In den letzten Wochen ist die, von manchen wie ein Glaubenskampf geführte, Debatte um die Netzneutralität erneut aufgeflammt. Der Mobilfunkbetreiber T-Mobile möchte die Verwendung von Skype auf den iPhones verhindern, um das eigene Geschäftsmodell durch kostenlose VoIP-Telefonate nicht aushebeln zu lassen. Andere Dienste wie Instant Messaging sind von einigen Betreibern ebenfalls schon unterbunden worden. Die Aufregung ist groß; wieder einmal wird vor dem Ende der Netzneutralität gewarnt. Dabei setzen Mobilfunknetze auf GSM/UMTS und nutzen nur an WLAN-Hotspots IP-Netze, also die Internet-Infrastruktur und nur darauf bezog sich bisher in der Regel die Diskussion um Netzneutralität.
Rückblende. Mitte Dezember 2008 berichteten die Medien plötzlich, dass Google, exponierter Verfechter der Gleichbehandlung im Internet, von dieser Position abrücken würde. Das Unternehmen würde mit Zugangsanbietern im Internet kooperieren, um schneller seine Daten durchs Netz befördern zu können und würde so gegen die Netzneutralität handeln. Jenseits von allem Getöse in den Medien geht es dem Suchmaschinenanbieter darum, Zwischenspeicher bei Betreibern aufzustellen. Das verkürzt die Bereitstellung der angefragten Inhalte, weil häufig aufgerufene Daten nicht jedes Mal von den zentralen Servern bis zum Endkunden transportiert werden müssen. Es ist alles andere als eindeutig, dass Google damit gegen das Prinzip der Netzneutralität verstoßen hat, aber die in beiden Fällen sehr aufgeregte Debatte zeigt, wie brisant das Thema ist. Was sind die Hintergründe, und worum geht es?
Ist die Freiheit des Internet in Gefahr?
Das Internet war ursprünglich nicht für die kommerzielle Nutzung konzipiert, sondern für die Vernetzung von Universitäten und Forschungseinrichtungen. Eines der grundlegenden Prinzipien war dabei von Anfang an, dass jeder Inhalt mit der gleichen Priorität übertragen wird und alle Teilnehmer Inhalte und Dienste von verschiedenen Anbietern beziehen und nutzen können. Zugangsanbieter übermitteln Datenpakete an ihre Kunden, unabhängig davon, woher sie kommen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben. Die Netzknoten im Internet behandeln also alle IP-Datenpakete des öffentlichen Internetverkehrs nach bestem Bemühen und gleicher Wichtigkeit (Best Effort-Prinzip). Für diese neutrale Datenübermittlung im Internet wird allgemein der Begriff Netzneutralität verwendet.
Beim traditionellen Ansatz des Geschäftsmodells im Internet ergänzen sich Netzbetreiber und Dienstanbieter gegenseitig. Netzbetreiber liefern Internetzugänge, die sie umso besser vermarkten können, je attraktiver die darüber transportierten Dienste sind. Die Dienstanbieter hingegen benötigen die Infrastruktur der Netzbetreiber als Grundlage für ihre Angebote. In diesem Modell entwickelten und vermarkteten anfangs hauptsächlich die großen Carrier neue Dienste, häufig mit erheblichen Investitionskosten.
Das hat sich geändert, seitdem kleinere Anbieter mit meist sehr viel geringeren Kosten erfolgreich neue Dienste und Anwendungen für das weltweite Netz entwickelt haben. Sie mussten dafür keine teure Infrastruktur aufbauen und betreiben, sondern konnten auf das öffentliche Internet und die sich bei Privatanwendern und Firmen sehr schnell durchsetzenden Breitbandanschlüsse setzen. Eine intelligente Anwendung kann über die Verbreitungs- und Kommunikationsmechanismen des Internet vergleichsweise schnell Millionen von Kunden bekommen. Bekannte Beispiele sind Google, Skype, Amazon, ebay, Flickr, Youtube, Facebook und andere Firmen. Sie generieren über dieses Geschäftskonzept nicht zwangsläufig sehr viel Umsatz, aber nahezu immer sehr große Datenmengen. Hinzu kommt Peer-to-Peer-Traffic (P2P), der ebenfalls sehr hohe Datenvolumina erzeugt. Zudem dürfte interaktives Fernsehen schon bald dank weiter wachsender Breitbandanschlüsse attraktiver werden und zum überproportionalen Wachstum der über das Netz transportierten Daten beitragen.
Vor diesem Hintergrund hat sich bereits Ende 2005 der damalige AT&T-CEO Ed Whitacre über Google, MSN oder die Internet-Telefoniefirma Vonage echauffiert, die ‚seine' "Festnetzleitungen gratis nutzen" wollten, und einen "Mechanismus" gefordert, der sicherstellt, "dass die Leute, welche diese Leitungen nutzen, anteilsmäßig dafür bezahlen". Ähnlich äußerten sich zwischenzeitlich zahlreiche Vertreter von Betreibern. Und dieser Konflikt kocht aktuell beim Thema Mobilfunk und Skype hoch. Die Gegner, neben Content-Providern bzw. - Distributoren wie Google, Microsoft und ebay sind dies besonders in den USA Bürgerrechtler und Politiker, sehen schon Mautstationen auf der Datenautobahn stehen und die Freiheit des Internet gefährdet.
