26-11-2009 | Aus MONITOR 11-12/2009 Gedruckt am 20-04-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/12327
Thema: Security

Wie fühlen sich User im Netz?

Gefühlte Datensicherheit

Das Thema "Sicherheit im Internet" bedeutet landläufig meist harte Fakten: Welche Gefahren drohen im und vom Netz? Mindestens ebenso spannend ist aber die Frage: Wie fühlen sich User im Netz?

Dunja Koelwel

Das Thema Sicherheit gehört zum Internet wie das Amen in der Kirche und ITK-Fachmedien berichten seit Jahren regelmäßig und ausführlich über die entsprechenden Problemfelder. Doch kommen diese Botschaften beim Leser auch an? Haben sich die persönliche Einschätzung und das persönliche Verhalten im Internet in den letzten Jahren gewandelt? Eben dieser Frage, der Frage nach dem möglichen Bewusstseinwandel in Sachen Datenschutz, sind in den letzten Monaten einige Studien nachgegangen. Hier ist beispielsweise die Online-Wellbeing-Studie des finnischen Sicherheitsunternehmens F-Secure zu nennen, die immerhin über 2000 User in acht Ländern weltweit zu deren gefühlter Datensicherheit befragte. Deren Ergebnis in Kürze: Die Mehrheit der Eltern ist besorgt über die Sicherheit ihrer Kinder im Internet und nur 6 % der Anwender fühlen sich sicher, wenn sie im Web mit Kreditkarte einkaufen. Allerdings legt diese Studie ihr Hauptaugenmerk auf den anglosächsischen Raum und wirft zudem Österreich und Deutschland in einen Topf.

Ein weiteres Beispiel entsprechender Studien liefern Microsoft und das Deutsche Digital Institut. Die beiden wollten, durchgeführt von den Meinungsforschern von TNS Infratest, wissen, wie sich die subjektive Einschätzung der Nutzer zum Thema Datensicherheit derzeit präsentiert. Zwar wurde diese Studie nur dezidiert für den deutschen Markt erhoben, ist aber laut Rudolf Greinix, Senior Consultant bei der Agentur Pleon in Wien, durchaus auch für den österreichischen Markt relevant. Das Fazit hier in Kürze: "Die Einstellung zum Datenschutz ist grundsätzlich entspannter geworden, User fühlen sich zumindest bei öffentlichen Institutionen und Datenschützern recht gut aufgehoben und die Sorgen kreisen heute eher um den Missbrauch aus wirtschaftlichen Gründen", fasst Jo Groebel, Direktor am Deutschen Digitalen Institut, die Ergebnisse zusammen.

„Der Schritt zum gläsernen Menschen, die Schreckvision früherer Zeiten, wird also von den Betroffenen selber umgesetzt.“ - Gerhard Gröschl, Sicherheitssprecher von Microsoft Österreich

Das individuelle Gefühl der Datensicherheit bewegt sich dabei nach Meinung von Groebel in fünf Spannungsfeldern: Das ist zunächst einmal das Gefühl der Vertrauens kontra Kontrolle, die Einschätzung von absoluten und relativen Risiken, das Gefühl der Datensicherheit auf nationaler und globaler Ebene, die Balance zwischen staatlicher Einflussnahme und Selbstverantwortung sowie selbst angestrebte harte und weiche Maßnahmen in Sachen Datenschutz.

Interessanterweise ist dabei das Datenschutzgefühl vom Kulturkreis abhängig. Während Barack Obamas größte Bedenken dem Thema Sex im Internet gelten und er die Darstellung von Gewalt oder auch Datenmissbrauch eher weniger bedenklich findet, gilt Bundespräsident Heinz Fischers Sorge eher etwaigem Datenmissbrauch und der Gewalt im Internet, das Thema Sex tangiert ihn weniger.

Sicherheit ist Typsache

Für den Raum Österreich-Deutschland hat die Microsoft Studie dann drei unterschiedliche Nutzertypen ausgemacht. Das sind zunächst die so genannten "generell Unbesorgten". 37 % der immerhin deutlich über 1000 von TNS Infratest Befragten geben bereitwillig persönliche Daten preis, decken ihren Informationsbedarf unbekümmert online, zahlen in Online-Shops mit Kreditkarte und sehen die Verantwortung bei sich selbst. Das World Wide Web erscheint ihnen groß und anonym genug, um vor einem Missbrauch gefeit zu sein.

29 % lassen sich als "kritisch Abwägende" beschreiben. Sie halten die Preisgabe von Persönlichen Daten für leichtsinnig, kalkulieren Nutzen und Risiko des Online-Verhaltens, erwarten ein hohes Maß an Datenschutz und sehen die Verantwortung bei Institutionen. Dieser Typus hört beispielsweise Musik über Livestream, statt sich bei einem Anbieter anzumelden und Titel herunterzuladen.

