Aber er hat auch oft genug seine Werte verraten, Freiheit gepredigt und Habgier gemeint und mit dem Kapitalismus eine Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse entfesselt, die bis heute die Menschheit in Atem hält. Heinrich August Winkler erzählt in seiner „Geschichte des Westens“ auch die Geschichte unserer eigenen Identität. Wir leben im Westen. Aber was eigentlich ist das: der Westen? Wie ist er entstanden? Wo liegen seine Wurzeln? Und wofür steht er? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen hat der Historiker Heinrich August Winkler eine Geschichte des Westens geschrieben. Von den Anfängen in der Antike bis in das frühe 20. Jahrhundert zieht seine Darstellung einen welthistorischen Bogen, der die Geschichte der großen Ereignisse und Entwicklungen ebenso umspannt wie die Geschichte der politischen Ideen.
Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens, Band 1. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert . C.H. Beck, 2009
Bisher wurde besonders das 17. Jahrhundert in seiner geschichtlichen Aufarbeitung nicht besonders berücksichtig, da andere Jahrhunderte interessanter erschienen. Nun ändert sich das aber, und es kommen auch Bücher aus der Epoche in neuen Übersetzungen wieder auf den Markt. Ein Klassiker ist etwa „Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“, erstmals 1668/69 in Nürnberg gedruckt. Er ist der große Roman des deutschen Barock, das große Volksbuch der deutschen Literatur. Es hatte zu Lebzeiten von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen bahnbrechenden Erfolg, es gab mehrere Fortsetzungen und andere „simplicianische“ Schriften. Und wahrscheinlich wurde über dieses Buch alles gesagt und geschrieben, was dazu zu sagen und schreiben ist. Doch bisher war die Lektüre dieses Buches eher traditionell durch die Schule mit Zuschreibungen wie Frust, Unlesbarkeit, Langeweile und vor allem Mühsal verbunden. Daher machte sich Reinhard Kaiser an die Neu-Übersetzung des Simplicissimus und schaffte einen ungeheuerlichen Prozess der „Entzifferung“. Nach dreihundertvierzig Jahren sind im Barock geläufige Wörter und Wendungen naturgemäß in Vergessenheit geraten oder – eine viel tückischere
Spielart der Sprache – in ihrer Bedeutung verschoben worden. In unsere Sprache übertragen wird der Simplicissimus wieder zum Roman, der mit seinem Scharfsinn, seinem Witz und seiner gedankenspielerischen Kunstfertigkeit, mit seiner Großartigkeit und Eindringlichkeit zu den allerbesten gehört, die es in unserer Literatur gibt.
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Reinhard Kaiser. Eichborn, 2009
Als im sich im Jahre 1603 der 21-jährige schottische Schneiderjunge William Lithgow entschließt, in den Orient aufzubrechen, weiß er noch nicht, welche „leidvollen Wanderungen“ ihn durch die Welt führen werden. Er, den mehr ein eiserner Widerwille vorantreibt, berichtet detailgetreu und farbenreich über unbekannte Weltregionen. Neu übersetzt und mit einem Vor- und Nachwort des Herausgebers Roger Willemsen versehen, erschien das legendäre Reisebuch nun wieder im Mare-Verlag.
R. Willemsen (Hrsg.): Die wunderbaren Irrfahrten des William Lithgow. Mare Verlag, 2009
Eine andere hervorstechende Persönlichkeit des 17. Jahrhunderts war der Prediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709). Geboren als Johann Ulrich Megerle im schwäbischen Kreenheinstetten empfing er 1668 die Priesterweihe und wirkte als Prediger in Taxa bei Augsburg und in Wien. Er war kaiserlicher Prediger, Prior in Wien und Graz und Prokurator der deutsch-böhmischen Provinz. In „Hui und Pfui der Welt“ finden sich nun die Höhepunkte seines Werkes versammelt, die den Augustinermönch zum bedeutendsten Barockprediger deutscher Sprache werden ließen. „Eine Vorahnung von zukünftiger Avantgarde“ sieht in seinem Vorwort gar der österreichische Schriftsteller Franz Schuh, die zuweilen „in eine schmerzhafte Nähe zu unserer Zeit“ gerät.