Von Autobahngebühren und Fernverkehr
Wer unvoreingenommen diese Debatte betrachtet, kommt nicht umhin, den Vergleich zwischen Autobahn und Datenautobahn aufzugreifen. In vielen Ländern wurde lange Zeit der freie Verkehr auf den, zumeist steuerfinanzierten, Autobahnen verteidigt. Mittlerweile zahlen selbst in Deutschland LKW, die erwiesener Maßen stärksten kommerziellen Nutzer der Verkehrsinfrastruktur, eine Gebühr. Es gilt hier: Wer die Infrastruktur stark beansprucht, von dem wird ein entsprechendes Entgelt verlangt. Durch Maßnahmen wie im obigen Beispiel wird weder die Freiheit des Frachtverkehrs aufgehoben noch erleiden Kraftfahrer dadurch Nachteile. Durch die Gebühren tragen sie ganz im Gegenteil zur Verbesserung der Qualität der Fernstraßen bei.
Es ist zudem nicht nur so, dass Netzbetreiber von Diensteanbietern und Content-Providern Gebühren für die Übermittlung datenintensiver Inhalte wie Videos Geld verlangen wollen. Eine wachsende Zahl von Unternehmen möchte sich nicht mehr auf das Best Effort-Prinzip des Internet verlassen, sondern ihre Datenpakete mit einer anderen Dienstgüte (Quality of Service - QoS) über das Internet versenden. Das dürfte auch einer der Gründe sein, warum Google Zwischenspeicher bei Betreibern installieren und durch eine Verstärkertechnik für verbesserte QoS sorgen möchte. Google ist wohl bereit, dafür zu zahlen.
Garantierte Servicequalität kann auf diesem Weg aber noch nicht gewährleistet werden; die Daten werden lediglich geografisch besser verteilt gespeichert. Hierzu wäre es sinnvoll, die Vorzüge IP-basierter Next Generation Networks zum Tragen kommen zu lassen. Dank MPLS-Technologie und deren diversen Weiterentwicklungen für Transportnetze existieren heute die geeigneten Verfahren zur Priorisierung und Nachverfolgung von Datenpaketen. Anbieter wie Skype, die ohne eigene Netzinfrastruktur agieren, könnten somit für ihre zahlenden Kunden den störungsfreien Betrieb ihrer sensiblen und für sie geschäftskritischen Sprachdienste gewährleisten. Und Betreiber wie T-Mobile könnten VoIP-Dienste ohne das eigene Geschäftsmodell zulassen, da beide Seiten sich auf wirklich gerechte Geschäftsbedingungen geeinigt hätten.
Fazit: faire Bedingungen für alle auf der Datenautobahn
Bei der Diskussion um die Netzneutralität geht es nur vordergründig um die Freiheit des Internet, denn gerade die Unternehmen, die sich vehement für das Beibehalten des Status Quo einsetzen, profitieren derzeit (noch) am meisten davon. Große Anbieter mit hoher Finanzkraft können sich teure Maßnahmen leisten, die für sie schon heute eine Beschleunigung ihrer Dienste ermöglichen. Ein Zwei-Klassen-Internet entwickelt sich also in der bestehenden vermeintlich egalitären Struktur. Bei Licht betrachtet, ist diese Entwicklung aber gefährlich für kleinere Service- und Contentprovider. Denn sie werden nicht die Mittel haben, ihre Angebote entsprechend benutzerfreundlich zu gestalten.
Damit sie aber mittel- bis langfristig die Qualität ihrer Leistungen, sprich den Transport der Datenpakete, sicherstellen können, liegt es in ihrem Interesse, sich mit den Betreibern auf ein neues Geschäftsmodell für das Internet zu einigen. Denn nur ein allgemein gültiges Regelwerk gibt auch kleineren Service- oder Content-Providern eine Chance. Darin sollte zunächst festgelegt werden, dass ein bestimmtes Volumen an Datenverkehr, jeweils generiert durch kleine Service- und Content-Provider oder P2P-Nutzer, die Daten nicht in Unmengen saugen, keine Gebühren kostet. Darüber hinaus gehender Traffic sollte nach einem neuen Modell entsprechend der Datennutzung verrechnet werden. Dies wäre ein faires Verfahren für alle Beteiligten. Der vermeintliche Einstieg in ein Zwei-Klassen-Internet weist somit ohne Scheuklappen betrachtet den Weg in ein zukünftiges Geschäftsmodell für das Internet.



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8/2011
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Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 