Die Creative Industries als Zukunftsmarkt
Der technologische Fortschritt und das Innovationspotenzial sind ohne Kreativität nicht möglich. Im Rahmen der von der Stadt initiierten Wiener Technologieoffensive genießen daher auch die Creative Industries einen hohen Stellenwert. Für diesen Zukunftsmarkt wurde mit der „departure wirtschaft, kunst und kultur GmbH“ eine eigenständige Wirtschaftsförderungs- und Servicestelle geschaffen. Als Wirtschaftsfördereinrichtung unterstützt departure Unternehmen, hauptsächlich aus den Bereichen Mode, Multimedia, Musik und Produkt- bzw. Industriedesign. Departure vergibt keine Kunst- und Kultursubventionen, sondern bietet seine Leistungen und Förderungen kreativ tätigen Menschen an, die ihre Ideen und Entwicklungen im Rahmen klassischer wirtschaftlicher Tätigkeit nutzen und etablieren wollen, mit dem Ziel, auf kreativen Ideen und Innovation basierende Produkte und Dienstleistungen erfolgreich am Markt anzubieten. Gefördert werden Projekte, welche die Entwicklung von innovativen Produkten, Verfahren oder Dienstleistungen mit künstlerisch-kreativer Ausrichtung, deren Vermarktung oder die Entwicklung innovativer Verwertungsstrategien für künstlerisch-kreative Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen forcieren.So hat beispielsweise die Konvergenz verschiedener Medienräume und digitaler Technologien zu neuen Kulturformaten geführt, an deren Entwicklung Wiener Kreative und Unternehmen maßgeblich beteiligt sind. Viele Wiener Agenturen und Firmen haben inzwischen international anerkannte
Medientechnologien entwickelt und Wien dazu verholfen, zu einer Hauptstadt der visuellen Musik zu werden. Verwurzelt in den Pionierleistungen des Expanded Cinema sowie von Video-, Medien- und Netzkunst entstanden in den letzten Jahren spannende Mischformen.
Welche Bedeutung der Bereich für Wien hat, zeigen die Zahlen. Von 80.000 Wiener Unternehmen arbeiten 18.000 im Bereich der Creative Industries. Mehr als 107.000 Menschen - mehr als 15 % aller in Wien Beschäftigten - sind in diesem Bereich tätig.
Die Beschäftigung in Wien nahm in den Jahren 1995 bis 2003 um 0,2 % pro Jahr, gesamt um 1,8 % zu. Der Beschäftigungszuwachs in den Creative Industries betrug im gleichen Zeitraum knapp 2 % pro Jahr, und gesamt plus 17 %. Die Creative Industries sind damit ein wichtiger Jobmotor für Wien, und sie verleihen der Stadt ein kreatives Image.
Die Grenzen zwischen den Creative Industries und der IKT-Branche lassen sich dabei gar nicht so einfach ziehen. Die Vienna Symphonic Library GmbH (VSL) etwa gehört zu den Pionieren der Creative Industries. Das stark forschungsorientierte Unternehmen entwickelt und produziert Musiksoftware und Sample- Libraries und wird immer wieder mit Preisen ausgezeichnet, so unter anderem in San Francisco mit dem Technical Excellence & Creativity Award 2006 für „herausragende technische Leistungen“. An diesem Beispiel zeigt sich, wie schnell die Grenzen verschwimmen, was aber kein Nachteil sein muss, denn je heterogener ein Bereich ist, desto größer ist sein Innovationspotenzial.
Auch im Bereich der verschiedenen Förderprogramme verschwimmen die Grenzen manchmal. In der IKT-Studie ist von einem „breiten und weitreichenden, aber fragmentierten Förderangebot“ die Rede. Kritisiert wird seitens der Unternehmen, dass das Antragsprozedere und die Förderabwicklung sehr aufwändig seien. So erstaunt es nicht, dass vor allem kleinere Unternehmen lieber auf Förderungen verzichten.
Cluster und Netzwerke für die IKT-Unternehmen
Nicht nur Förderprogramme sollen das Innovationspotenzial der Unternehmen stärken, auch auf Vernetzung und Clusterbildung setzen die politisch Verantwortlichen. Vor allem Cluster stellen ein wichtiges Instrument dar, um die Innovations- und die Wirtschaftskraft einer Region durch gezielte Zusammenarbeit zu stärken (siehe dazu „Cluster: auf die richtige Mischung kommt es an, S. 34). Auch die Studie „IKT-Standort Wien im Vergleich“ geht auf diesen Ansatz ein. Dort halten die Autoren fest, dass IKT in seiner Gänze in sehr vielen Bereichen der Wirtschaft und der Wissenschaft zu finden sei und sich ohne feinere Differenzierung in Subsektoren kaum für eine sinnvolle Clusterstrategie eigne.
