Monitor: Die Stadt Wien hat sich in den letzten Jahren als IKT-Standort in Europa etablieren und dabei auch von den Veränderungen in Mittel- und Osteuropa profitieren können. Ist es vor allem die geografische Lage, die die Entwicklung des IKT-Sektors in Wien begünstigt hat oder gibt es auch andere Gründe dafür?
Brauner: Selbstverständlich ist die geografische Lage ein Standortfaktor. Doch gerade für den Bereich der IKT sind die guten Ausbildungsstätten, die qualifizierten Arbeitskräfte und die hohe Lebensqualität in Wien wesentliche Vorteile. Zusätzlich schätzen die Unternehmen an Wien das vorhandene Fachwissen über den Zentral- und osteuropäischen Wirtschaftsraum.
Monitor: Was kann die Politik tun, damit Wien sich weiterhin auf europäischer Ebene behaupten kann, vor allem gegen nahe Konkurrenten wie Budapest oder Bratislava?
Brauner: Wien ist bereits heute einer der größten IKT Standorte in Europa nach London und München. Darauf bin ich stolz. Deshalb unternimmt die Stadt auch alles, um das Erreichte zu halten und noch besser zu werden. Dazu gehört der Ausbau der IKT Infrastruktur bspw. im Breitbandbereich, die Stärkung der Ausbildungssituation und die Förderung von F & E-Projekten. Mit Vienna IT Enterprises (VITE) hat Wien eine Schnittstelle und einen Cluster für IKT Unternehmen, der durch Information, Beratung und Kooperationsprojekte einen wesentlichen Mehrwert für die Wiener IKT Unternehmen bringt. Zudem arbeiten wir in der Stadt gerade an einer neuen Initiative für innovativen Content im IKT-Bereich. Denn was nützt der Ausbau von Breitbandtechnologie, wenn nicht zugleich die Nachfrage durch attraktive Inhalte stimuliert wird.
Monitor: Der IKT-Sektor wird in Wien von vielen kleinen Unternehmen geprägt, große Leitbetriebe wie sie andere europäische Großstädte kennen, fehlen. Ist das ein Nachteil für den Standort Wien oder angesichts der Wirtschaftskrise eher als Vorteil zu sehen?
Brauner: Die Vielfalt des IKT Standortes Wien ist ein wesentlicher Standortvorteil. Sie finden in Wien alle relevanten Player des IKT Sektors und auch eine ganze Reihe von hochtechnologischen und kompetenten KMU, die in ihrem Segment oft Marktführer sind. Schauen Sie sich bspw. die Spieleentwickler in Wien an. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise ein wichtiger Faktor, da der Standort nicht nur von einem Großbetrieb abhängig ist. Zudem agieren viele der kleineren und mittleren IKT-Unternehmen grenzüberschreitend - eine zusätzliche Standortabsicherung. Und viele der IKT Betriebe sind in ihrem Bereich sehr wohl Leitbetriebe.
Monitor: Was zeichnet den IKT-Standort Wien des Jahres 2020 aus und was muss getan werden, um diese Ziele zu erreichen?
Brauner: Wien wird dann ein vernetzter, wissens- und technologiebasierter Wirtschaftsstandort sein, der an der europäischen Spitze steht. Der Austausch zwischen Wirtschaft, klassischer Industrie, Creative Industries und Forschung wird eine Selbstverständlichkeit sein und keiner Förderung mehr bedürfen. Der Umgang mit IKT Technologien und neuen Medien wird für alle Wienerinnen und Wiener einfach und ebenso selbstverständlich sein. So etwas wie "digital gap" wird es in Wien nicht mehr geben.
Monitor: Vielen Dank für das Gespräch.




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Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 