29-4-2009 | Aus MONITOR 2009 Special Kommunikation Gedruckt am 25-04-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/11522
Strategien

Open Source Business und die Wirtschaftskrise:

K(l)eine Insel der Glückseligen?

Zwar geht infolge der anhaltenden Turbulenzen an den Kapitalmärkten die dadurch verstärkte Wirtschaftskrise auch an den Lösungsanbietern von Open Source nicht spurlos vorbei. Dennoch überwiegen nicht nur nach Einschätzung von Insidern die positiven Elemente. Ist die Gemeinde also Teil der Rezession oder profitiert sie von dem ökonomischen Abschwung?

Lothar Lochmaier

Was orakeln zunächst die nicht unbedingt mit dem üblichen Stallgeruch behafteten Marktanalysten über das Innovationsbarometer in der offenen Szene? Dass das Open-Source-Business generell profitiert und dies zu deutlich mehr Verkaufsabschlüssen führt, hält Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC für mehr oder minder deutlich ausgeprägtes "Wunschdenken".

Der Marktbeobachter lässt aber auch durchblicken: "Profitieren werden alle Angebote, die ein besseres Risk-Management, Corporate-Performance-Management und Planning erlauben, also alles rund um Business Intelligence und Analytics. Besonders Open Source Anbieter wie Actuate, Pentaho oder Jedox werden zu den Gewinnern zählen."

Es gibt jedoch aus der Ecke der Analystengemeinde auch Stimmen, die die wachsende Marktposition der freien Szene deutlich optimistischer taxieren. "Die Rezession und der wirtschaftliche Abschwung ist eine Chance für Open Source Anbieter, ihre Lösungen stärker an den Mann zu bringen", sagt Axel Oppermann von den Marktforschern der Experton Group.

„Der wirtschaftliche Abschwung ist eine Chance für Open- Source-Anbieter, ihre Lösungen stärker an den Mann zu bringen.“ Axel Oppermann, Experton Group.

Woher kommt soviel Optimismus? Einer der simplen Gründe liegt in der schlanken Struktur statt einem aufgeblähten Apparat an Kosten und Personal. So arbeiten viele Unternehmen effektiv und kostengünstig. Ein Beispiel: Einer der bekannten Größen unter den Anbietern von OSS-basierten CRM-Lösungen - SugarCRM - hat weltweit lediglich 165 Mitarbeiter beschäftigt.

Davon sind im Unternehmen "nur" 40 Mitarbeiter mit der Programmierung beschäftigt. Die eigentliche Stärke liegt jedoch in der erweiterten Schlagkraft: So sind in der Developer-Community mehr als 15.000 Entwickler angemeldet. Diese arbeiten "quasi unentgeltlich" für SugarCRM an mehr als 550 Projekten: "Ein entscheidender Vorteil gegenüber Microsoft und Co., die allein schon Tausende von Entwicklern beschäftigen und finanzieren müssen", gibt Axel Oppermann zu bedenken.

Aus Kosten-Nutzen-Sicht der Unternehmen gibt es weitere Argumente mit Blick auf regelmäßige Kostenblöcke. Wie viel Ressourcen an Zeit, Geld und Personal verschlingen Tests, Implementierung und der laufende Betrieb bei proprietären Lösungen? "Ein abermals zunehmender Druck auf die IT-Budgets wird viele OSS-Hasser zu Testern und schließlich zu OSS-Freunden machen", prognostiziert Oppermann.

Durchgehend optimistisch bewertet auch die Szene selbst die aktuelle Stimmungslage. Datenbankspezialist Ingres etwa sieht für die Nutzer proprietärer Software momentan das Risiko, dass sich aufgrund der Finanzkrise die Entwicklungszyklen verlangsamen oder sich gar manche neuen Features überhaupt nicht mehr verfolgen lassen.

"Schlimmstenfalls für das Unternehmen geht sein Software-Anbieter in Konkurs", sagt Bertram Mandel, Managing Director CEMEA und Vice President Sales & Services bei Ingres. Dann stehe das Unternehmen mit seinen unzähligen Lizenzen da und habe weder Support noch die Aussicht auf Weiterentwicklungen, Updates und Patches zur Verfügung.