Eine Einschätzung, die auch Franz Zuckriegl, Grazer Unternehmensberater und Clusterexperte, teilt, der den IKT-Sektor „als eine typische Querschnittsmaterie bezeichnet, die selten in typischen Clustern organisiert ist, weil es eben das Wesen von Clustern ist, thematisch fokussierter gefasst zu sein“. Dies deckt sich mit der Beobachtung der IKT-Studie, dass Clusterpolitik im Bereich IKT in Europa rar sei.
Trotzdem ist Zuckriegl aber davon überzeugt, „dass viele - vor allem innovativere - IKT-Unternehmen Cluster-Mitglieder sein werden, allerdings in verschiedenen Clustern. Beispiel: Ein Software-Entwicklungsunternehmen hat sich auf Logistik-Software für die Pharma- und Automobil-Industrie spezialisiert und wird deshalb Mitglied sowohl im Life-Science- als auch im Automobil-Cluster sein“.
Angesichts der Struktur der IKT-Branche in Wien stellt sich daher die Frage, ob ein Cluster nicht scheitern würde, denn die Autoren der IKT-Studie halten fest: „ In den meisten einzelnen Subsektoren fehlt die kritische Masse an Akteuren mit überregionalem Renommee sowie das notwendige Potenzial an herausragenden Innovationen, woraus sich Cluster entwickeln könnten.“
Ein IKT-Cluster würde also in ihren Augen gar nicht so viel Sinn machen. Allerdings schlagen sie vor, einzelne Clusterelemente zu übernehmen und verweisen auf VITE (Vienna IT Enterprises), das sich als Netzwerk für Unternehmen aus der IKT-Branche etabliert hat. Hier hat die Stadt mit dem WWFF als Träger des Netzwerks vorausschauend agiert und eine Struktur geschaffen, die mehrere Ziele verfolgt. Vorrangig ist dabei, das Bewusstsein zur Notwendigkeit für Kooperationen zu stärken, die vorhandenen Kompetenzen der Mitglieder zu vernetzen, um damit neue und innovative Projekte zu initiieren (zu VITE und anderen Netzwerken siehe den Beitrag „IKT-Standort Wien: Netzwerke und Initiativen, S. 28).
Dafür sollen zwischen Unternehmen, Forschungs-, Entwicklungs- und Bildungseinrichtungen leistungsfähige Kooperationen hergestellt werden, die die eigene Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, aber auch den IT-Standort Wien aufwerten. Für solche Kooperationen gibt es nicht nur Unterstützung durch VITE, sondern auch finanzielle Anreize. Mit „Koop pro Wien 2009“ führt der WWFF in diesem Jahr eine Förderaktion durch, bei der die Mitglieder der Technologiecluster Automotive Cluster Vienna Region (ACVR), Vienna IT Enterprises
(VITE) und Kunststoff-Cluster (KC) einen Förderantrag stellen können. Eine erste Ausschreibung, für die 500.000 Euro zur Verfügung standen, endete im Juni. Eine zweite Ausschreibung ist noch für dieses Jahr geplant. Die maximale Fördersumme pro Vorhaben beträgt 50.000 Euro.
Zurück zu VITE, das seinen Sitz aus standortpolitischen Gründen am Höchstädtplatz hat, wo sich auch das Business & Research Center befindet. Das ehemals industriell geprägte Gebiet ist strukturell besonders schwach entwickelt, weshalb es gemeinsam mit weiten Teilen des 2. und 20. Bezirks zum „Ziel-2-Gebiet“ erklärt wurde, in dem die Stadt Wien gemeinsam mit der Europäischen Union besondere Unterstützungen anbieten konnte. Mit Hilfe des Technologie- und Gründerzentrums sollen innovative IT-Unternehmen angesiedelt und mit maßgeschneiderten Beratungs- und Serviceinitiativen zum Impulsgeber für den Höchstädtplatz, den Bezirk und die ganze Wiener Wirtschaft werden.
