Computer-Geschichte
330 Jahre Binäre Rechenmaschine
Rüdiger Maier
„Gottfried Wilhelm Leibniz erfand in Hannover das binäre Zahlensystem“: Mit diesem Spruch auf einer Postkarte wirbt seine Heimatstadt noch heute mit ihrem wohl berühmtesten Einwohner. Letztlich wollte er allerdings seinen Lebensabend im schönen Wien verbringen, was allerdings sein Tod verhinderte. Mitte April 1713 war er nämlich (mit Rückdatierung auf Jänner 1712) von Kaiser Karl VI. in Wien zum „Reichshofrat“ mit einem vierteljährlichen Gehalt von 500 Gulden ernannt worden. Und am 13. August ernannte man ihn zum Direktor der geplanten Societät der Wissenschaften (!) mit einem stattlichen Jahresgehalt von 4.000 Gulden. Es sollte allerdings noch 134 Jahre dauern, bis 1847 die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien wirklich gegründet wurde. Erfreut war aber sicher sein Neffe Friedrich Simon Loeffler, der nach Leibniz Tod als Universalerbe 5.210 Gulden und 20 Kreuzer von der Wiener Stadtbank ausgezahlt bekam.
Sein Nachlass ist Weltkulturerbe
„Wir haben hier etwa 200.000 Manuskript-Blätter des Nachlasses von Leibniz aufbewahrt, die zu einem großen Teil noch erforscht werden müssen“, erläutert mir bei meinem Besuch Dr. Friedrich Hülsmann, Leiter der Abteilung Handschriften und Sonderbestände der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover. Wir stehen in einem klimatisierten Tresorraum, in dem sich auch die einzige Original-Rechenmaschine von Leibniz befindet. Man sei mit Vorführungen dieser Maschine sehr vorsichtig, da bei einer letzten Betätigung vor einige Jahrzehnten das Rechenwerk festklemmte. Der auch im gleichen Glasschrank aufbewahrte Nachbau der Maschine, den man auch betätigen darf, sei derzeit ausgeliehen. „Es gibt inzwischen einige Nachbauten der Maschine, teils mit kleineren Veränderungen“, erläutert der Wissenschaftler. Es konnte aber anhand der Nachbauten bewiesen werden, dass die Maschine bei richtiger Bedienung auch exakt funktioniere. Die Bedienung erfordere allerdings einiges an Erfahrung und ein entsprechendes Fingerspitzengefühl. Die Edition der Schriften Leibniz umfasst bereits über 40 Bände, die Arbeiten zur vollständigen Edition werden aber sicher noch 30 Jahre dauern. Mitte 2008 wurde der etwa 15.000 Briefe umfassende Bestand des Leibniz-Nachlasses von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Der Bestand umfasst Schreiben an 1.100 Gelehrte aus allen bereichen der Wissenschaften. Die Briefe stehen damit auf einer Stufe mit rund 120 Dokumenten aus aller Welt, darunter die Gutenberg-Bibel, Beethovens 9. Symphonie oder der literarische Nachlass Goethes.
Fünf Rechenmaschinen wurden gebaut
Bereits 1670 hat sich Leibniz auf sieben Seiten und in einer recht undeutlichen Skizze mit einer Rechenmaschine beschäftigt und 1671 schrieb er an den Herzog Johann Friedrich in Hannover: „In Mathematicis und Mechanicis habe ich vermittelst artis combinatoriae einige dinge gefunden die in praxi vitae von nicht geringer importanz zu achten, und ersichtlich in Arithmeticis eine Maschine, so ich eine Lebendige Rechenbank nenne, diweil dadurch zu wege gebracht wird, dass alle zahlen sich selbst rechnen, addiren subtrahiren multipliciren dividieren, ja gar radicem Quadratam und Cubicam extrahiren ohne einige Mühe des Gemüths…..Letztlich hat Leibniz sein ganzes Leben lang über seine Rechenmaschinen nachgedacht, anfertigen ließ er sie allerdings immer von Mechanikern. Die in Hannover erhaltene ist seine fünfte und letzte Maschine und wurde von einem Mechaniker in Zeitz gebaut. Und die Hoffnung, eines Tages noch eine weitere seiner Rechenmaschinen zu finden, lebt in der „Leibniz-Fangemeinde“ weiter.
Idee einer binären Rechenmaschine
Während sich Leibniz mit der binären (oder dualen) Mathematik recht ausführlich befasste, hat er über eine mögliche duale Rechenmaschine 1679 nur einige Zeilen hinterlassen. Auch hat er sich nach heutigem Wissensstand nie um eine praktische Umsetzung dieser Idee bemüht. Gefunden und aus dem Lateinischen übersetzt wurde die betreffende Stelle fast 300 später durch den Wissenschaftler Ludolf von Mackensen, der sie in seiner Dissertation an der TU München 1968 vorstellte und einen Bauentwurf zeichnete. Ein Modell dieser „Machina Arithmetica Dyadicae“ wurde nach diesem Entwurf 1971 vom Deutschen Museum in München konstruiert. 2004 bauten dann E. Stein und G. Weber ein verbessertes Modell, das im gesamten verfügbaren Zahlenraum richtig addiert und multipliziert. Der im Bild zu sehende Nachbau der binären Rechenmaschine steht im Museum Arithmeum in Bonn.Diese von Leibniz beschriebene Binär-Maschine kann damit als Vorläufer der jetzigen binär rechnenden Computer angesehen werden, deren erste mechanische Ausführung 1936 vom deutschen Computerpionier Konrad Zuse gebaut und als Z1 patentiert wurde. In Östereich war der Pionier in Sachen Computerentwicklung Heinz Zemanek, der in den 50er-Jahren mit seinem „Mai-Lüfterl“ berühmt wurde.
H. Wußing: 6000 Jahre Mathematik. 2 Bände. Springer 2008
J. Baker: 50 Schlüsselideen Physik, Spektrum Akad. Verlag 2009
T. Crilly: 50 Schlüsselideen Mathematik, Spektrum Akad. Verlag 2009
Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr Leibniz. Eine Biographie. Beck`sche Reihe Taschenbuch, 2007
Gilles Deleuze: Die Falte. Leibniz und der Barock. Suhrkamp Taschenbuch, 2000
G.W. Leibniz: Nachgelassene Schriften physikalischen, mechanischen und technischen Inhalts. Nachdruck der Originalausgabe; Georg Olms Verlag, 1995
Manfred Richter: Legende Lövenix. Ein ungesicherter Bericht über die Liebe und das Merkwürdige im Leben des Gottfried Wilhelm Leibniz. Trafo Verlag, 2004
Renate Feyl: Aussicht auf bleibende Helle. Diana Verlag Taschenbuch, 2008
Heinz Zemanek. Series „Classics of World Science Vol. 8”, herausgegeben von Stepan S. Moskaliuk für das Walter Thirring International Institute in der Ukraine, 2001.
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