Im Gegenzug dazu sieht Mandel einen weiter gezogenen Schutzschirm in der eigenen Community aus. Mit Ingres CAFÉ (Consolidated Application Foundation for Eclipse) habe diese erst neulich wieder eine innovative Weiterentwicklung angestoßen. "Das Bundle vereint alle Komponenten, um in der Eclipse Foundation's Open Source Entwicklungsumgebung Java-Applikationen schnell und einfach zu entwickeln und einzusetzen", so Mandel weiter.

Big Business versus Small Business

„Das Internet hat mit Webhostern und ISPs eine komplett neue Industrie entstehen lassen, deren Erfolg weitestgehend auf OpenSource-Software basiert.“ - Rafael Laguna, Open-XChange

Open Source biete somit nicht nur effektive Lösungswege für die bestehenden und kommenden Herausforderungen in der IT von Unternehmen. "Sie gibt gleichzeitig Unternehmen mehr Spielraum und Flexibilität an die Hand, um auf Marktschwankungen besser eingehen zu können", bilanziert Mandel.

Auch Jaspersoft, einer der Spieler auf dem hart umkämpften Markt für Business Intelligence, sieht sich auf der Überholspur positioniert. Zumindest bestätigt dies CEO Brian Gentile: "Wir sehen gute Chancen, dass die Nachfrage nach unseren Lösungen gerade wegen der angespannten Wirtschaftslage - und dieser zum Trotz - steigen wird." Durch exakte Analysemöglichkeiten und die geforderten Mindestrenditen auf Investitionen rechnet der Experte damit, dass Unternehmen jetzt andere Prioritäten bei ihrem Kapitaleinsatz und bei den Ausgaben setzen.

Im Klartext: Gerade die strikten Vorgaben beim Rückfluss von Investitionen (ROI-Vorgaben) spielten der zunehmend ausgereiften kommerziellen Open Source Software als auch den Business Intelligence-Tools in die Hände, da diese eine umfassende Evaluierung der operativen Betriebsleistung ermöglichten. Allein beim Systemmanagement ließen sich durch quelloffene IT-Lösungen rund 35 % an Kosten sparen, kalkuliert IT-Dienstleister it-novum GmbH, eine Tochtergesellschaft der KAP Beteiligungs-AG.

 

Österreich hat noch Nachholbedarf

"Die Unternehmen sind deutlich genervt von den unnützen Feature-Monstern", bilanziert Michael Kienle, Geschäftsführer von it-novum. Das Unternehmen bereitet sich derzeit auf den Markteintritt in Österreich vor und hat sich dementsprechend personell verstärkt. Als wichtigsten Trend aus Sicht der Unternehmen sieht der Experte den Umstand, dass immer mehr Entscheidungsträger die Argumente von den Lizenzkostenblöcken weg in Richtung qualitativ hochwertige, unabhängige, flexible, aber eben auch bezahlbare Dienstleistungen verschieben.

Die Open Source Szene in Österreich sei bislang jedoch eher stiefmütterlich behandelt worden, ergänzt Ing. Michael Kalaus, Regional Manager Austria & Eastern Europe bei it-novum. Der Dienstleister stößt derzeit fast überall auf offene Türen, vor allem, weil die Lizenzkosten eine deutlich größere Rolle als früher spielen. Gefragt seien jedoch andererseits professionelle und nachhaltige Services. "Wir wollen dazu in Österreich und Osteuropa eine unabhängige Organisation aufbauen", betont Kalaus.

Man kann das Innovationsspektrum aber auch noch weiter fassen: Nicht nur am Backend, sondern auch am Frontend des Kommunikationsflusses im Unternehmen - mit zahlreichen Web 2.0-Funktionalitäten verstärkt - dürfte sich einiges ändern. Nach Auffassung von Rafael Laguna, CEO vom Groupware-Anbieter Open-XChange, rekurrieren bereits heute die universellen Bausteine des Internets wie Linux, Apache, PHP, MySQL, BIND, Postfix, Sendmail und andere Technologien bzw. Plattformen auf OpenSource-Software.

