"Open Innovation ist gerade für mittelständische Unternehmen die richtige Antwort auf die Wirtschaftskrise", betont Thomas Schildhauer, wissenschaftlicher Direktor am Institute of Electronic Business (IEB) e.V. in Berlin. Der Experte sieht als die grundlegende Fähigkeit der Unternehmen das "Zuhören in den digitalen Raum" an, um sich dem modernen Wandel gerade in einer ökonomischen Wachstumsschwäche besser anzupassen.
Das Kernstück des IEB ist das Forschungszentrum Digitale Kommunikation, das vier Kompetenzzentren in sich vereint, die im wesentlich auf die Leitthemen Performance Marketing, Innovationsmanagement, Mobile & Wireless Communication sowie digitale Kommunikation im Mittelstand ausgerichtet sind.
Offene Kooperationsformen im Sinne des Netzwerkgedankens bringen die einschlägig Interessierten durch Ideenwerkstätten, Gipfeltreffen und Forschungsworkshops näher zusammen. Die Vielfalt der digitalen Medien gelte es gerade für Unternehmen, so der wissenschaftliche Direktor weiter, intensiver als bislang zu nutzen, und zwar sowohl als aktiver Horchposten gegenüber den Wettbewerbern als auch zur Stärkung der eigenen Kundenbindung.
"Teure Marktforschung mit bis zu sechsstelligen Eurobeträgen können sich jedoch nur die großen Unternehmen leisten", betont Schildhauer. Er plädiert deshalb dafür, die kollektive Intelligenz der Internetznutzer gezielt für das Unternehmen einzusetzen. So gehört der Direktor des IEB etwa zu den Initiatoren des Kreativnetzwerks Jovoto.de.
Darin lobt eine hand verlesene Design-Community neue Ideen aus und vergütet diese mit einem entsprechenden Preisgeld. "Das Interessante an dem Geschäftsmodell liegt darin, dass die intellektuellen Eigentumsrechte vollständig geschützt sind, wenn die Idee erfolgreich gekauft wird", so Schildhauer weiter.
"Crowdsourcing als Prozess kann in bestimmtem Zusammenhängen für die Unternehmen ein praktikableres Modell sein als die klassische Marktforschung und -eroberung, da sich in der Anwendung ähnliche Aussagen teils in wesentlich kürzerer Zeit erzielen lassen", skizziert Bastian Unterberg, Managing Partner bei der Jovoto GmbH in Berlin die Funktionsweise der Plattform.
Gerade im Sinne eines vor geschalteten "Screening-Prozesses" ergäben sich spannende Potenziale, da die Interaktion mit der Masse (Crowd) oftmals die Richtigkeit so mancher Marketingaussage oder Produktstrategie quasi als vor geschaltete Instanz prüfe. Crowdsourcing funktioniere jedoch nur auf partnerschaftlicher Basis, ist sich der Firmenchef der fairen Spielregeln durchaus bewusst.
Nur ein aufrichtiges Partizipationsversprechen und der authentische Umgang mit den kreativen Mitstreitern (Crowd) stelle demnach eine Garantie dar, die letztlich zum gewünschten Ergebnis führe. "Transparenz und ausreichend hohe Motivatoren sind wichtige Faktoren, auf die man achten sollte", gibt der Community-Experte zu bedenken.
Projektwirtschaft 2.0: Welche Bereiche sich eignen

„Open Innovation ist gerade für mittelständische Unternehmen die richtige Antwort auf die Wirtschaftskrise.“ - Thomas Schildhauer, wissenschaftlicher Direktor am IEB
Und so funktioniert das Schöpfen aus den Ideen der vielen über den Globus verstreuten Mitgestalter: Über die Web-Plattform jovoto.com erhalten die Auftraggeber den Zugriff auf eine Datenbank mit 2500 Kreativtalenten aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Diese setzen sich in einem Ideenwettbewerb mit der jeweiligen Aufgabenstellung des Auftraggebers auseinander.
Das Spektrum der Aufgaben behandelt vor allem Fragen aus den Bereichen Produktinnovation, Kommunikation sowie Gestaltung. So sucht etwa eine Landesbank nach neuen Ideen in einer Phase der Krisenkommunikation, eine Versicherungsgruppe hält Ausschau nach einem besseren Vertriebskonzept in sozialen Netzwerken, oder die Umweltaktivisten von Greenpeace planen eine neue Kommunikationskampagne.
Vieles ist denkbar. Sogar der deutsche Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ kürzlich auf der Plattform Entwürfe für ein Wahlkampf-Signet erstellen. "Die Auftraggeber erhalten nicht nur Zugriff auf ein breites Ideenspektrum, sondern erfassen mit einem Jovoto-Wettbewerb auch den Raum der Möglichkeiten und generieren über die Interaktion mit der Kreativ-Community spannende Inneneinsichten über die eigenen Marken, Produkte oder Dienstleistungen", fasst Sebastian Unterberg zusammen.
IT-Business orientiert sich an der interaktiven Servicefabrik

