Diese hoch kapitalisierten wachstumsorientierten IKT-Start-ups fehlen dem Standort Wien. Der IP-Telefonie-Anbieter Jajah, 2005 in Wien gegründet, gehört zu den wenigen Unternehmen, die es geschafft haben und dank internationaler Investoren zum Global Player aufgestiegen sind. Die Investments haben auch dazu geführt, dass das Unternehmen heute seinen Firmensitz nicht mehr in Wien hat.
Nun kann man natürlich einwenden, dass der Markt für Venture Capital beziehungsweise Private Equity in Österreich noch sehr schwach entwickelt ist. Dementsprechend spielt diese Form der Unternehmensfinanzierung auch nur eine untergeordnete Rolle bei den IKT-Unternehmen in Wien. Diese sind, so die IKT-Studie, in der Regel fremdfinanziert. 80 % von ihnen nutzen den Überziehungsrahmen der Hausbank, 35 % haben zusätzlich noch einen Kredit aufgenommen.
Gründe, warum keine institutionellen Investoren ins Boot geholt werden, gibt es viele. Da ist zum einen die Tatsache, dass IKT-Dienstleister erstens in der Regel keinen hohen Finanzierungsbedarf haben und zweitens nicht über das entsprechende Wachstumspotenzial verfügen, um für Investoren interessant zu sein.
Häufig ist es auch eine Vertrauensfrage, ob man institutionelle Anleger anspricht. Johannes Völlenklee, Mitgründer der Internetplattform Zooners (siehe dazu den Beitrag „Zooners: Die multimediale Visitenkarte“, S. 36) nennt genau diesen Punkt, warum er einer solchen Zusammenarbeit kritisch gegenüber steht. Er beziehungsweise das Unternehmen konnten einen privaten Investor finden, dem man vertraue, so Völlenklee. Wobei das Prinzip ja eigentlich das gleiche ist.
Und noch ein Argument gibt es: Vor allem im Bereich der Softwareentwicklung haben sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren geändert. Der Entwicklungsprozess ist nicht mehr auf einen Punkt hin ausgerichtet, an dessen Ende das perfekte Produkt steht, sondern die Beta-Version ist salonfähig geworden. Vor allem im Bereich der Online-Applikationen hat sich dieser Ansatz durchgesetzt. Er korreliert mit den Grundsätzen des agilen Projektmanagements, das ebenfalls auf die inkrementelle Entwicklung setzt. Das bedeutet häufig, dass auch der Finanzierungsbedarf nicht so hoch ist, denn eine Alpha- oder Beta-Version ist relativ schnell entwickelt, und auf dieser Basis lässt sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt herausfinden, ob Kundeninteresse besteht oder nicht.
Forschung wird in Wien groß geschrieben
Im Vorfeld von Unternehmensgründungen entsteht oft ein großer Forschungsaufwand, zum Beispiel im Bereich des Semantic Webs. Wien verfügt über die notwendige Forschungsinfrastruktur, die sich aus einer Vielzahl universitärer und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen, aber auch den entsprechenden Fördereinrichtungen zusammensetzt. An erster Stelle ist natürlich die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) zu nennen, die zentrale Institution auf Bundesebene. Die Förderungseinrichtung für Wissenschaft und Forschung der Stadt Wien ist der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF). Rund 7 Mio. Euro stehen dem privat-gemeinnützig organisierten Fonds zur Verfügung, um den Forschungsstandort Wien als Stadt der Wissenschaft und Innovation zu stärken.
Im Zentrum seiner Strategie steht dabei der Anspruch, herausragende Kompetenzen in der Grundlagenforschung dort zu schärfen, wo sie sich in sichtbaren Größenordnungen organisieren, mit einer mittelfristigen Aussicht auf Anwendungen verknüpft sind und damit die Bereicherung des Innovationspotenzials in der Region Wien versprechen. Die diesjährigen thematischen Schwerpunkte sind Life Sciences, Mathematik und Art(s) & Sciences.
Hightech jenseits der Donau
In Anspruch genommen werden die Fördergelder des WWTF von einer Reihe von Forschungseinrichtungen, die ihren Sitz im Tech Gate Vienna haben. Der Wissenschafts- und Technologiepark wurde zusammen von der Stadt Wien und vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) initiiert. Hauptgesellschafter des Parks ist die Wiener Städtische Versicherung, die sich Rahmen eines PPP-Modells an dem Projekt beteiligt. Vernetzt durch räumliche und thematische Nähe kooperieren hier Forschung und Entwicklung, Wissenschaft und Wirtschaft, Jungunternehmer und Konzerne. Zu den Mietern gehören Forschungseinrichtungen wie das Austrian Institute of Technology (AIT) und das Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung Forschungs GmbH (VRVis), aber auch Kompetenzzentren wie das E-Commerce Competence Center (EC3) oder das Virtual Reality Center.
