Newsfeed abonnieren

Lebenswerk

Zum Ableben von Hugo Loetscher

Der kürzlich verstorbene schweizerische Schriftsteller Hugo Loetscher hinterlässt ein breites Oeuvre, in dem er sich auch so technisch dominierten Themen wie dem Abwasser in seiner ganz eigenen Art annahm.

Vom Erzählen erzählen – diesen Titel wählte Loetscher für seine Münchner Poetikvorlesungen. Im Zentrum steht das Handwerk: »Poetik als Baugrube und Bücher als Boden unter den Füßen«. Indem Loetscher anhand von Beispielen aus seinem Schaffen arbeitet, entsteht zugleich ein faszinierender Kommentar zum eigenen Werk. So konkret die Ansätze seiner poetologischen Überlegungen sind, sie führen zu grundsätzlichen Fragen wie zur Ironie – die die Fiktion stets daran erinnert, Fiktion zu sein –, zur Simultaneität, Überlegungen zu einer Sprache, die nicht nur »einen Mund hat, sondern auch Ohren«, oder zum Verhältnis von Metapher und Begriff. Aber auch dort, wo Loetscher Theoretisches aufgreift, bleibt er immer zugleich Erzähler, so dass seine Vorlesungen auch ein Stück erzählender Literatur sind.

Kurz vor seinem Tod erschien ein autobiographisches Buch mit dem Titel „War meine Zeit meine Zeit?“ Ein Junge sitzt an einem Fluss und lässt ein Holzschiffchen zu Wasser, ein rasch davontreibender Bote, der ankündigt: Einer kommt nach. Der Junge ist zum Mann und zum Schriftsteller geworden. Und er ist nachgekommen: Auf den Spuren des Schiffchens verschlug es ihn von seinem Kindheitsfluss, der Zürcher Sihl, bis zum Nil, zum Amazonas oder zum Yangtse. Geblieben ist ihm das Staunen über die Vielgestaltigkeit der Welt, gepaart mit dem Blick für das überraschend Gemeinsame in dieser Vielfalt.
Hugo Loetscher zieht Bilanz. Die Stoffe und Themen seines Lebens und seines Werks entfaltet er zu einer weltumspannenden Autogeographie, der Entwicklungsgeschichte eines globalen Bewusstseins. Flüssen entlang, an Brücken, Kanälen vorbei, zu neuen Ufern führt Loetschers Erzählfluss, mäandernd, tiefgründig und sprudelnd vor Einfällen und Witz.
Das Bild eines großen Schriftstellers nimmt Gestalt an, ungefragt geboren unter dem Sternbild des Fragezeichens. Ein Zweifler, der weiß, dass Fragen oftmals schöner sind als Antworten. Und ein unverbesserlicher Humanist.

In „Die Augen des Mandarin“ stellt ein chinesischer Mandarin angesichts von Barbaren aus Europa die Frage: Kann man mit blauen Augen sehen? – Kann man mit blaugrünen Augen sehen? Dies fragte Past. Nicht am kaiserlichen Hof von Peking, sondern in einer europäischen Stadt wie Zürich, gute dreihundert Jahre später. Nicht in einem Reich, das daran ging, seine Mitte zu verlieren, sondern in einem Kontinent, der seine Zentrallage hinter sich hatte. Die Frage nach der Sehfähigkeit seiner Augen stimuliert Past, den Ex-Angestellten einer obskuren Kulturstiftung und Spezialisten für Gedenktage und Neujahrsfeiern, zu Erinnerungen aus seinem bewegten Leben. Sie entführt ihn noch einmal in fast alle Erdteile, sie entlockt ihm pointierte Geschichten und Anekdoten – in einem verstörenden, berauschenden Nebeneinander der Kontinente, Zeiten und Bilder, in dem sich Ränder und Zentren auflösen, sich unerwartet das Vertraute im Fremden und das Fremde im Vertrauten zeigt.
Kaleidoskop einer Welt, durch die man mühelos zappen kann und die sich doch nicht mehr begreifen lässt – außer im Geschichtenerzählen. Bilanz einer Bewusstseinslage und eines intensiven Lebens, eines ewig Neugierigen, der schon »aus Berufsgründen großräumig denkt«, voller Vitalität, Skepsis, Nachdenklichkeit – und von einem geradezu fernöstlich anmutenden Gleichmut: ein Perplexer einer Zeit des Wirrwarrs, die mit einem Löschfest endet.

Alle Bücher von Hugo Loetscher sind im Diogenes Verlag erschienen.

 

weitersagen: drucken
Print-Archiv
Folgen Sie uns
Termine

14. Februar

AIRO Tower, 1010 Wien

Vmware KMU-Roadshow 2012

16. Februar

All seasons Hotel, 4020 Linz

Vmware KMU-Roadshow 2012

21. Februar

Hotel Salzburg West, 5073 Salzburg-Wals

Vmware KMU-Roadshow 2012

22. Februar

Hotel Grauer Bär, 6020 Innsbruck

Vmware KMU-Roadshow 2012

28. Februar

Hotel Mercure Graz Messe, 8010 Graz

Vmware KMU-Roadshow 2012

1. März

Wirtschaftskammer Österreich

E-Day 2012

6. März - 10. März

Hannover

CeBIT 2012

Leser empfehlen
MONITOR-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter!

E-Mail:
Die von Ihnen angegebene E-Mail Adresse wird von MONITOR Online weder an Dritte weitergegeben noch zu anderen Zwecken verwendet.
MONITOR-Autoren
Dr. Christine Wahlmüller

Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. ..mehr..

Die neuesten Artikel:

© Copyright 1983-2012 by MONITOR / Bohmann Druck und Verlag Gesellschaft m.b.H. & Co. KG (www.bohmann.at)

Add to Google  | Abo | Themenvorschau | Mediadaten | Inserate buchen | Kontakt | Impressum