„Softwareanbieter und IT-Dienstleister, die sich nicht auf den neuen Trend einstellen, werden mittel- bis langfristig existenzielle Probleme bekommen.“ Andreas Liebig StoneOne AG
So zielt ein weiteres Kooperationsvorhaben gemeinsam mit dem IEB darauf ab, das alt her gebrachte statische Prozessdenken in der Nutzung und Verteilung von IT-Projekten zu überwinden. Wie die serviceorientierte Business-Fabrik der Gegenwart und der Zukunft aussieht, darüber streiten die Experten immer wieder trefflich.
Aktuell beruhe das überwiegende Angebot an Business-Applikationen auf herkömmlichen Entwicklungsverfahren, d.h. Client-Server Architekturen. Die meisten am Markt verfügbaren Produkte seien sogar vor zehn bis fünfzehn Jahren entworfen und als eigentliche Kernapplikation entwickelt worden, beschreibt CEO Andreas Liebig von der Stone One AG in Berlin.
"Damit orientiert sich das Software-Design an Hardware- und Softwaregegebenheiten, die durch den heutigen Stand der Technik weit überholt sind", betont Liebig. Obwohl viele Produkte heute z. B. über Web-Clients oder Web Service Schnittstellen verfügten, seien diese weit entfernt von einer durchgängigen Service-orientierten Architektur.
Der im vergangenen Jahr mit dem Innovationspreis der Initiative Mittelstand ausgezeichnete Lösungsspezialist will gerade diese Defizite durch einen Enterprise Information Bus (EIB) sowie vorgefertigte Komponenten der StoneOne Web Service Factory beseitigen. Die Kunden sind in der Regel Softwareanbieter und IT-Dienstleister, die in der Lage sein müssen, rasch neue webbasierte Services ihrem Lösungsangebot hinzuzufügen und ihr Produktangebot weitgehend als Software as a Service (SaaS) anzubieten.
Mittel- bis langfristig werde eine Vielzahl der heute verfügbaren Applikationen entweder von SaaS-Nachfolgeprodukten abgelöst, "oder etablierte Anbieter werden schlichtweg durch die Angebote neuer Mitbewerber verdrängt", prognostiziert der IT-Experte und verweist mit Blick auf den CRM-Markt auf das Erfolgsbeispiel Salesforce.com. "Softwareanbieter und IT-Dienstleister, die sich nicht auf den neuen Trend einstellen, werden mittel- bis langfristig existenzielle Probleme bekommen", sagt Liebig.
Wo liegen die Chancen und Grenzen für die Unternehmen?
Der Aufwand für Softwarenentwicklung, Updates, Installation und Customizing sei für viele Unternehmen schon heute viel zu teuer. Anbieter, die auf SaaS setzen, könnten laut Stone One dagegen deutlich kostengünstiger operieren. "Viele Services können auf den Kunden verlagert werden (Customer Self Services) und tragen damit zur Kosteneinsparung bei - sowohl beim Anbieter als auch beim Kunden", beschreibt Liebig.
Das SaaS-Geschäftsmodell begünstige zudem gerade kleinere und mittelständische Anbieter, die nicht über eine große Mannschaft mit regionalen Standorten verfügten, so Andreas Liebig weiter. "Durch Nutzung des Erfahrungsvorsprungs und der vorgefertigten Komponenten von StoneOne in Verbindung mit Open Source Technologie werden diese Unternehmen rasch in die Lage versetzt, binnen kurzer Zeit eigene SaaS-Angebote bereitzustellen und Marktanteile gegen neue Mitbewerber zu verteidigen bzw. auszubauen", kalkuliert der IT-Experte.
Die Einsatzgebiete sind dementsprechend sehr breit gefächert. So finden sich beispielsweise Anwendungsszenarien im Personalwesen, wo sich viele standardisierte Abläufe wie Reisekostenabrechnung, Zeiterfassung oder die Adressdatenverwaltung vom Mitarbeiter via Web eigenständig bearbeiten lassen (Employee Self-Services). Generell erbringe ein SaaS-Konzept besonders dann große Vorteile, wenn die Prozesse und Strukturen bislang weitgehend dezentral administriert und gesteuert worden seien.
Abgerechnet wird bei StoneOne nur das tatsächliche Aufkommen an getätigten Transaktionen. Der erste Schritt ist jedoch eine solide Bestandsaufnahme: Welche Anwendungen bzw. Services eignen sich besonders gut für SaaS? Wo lassen sich rasch Zugewinne erzielen?
Nach maßgeschneiderten Workshops erarbeitet das Team ein konkretes Konzept mit detaillierten Anforderungen, die das Zusammenspiel von Standardkomponenten und Fachlichkeit beschreiben. "Die wesentlichen Einsparungen lassen sich beim detaillierten Design sowie der eigentlichen Codierung erzielen. Hier sind Einsparungspotenziale von weit über die Hälfte erzielbar", betont CEO Andreas Liebig.
Neuen Innovationen in einer zunehmend nach dem digitalen Regelwerk und der "Projektwirtschaft 2.0" organisierten Wertschöpfungskette den Weg zu bereiten, darauf setzen zahlreiche andere Projektgruppen am IEB in Berlin. Profitieren von der engen Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft sollen am Ende vor allem die Studierenden, die vom ersten Tag an die Gelegenheit haben, die erarbeiteten Konzepte in der rauen Praxis zu erproben.
An den Markt herangeführt werden die Anbieter häufig durch eine breitere Mixtur an Forschungsgeldern. So wird Stone One unter anderem durch europäische Fördermittel (EFRE) maßgeblich unterstützt. Viele Frameworks und von StoneOne genutzte Technologien stehen aber erst seit ein bis zwei Jahren zur Verfügung.
Und trotzdem ist die unternehmerische Praxis am IEB und seinen zahlreichen Partnern bereits heute unmittelbar zu greifen. Denn es gibt sie bereits, die ersten Kunden, die ihre Lösungen "powered by StoneOne" anbieten. Dazu gehören etwa die GIP mbH, ein Anbieter von Personalwirtschaftssystemen, oder die docs&rules GmbH, ein Spezialist für Software aus den Bereichen Governance, Risk und Compliance.




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Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 