Dass Wirtschaft und Forschung nicht an den Stadtgrenzen Halt machen, haben die politisch Verantwortlichen schon vor einiger Zeit erkannt. Immer häufiger beschränken sich Förderprogramme nicht mehr auf die Stadt, sondern sind auch für Unternehmen aus der Region offen. Dazu beigetragen haben die politischen Veränderungen in den letzten Jahren. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs und die Entwicklung der Europäischen Union zu einem der größten Wirtschaftsräume haben die Regionen eine ganz neue Bedeutung bekommen. Grenzen verlieren an Bedeutung, neue Wirtschaftsräume entstehen. Der Zusammenschluss Niederösterreichs, des Burgenlands und der Stadt Wien zur Vienna Region trägt dieser Entwicklung Rechnung.
Die Vienna Region ist die Drehscheibe zwischen Ost und West und liegt als Mittelpunkt Zentraleuropas an der Nahtstelle zu den Wachstumsmärkten Mittel- und Osteuropas. Der Wirtschaftsraum bietet ideale Voraussetzungen für grenzüberschreitende Business-Kooperationen und profitiert von den engen wirtschaftlichen Beziehungen mit den benachbarten Grenzregionen in Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Mit diesen zusammenzuarbeiten ist die Grundidee von Centrope - Europa Region Mitte, in der mehr als 6,5 Mio. Menschen leben. Centrope ist eine Wachstumsregion, die enorme Potenziale birgt. Die in den ehemaligen Transformationsländern gelegenen Partnerregionen haben in der Vergangenheit hohe Wachstumsraten erzielt, sind nun aber wie alle mittel- und osteuropäischen Länder von der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen.
Wien profitiert von der Ansiedelung internationaler Konzerne
So sehr Wien von der Zusammenarbeit in der Vienna Region und mit den Nachbarregionen in der Wachstumsregion Centrope profitiert, so muss festgehalten werden, dass sich Wien seine Brückenkopffunktion bereits vor der Ostöffnung erarbeitet hat. Schließlich ist die Stadt aufgrund ihrer Geschichte mit vielen Regionen im ehemaligen Ostblock eng verbunden. Diesen Vorsprung hat sich Wien bewahren können. Österreich, und damit auch die Stadt Wien, gehören zu den Gewinnern der Osterweiterung der Europäischen Union. Österreichische Unternehmen haben durch ihre Investitionen zum wirtschaftlichen Aufschwung im mittel- und osteuropäischen Raum beigetragen. In Ländern wie Kroatien, Slowenien und Rumänien machen österreichische Investitionen den Löwenanteil aus.
Viele Unternehmen betreiben ihr Osteuropageschäft weiterhin von Wien aus. Siemens, Kapsch, Hewlett-Packard und IBM etwa lenken von hier aus ihre Geschäfte in Mittel- und Osteuropa. So hat der Siemens-Konzern seine Mautkompetenzen in Wien gebündelt und betreibt das weltweite Mautgeschäft für den Konzern von dort aus. Siemens Electronic Tolling verfügt über eine satellitenbasierte Mautlösung, die mittlerweile fertig entwickelt und in die Slowakei verkauft werden konnte. Der Großteil der Technologie wurde dabei in Wien entwickelt, Siemens Electronic Tolling verfügt über etwa 30 Patente in den Bereichen Mauttechnologie und Mautprozesse.
Aber die Wirtschafts- und Finanzkrise macht auch vor der CEE-Region und dem Standort Wien nicht halt. Während Siemens mit seiner Softwareschmiede PSE früher ein wichtiges Wachstumselement der IKT-Branche in Wien war, steht heute die Kündigung von mehr als 600 Mitarbeitern im Raum. Zählt man die 220 Mitarbeiter dazu, die Ende Juni das Unternehmen nach Annahme eines Sozialplans verlassen haben, dann ergibt sich daraus ein Arbeitsplatzverlust von mehr als 800 Stellen.
Jobabbau bei den großen Unternehmen und fehlende Wachstumsperspektiven bei den kleinen im Dienstleistungsbereich tätigen Firmen, die Zukunft sieht derzeit gar nicht so rosig aus. Aber eine Krise kann immer auch eine Chance sein. Wien verfügt über eine Vielzahl hervorragender Bildungseinrichtungen, die Stadt ist Standort von exzellenten Forschungseinrichtungen und bringt immer wieder junge Unternehmen hervor, die nicht nur auf den österreichischen Markt, sondern auch auf die internationalen Märkte drängen. Das Potenzial ist also vorhanden, um die Vorhersage von Vizebürgermeisterin Brauner wahr werden zu lassen.




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Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 