Direkt daneben befindet sich das Technikum Wien. Mit derzeit über 2.000 Absolventen und mehr als 2.500 Studierenden sowie elf Bachelor- und 16 Masterstudiengängen ist die FH Technikum Wien der größte Fachhochschul-Anbieter für technische Studien in Österreich. Studienangebote gibt es unter anderem in den Bereichen Informatik, Mechatronik/Robotik, Informatik, Informations- und Kommunikationssysteme und intelligente Transportsysteme. Für die Studierenden ist es ein großer Vorteil, dass enge Kontakte zur Wirtschaft bestehen. Für Industrie und Gewerbe, mit denen die FH in der Lehre eng zusammenarbeitet, wird anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung durchgeführt. Ob es darum geht, Test oder Diagnosemöglichkeiten für die verteilten Kommunikationssysteme in Automobilen zu entwickeln oder Roboter dazu zu bringen, Fußball zu spielen: Durch die Zusammenarbeit mit den Firmen im Rahmen der Forschungs- und Entwicklungsprojekte schaffen viele Studenten den direkten Sprung in das Berufsleben.
Wo Unternehmensgründer Unterstützung bekommen
Für viele Absolventen ist natürlich auch die Selbständigkeit ein Thema. Hier bietet seit einigen Jahren INiTS seine Unterstützung an. INiTS ist das Wiener Zentrum des AplusB-Programms, durch das mehr wissens- und technologiebasierte Unternehmen gegründet werden sollen. Ziele von
INiTS als universitäres Gründerzentrum sind es, einen dauerhaften Anstieg der Zahl akademischer Spin-offs in Wien zu erreichen und die Qualität sowie Erfolgswahrscheinlichkeit dieser Gründungen zu steigern. Darüber hinaus soll das Potenzial an Unternehmensgründungen im akademischen Bereich erweitert und der Technologietransfer durch unternehmerische Verwertung von Forschungsergebnissen gezielt unterstützt werden.
Wer in den INiTS-Inkubator aufgenommen werden möchte, muss schon sehr genaue Vorstellungen von seinem Geschäft haben. Ist das Aufnahmeprozedere einmal geschafft, geht die Arbeit eigentlich erst richtig los. Das Unternehmen muss gegründet, das Team aufgestellt werden. 24 Projekte aus dem IKT-Bereich wurden vom INiTS-Team bis jetzt betreut, fünf bekommen aktuell Unterstützung.
Zu den „Ehemaligen“ gehört auch negPOINT. Seine E-Sourcing-Lösungen unterstützen in jedem Prozessschritt die strategische Beschaffung mit der passenden Software und ermöglichen es, Optimierungspotenziale bestmöglich auszuschöpfen. Es können nicht nur kosten- und zeitsparende Online-Ausschreibungen sowie rückläufige Auktionen zur Auftragserteilung eingesetzt, sondern auch interaktive Verhandlungen gewinnbringend und effizient online abgewickelt werden.
Dass der Bedarf nach solchen Lösungen groß ist, beweisen die Auszeichnungen, die das Wiener Unternehmen in diesem Jahr erhielt. Im Rahmen der CeBIT kam das Team um Ibrahim Imam beim Innovationspreis-IT 2009 unter die Top 3 und erhielt gleichzeitig auch den European Seal of
E-Excellence in Silber, die erste und einzige europäische Auszeichnung für Innovationen und E-Marketing digitaler Produkte und Dienstleistungen.
Und vor kurzem gab Red Herring bekannt, dass negPOINT einer der Gewinner des „Red Herring 100 Europe“-Preises ist, eine Auszeichnung, die jährlich an die führenden 100 Privatunternehmen im Technologiebereich verliehen wird und dem Unternehmen auch internationale Aufmerksamkeit verschafft hat.
In einem ganz anderen Bereich ist die Smart Information Systems GmbH (siehe dazu: „Smart Information Systems: Suchmaschinen sind dumm“, S. 35) erfolgreich. Sie entwickelt digitale Berater, die in den Webauftritt von E-Commerce-Anbietern eingebunden werden können. Die Lösung basiert auf Semantic-Web-Technologien, die nach Ansicht der Experten die uns heute bekannten Suchmaschinen ablösen und uns in der Nutzung des Internets völlig neue Dimensionen eröffnen werden.
Unternehmen wie negPOINT oder Smart Information Systems sind für den IKT-Standort Wien von großer Bedeutung, weil sie mit ihren innovativen Ansätzen anderen Gründern als Vorbild dienen. Und die braucht der Standort Wien, denn die IKT-Studie zeigt zwar eine sehr dynamische Entwicklung der Gründungszahlen. Im Vergleich bleibt Wien aber hinter anderen europäischen Standorten wie beispielsweise München zurück.
Allgemein zeichnet sich der IKT-Sektor aber durch eine hohe Gründungsdynamik aus. Das Beispiel YouTube zeige, so die Studienautoren, dass IKT-Start-ups überproportional häufig extrem hohe Wachstumsraten erzielen und sich innerhalb weniger Monate bzw. Jahre zu hochkapitalisierten börsennotierten Unternehmen entwickeln könnten.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 