34 % gelten als "grundsätzliche Skeptiker". Sie hegen schwere Bedenken bei der Weitergabe von persönlichen Informationen, hier haben Online-Medien einen schweren Stand, sie befürchten bewussten Missbrauch. Eine Social Community oder einen Chatroom suchen Skeptiker höchst selten auf. Und dennoch halten sie das Internet, zum Beispiel für Online-Banking, für nützlich.

Interessant ist hier laut Groebel vor allem, dass - nach bald 20 Jahren Internet - an die Stelle einer ehemals vorrangig demografischen und bildungsabhängigen Einstellung zum Thema Datensicherheit zunehmend eine eher Nutztypenabhängige getreten ist. "Die generationsabhängige Einschätzung der Risiken im Internet spielt natürlich noch eine große Rolle, aber sie nimmt kontinuierlich ab", so Groebel.

Vertrauen in Staat, Shops und Banken

Im Internet geben die Anwender ihre persönlichen Daten an unterschiedliche Akteure weiter - sei es beim Online-Shopping, bei Bankgeschäften oder der Teilnahme an Foren und Blogs. Das mit Abstand höchste Vertrauen genießen hierzulande die Banken. Knapp zwei Drittel der Internetnutzer würden den Geldinstituten persönliche Informationen anvertrauen, jeweils knapp die Hälfte auch Behörden und Online-Shops.

Bei der Frage nach der Einschätzung des Umgangs mit sensiblen Daten ist das Vertrauensniveau etwas niedriger. Auch hier genießen die Banken mehrheitlich ein gutes Ansehen. 59,8 % sind der Meinung, dass die Geldinstitute sehr sorgfältig mit persönlichen Daten umgehen. Ein Drittel traut Staat und Behörden diese Sorgfalt zu und ein Fünftel nannte Online-Shops. Schlusslicht bei dieser Bewertung sind Online-Netzwerke. Nur 8,5 % der Befragten sprechen diesen ihr Vertrauen aus. Bei den regelmäßigen Besuchern dieser Netzwerke ist mit 13 % das Vertrauen etwas höher.

 

Hausgemachtes Datendesaster

Erfahrungen mit Datenmissbrauch haben laut Microsoft-Studie immerhin schon 15 % der Befragten gemacht - wobei man hier die gefühlte Schädigung von der tatsächlichen unterscheiden muss, meint Rechtsanwalt Andreas Jaspers von der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit, einer Vereinigung, die mittelländische Unternehmen bei der Umsetzung von datenschutzrelevanten Fragen berät. Oft sei nämlich die gefühlte Verletzung - etwa das vermeintlich unaufgeforderte Zusenden von Werbemüll - gar keine echte Verletzung, weil beispielsweise vorher eine Zustimmung gegeben worden sei.

Dennoch geben wie erwähnt 15 % der Internet-Nutzer an, schon negative Erfahrungen gemacht zu haben. Von diesen 15 % wurden bei 27,9 % unberechtigt Daten zu Werbezwecken weitergeben, bei 21,7 % hat man eine finanzielle Schädigung versucht, bei 12,3 % wurden Daten gestohlen, bei 10,7 % wurden nicht genauer definierte Daten weitergeben, 10,2 % hatten eine anderweitige Schädigung zu beklagen und 6,7 % waren auf sonstige Weise von Datenmissbrauch betroffen.

Online-Shopping & Online-Banking

Online-Banking ist laut Studie stärker verbreitet als der Einkauf im Internet. 59,5 % erledigen mindestens einmal pro Woche ihre Bankgeschäfte online. Knapp ein Viertel hat allerdings auch noch nie eine virtuelle Bankfiliale besucht. 27,6 % kaufen einmal pro Woche oder öfters im Internet ein. Die Sicherheit ihrer Konto- und Kreditkartendaten bereiten den Nutzern große Sorgen. 62,2 % sind der Meinung, dass diese Informationen beim Kauf via Internet gefährdet sein könnten.

Datensicherheit und Web 2.0

Mit Web 2.0-Anwendungen kommen zu den mehr oder weniger bekannten Gefahren der Datensicherheit noch einige neue hinzu. Oft gleichen diese dann einem medialen Paukenschlag neuer Dimension. So beispielsweise in England Ende März diesen Jahres: Die englische Regierung will nämlich künftig - aus Gründen der inneren Sicherheit und Terrorismusbekämpfung - Community-Portale wie Facebook oder MySpace überwachen lassen. Plattformbetreiber sollen dafür detaillierte Kontaktdaten der User speichern und gegebenenfalls weitergeben. Doch wie empfinden User solche Meldungen?

"Gerade die sozialen Netze beinhalten viele sensible personenbezogene Informationen wie beispielsweise sexuelle Orientierung, die Angehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft oder die bevorzugte Ideologie eines Menschen", kritisieren nämlich Datenschützer wie Tom Brake, Parlamentsabgeordneter der Liberal Democrats.