Abraham a Sancta Clara: Hui und Pfui der Welt. Predigten und Schriften. Manesse, 2009
Auch in der Wissenschaftsgeschichte bewegte sich im 17. Jahrhundert einiges. So stimmten etwa bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts die Gelehrten überein, daß sich die Zukunft nicht vorhersagen, das Glück nicht berechnen lasse. Doch dann erfanden Blaise Pascal, einer der berühmtesten Philosophen seiner Zeit, und Pierre Fermat, der genialste Mathematiker der Epoche, in einem Briefwechsel die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Keith Devlin erzählt in seinem Buch „Pascal, Fermat und die Berechnung des Glücks“, wie Wissenschaft entsteht und wie sie wirkt. Das Problem, über das sich Pascal und Fermat brieflich austauschten, war nur ein abgebrochenes Glücksspiel. Doch was sie dabei entdeckten, sollte unsere Ansicht über die Zukunft revolutionieren. Die von ihnen erfundene Methode, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der bestimmte Ereignisse eintreten, hat viele Errungenschaften der modernen Welt erst möglich gemacht – vom Versicherungs- und Kreditwesen über Risikoabschätzungen und Kosten-Nutzen-Analysen bis hin zu Wetterprognosen und Demoskopie. Auch wenn wir nicht sagen können, was morgen geschieht, können wir mögliche Szenarien entwerfen, deren Wahrscheinlichkeit berechnen und uns auf sie einstellen.
Keith Devlin: Pascal, Fermat und die Berechnung des Glücks. Eine Reise in die Geschichte der Mathematik. C.H. Beck, 2009
Nach Europa vermittelten vor allem die Jesuiten im 17. Jahrhundert erste Erkenntnisse über China, die hier von Wissenschaftlern wie Leibniz begierig aufgesogen wurden. Für die Menschen in dieser Epoche schien es unvorstellbar, dass die Ära der Ming, die Politik, Kultur und Gesellschaft in China zu vorher unerreichter Blüte geführt haben, jemals enden würde. Doch dann setzen die Mandschu der Ming-Dynastie 1644 ein Ende. Zhang Dai ist der berühmteste Chronist dieser untergegangenen Epoche und gilt bis heute als Meister des philosophischen Essays. Der renommierte Sinologe und Historiker Jonathan D. Spence erzählt in seinem neuen Buch das Leben dieses gelehrten Exzentrikers und zeichnet gleichzeitig ein Panorama der 200 Jahre währenden Ming-Dynastie, deren Geschichte für die meisten Europäer noch immer im Dunkeln liegt.
Jonathan D. Spence: Die Rückkehr zum Drachenberg. Ein Exzentriker im China des 17. Jahrhunderts. Hanser, 2009
Einen Sprung in die Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts macht Ralf Bönt: Er wandelt in „Die Entdeckung des Lichts“ auf den Spuren Michael Faradays, der 1791 als Sohn eines einfachen Schmieds geboren wurde. Statt zur Schule zu gehen, trägt er die im 17. Jahrhundert aufgekommenen Zeitungen aus und lernt durch sie die Welt kennen. Seiner Herkunft zum Trotz bringt er es bald zum Laborhelfer der Londoner Royal Institution. Zwei Phänomene halten damals die wissenschaftliche Welt in Atem: die Elektrizität und der Magnetismus. Wie hängen sie zusammen? Heimlich erforscht Faraday, wie aus Bewegung Strom wird und wie aus Strom Bewegung. Ein Ausflug ans Meer bringt ihn auf die Idee, im Licht nach einer Wellenstruktur zu suchen – der erste große Schritt zur physikalischen Weltformel. Erst Albert Einstein entdeckt Rätsel in Faradays Harmonien.
Ralf Bönt: Die Entdeckung des Lichts. Dumont, 2009




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Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 