigene Kommunikationskonzepte entwickelt.
Zwei Beispiele: Das Projekt Unternehmensserviceportal hat eine eigene Kommunikationsstrategie, denn technische Systeme sind nur so gut wie sie genutzt und akzeptiert werden. Trotz der bereits hohen Anzahl von Benutzer bei FinanzOnline muss auch hier die Kommunikation intensiviert werden. Jeder Bürger soll einfach seine steuerlichen Möglichkeiten ausschöpfen können. Es sind aber auch internationale Benchmarks zu erfüllen und Kosten einzusparen - jeder elektronische Antrag senkt diese.
Ist "Europa" eine Dimension im Bereich Wissensmanagement (europäische Initiativen, Verwaltungskooperationen)? Wie ist hier die österreichische Finanzverwaltung positioniert?
Die Dimension europäischer Wissensverbünde in der Verwaltung steht noch eher am Anfang. Hier sind einige Bereiche Vorreiter, z. B. der international agierende Zoll und die Abfallwirtschaft. Der Umweltbereich ist übrigens insgesamt sehr stark vorangeschritten, wie bei der Inspire-Richtlinie (1) oder dem CO2-Handel. Das EU-Projekt "PEPPOL" (E-Procurement) besitzt großes Potenzial, mehr wirtschaftlicher Wettbewerb auf europäischer Ebene fördert auch die Wissensgesellschaft. Es ist noch der Anfang, aber in den nächsten fünf Jahren ist sehr viel zu erwarten. Für den Bereich der Finanzverwaltungen sehe ich noch viel Potenzial.
Barack Obama veröffentlichte vor kurzem seine "Open Government Initiative" (www.whitehouse.gov/Open). Sehen Sie in dem sehr offenen Ansatz Chancen für die Wissensgesellschaft in Europa?
Man darf grundsätzlich nicht vergessen, dass E-Government trotz aller Leistungen noch sehr neu ist. Es sind bereits viele Services entwickelt, bis hin zu Transaktionen und deren Vernetzung. Es sind aber noch Hausaufgaben offen! Die USA sind hier sehr initiativ und zeigen auf, wo es hingeht. Auf jeden Fall sollte es im Open Government Initiativen auf europäischer Ebene geben.
Ein Beispiel: Bei den zukünftigen Budgetkonsolidierungen ist hohe Transparenz über die Ausgabengebarung und den Zweck der Ausgaben wichtig. Ebenso aber muss begreiflich gemacht werden, wo die Schwerpunkte der staatlichen Tätigkeit liegen, um ein Einverständnis mit den Bürgern über die Maßnahmen zu erzielen.
Der Aufbau von eigenen Communities, die für den Staat die Informationsverpflichtung übernehmen, das sehe ich sehr schwer möglich. Eine engere Verzahnung kann Vorteile bringen - also Transparenz und Partizipation, aber keine Auslagerung. Der Staat hat eine Verantwortung für die Information. Die fachliche Kompetenz für die Aufbereitung der Information sehe ich auch weiterhin als wichtiges Leistungsmerkmal der Verwaltung.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
(1) INSPIRE=INfrastructure for SPatial InfoRmation in Europe (http://www.bmlfuw.gv.at/article/articleview/33052/1/7246)




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Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 