"In der jungen Generation ist da Nutzung von Facebook und Twitter gang und gäbe. Angefangen vom Geburtsdatum, dem Familienstand bis hin zur Ausbildung und Arbeitsverhältnis und zum Freizeitverhalten wird im Alpenstaat gern und ausführlich gepostet. So lässt sich via Twitter bei vielen Leuten schon der komplette Tagesablauf rekonstruieren. Der Schritt zum gläsernen Menschen, die Schreckvision früherer Zeiten, wird also von den Betroffenen selber umgesetzt", formuliert Gerhard Gröschl, Sicherheitssprecher von Microsoft Osterreich seine Bedenken.

Dass er mit dieser Einschätzung durchaus recht hat, zeigt auch die Studie: Mehr als die Hälfte der Befragten hat schon einmal persönliche Informationen ins Internet gestellt. Am häufigsten werden E-Mail-Adressse (58,1 %), Name (57,4 %) oder Geburtsdatum (51,7 %) veröffentlicht. Fotos von sich selbst haben immerhin schon 39,7 %, Vorlieben und Hobbys schon 38,1 % und Adresse 29,0 % veröffentlicht. Männliche und weibliche Nutzer unterscheiden sich hier deutlich beim Umgang mit Informationen. 42,3 % der Frauen tauschen sich über Hobbys wie etwa die Lektüre aus, bei den Männern ist es nur etwas mehr als jeder Dritte.

Grundsätzlich haben dabei die Nutzer in Österreich und Deutschland wenig dagegen, wenn Unternehmen aus diesen freiwilligen Angaben für sich einen Mehrwert ziehen. So würden immer 46,3 % personalisierte Dienste durch Auswertung ihrer Nutzerprofile akzeptieren, wenn hier auch Kontrollmöglichkeiten für sie bestünden. 42,4 % der User halten klare und transparente Regelungen für den Umgang mit Daten ausreichend und 31,3 % finden eine Auszeichnung mit einem Datenschutz-Siegel genügend. Nur 32,5 % akzeptieren keine personalisierte Dienste. Die Bereitschaft, personalisierte Dienste zu nutzen, ist dabei bei Onlinern, die regelmäßig soziale Netze nutzen, deutlich größer. Und diese Zahl ist nicht gering, denn immerhin 34,4 % der Nutzer sind in sozialen Netzwerken wie Xing, LinkedIn oder MySpace unterwegs, bei den 14 bis 29jährigen chatten sogar 42,9 % fast täglich und 41,3 % besuchen fast täglich eine Community.

Eigene Verantwortung für Sicherheit

Den Anwendern ist grundsätzlich das Risiko eines Datenmissbrauchs bewusst. Knapp die Hälfte der Befragten macht sich generell Gedanken darüber. 43,3 % halten die Chance, Opfer eines Angriffs auf persönlich Daten zu werden, für hoch. Etwa ebenso viele sehen eine mittelgroße Gefahr.

Dass ihre Daten im Internet geschützt sind, ist den Nutzern sehr wichtig. Und sie sehen sich mehrheitlich selbst in der Pflicht, für die Sicherheit ihrer Daten zu sorgen. Die Nutzer wissen also, dass sie etwas für ihre Sicherheit tun müssen. Doch empfinden viele das Thema als zeitaufwendig und komplex. So liest zwar mehr als die Hälfte die Datenschutzbestimmungen des jeweiligen Diensteanbieters durch, ein Drittel tut dies jedoch nicht. Die meisten Leseverweigerer gaben dafür Zeitmangel an, 13 % denken nicht daran und 14,6 % glauben nicht an deren Inhalt. Gerade bei männlichen Befragten sind diese Vorbehalte verbreitet. 20,6 % lesen Datenschutzbestimmungen nicht, weil sie ihnen misstrauen. Diesen Grund geben nur 6,2 % der befragten Frauen an. 32 % der Befragten sind immerhin der Meinung, dass sie ihren Datenschutzanforderungen gut bis ausgezeichnet gerecht werden. 53,2 % hingegen finden, dass sie ihre Aufgabe zum Datenschutz nur annehmbar oder schlecht gerecht werden. Die 14 bis 29jährigen schätzen dabei ihren Beitrag zur eigenen Sicherheit etwas positiver ein als die über 50jährigen.

Andere Akteure werden deutlich positiver bewertet. Am besten schneiden Banken mit einer Nennung von 86,6 % und Online-Shops mit 66,6 % ab. Größere Skepsis herrscht bei Online-Netzwerken, Online-Portalen und Internet-Anbietern. Nur jeder Dritte ist der Meinung, dass diese ihre Rolle hinsichtlich Datenschutz gut erfüllen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich damit sagen, dass es für Onliner derzeit drei Sorgenfelder gibt: Dem Trio Staat-Banken-Shops wird in dieser Reihenfolge vertraut, offensichtliche Datensammler lehnt der Großteil der Nutzer ab. Soziale Netzwerke werden zunehmend genutzt, doch halten die noch fehlenden Codizes eine gewisse Sorge der Nutzer wegen Datenmissbrauch noch wach. Grundsätzlich gilt: Je weiter sich die Daten vom Nutzer verselbstständigen, desto bedenklicher empfinden die Nutzer ihre digitale Hilflosigkeit.

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