Nachhaltiger Trend: E-Tail statt Retail

"Das Internet hat mit Webhostern und ISPs eine komplett neue Industrie entstehen lassen, deren Erfolg weitestgehend auf OpenSource-Software basiert", so der Experte. Immerhin beherbergen deren Rechenzentren weltweit 1,5 Milliarden E-Mail-Konten und den Großteil der 150 Millionen Webseiten. "Nahezu alle Server arbeiten mit dem LAMP-Stack aus Linux, Apache, MySQL und PHP", betont Laguna.

Der Geschäftsführer von Open-XChange rechnet in den nächsten Jahren mit zahlreichen neuen Webapplikationen in Java, Perl, Ruby oder Python, die auf jenem LAMP-Stack aufbauten, und die sich nahtlos in die OpenSource-DNA der Internetdienstleister integrierten. "Ein erstes Beispiel hierfür ist Open-Xchange, das dank Software-as-a-Service (SaaS) die Zahl seiner Nutzer in diesem Jahr auf acht Millionen vervierfachen konnte."

Indirekt bestätigen auch die Marktforscher von Forrester Research diesen Trend. Von der aktuellen Krise profitiere vor allem der "E-Tail", also der Online-Vertrieb von Produkten, während sich insbesondere in den USA die Retail-Industrie noch wenig gewappnet zeige. Insbesondere Social-Retail-Initiativen im Zuge von Web 2.0-Technologien dürften einen weiteren Aufschwung erleben.

Ähnlich sieht dies auch Gartner. Die Auguren prognostizieren, dass in vier Jahren rund 90 % aller Unternehmen direkt oder indirekt Open Source Lösungen in ihre betrieblichen Prozesse eingebettet haben. Einige Experten sehen gar das Ende klassischer "Legacy-Systeme" herannahen. Ob sich die zahlreichen CMS-Anwendungen im Mitmachweb aber auf die Dauer erfolgreich etablieren, steht auf einem anderen Blatt.

Die "natürliche" Marktauslese steht nämlich erst noch bevor. Schließlich sind die nach gelagerten Kosten für die Umsetzung bzw. Werbung, Vertrieb und Marketing bei den neuen Spielern im Mitmachweb oftmals viel entscheidender als die rein internetbasierte Entwicklung, auch wenn diese zweifellos dazu beiträgt, den hohen Berg an Lizenzkosten zu minimieren. Einerseits wird Open Source somit immer mehr zum Mainstream, andererseits etablieren sich neue Nischen.

Marktanalyst Axel Oppermann von der Experton Group gibt trotz gewisser Unwägbarkeiten eine ganz klare Prognose ab: "Ich gehe davon aus, dass OSS-Anbieter kurz- und mittelfristig durch die wirtschaftliche Abschwächung profitieren werden." Denn die Unternehmen gingen infolge der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gestärkt in den nächsten Aufschwung hinein, den der Experte in etwa drei bis fünf Jahren erwartet.

Deshalb bedeute die Krise eine Schubkraft nach vorne für die Anbieter von Open Source Lösungen, so Opermann. Noch weiter vor wagt sich Bertrand Diard, CEO von Talend Open Data Solutions, einem Spezialisten für die Datenintegration. "Einer meiner Freunde aus dem Venture Capital Bereich erzählte mir kürzlich, dass seiner Meinung nach nur noch alternative Modelle für den Einsatz von Software, wie Open Source Software und Software as a Service (SaaS), die vom Markt geforderte Rendite erbringen können."

Der Integrationsspezialist begründet diese optimistische Erwartung mit den niedrigen finanziellen Spielräumen und einer geringeren Zahl von Angestellten. Diese stelle Anwenderunternehmen vor die Herausforderung, innovativere Lösungswege zu orten, um ihre spezifischen IT-Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Suche führe zu Veränderungen dahingehend, wie Menschen und Organisationen mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen umgingen. "Unternehmen greifen zunehmend zu Open Source Software und SaaS. Die Geschäftsmodelle wandeln sich, um genau dies zu ermöglichen", fasst Diard zusammen.

Ankurbeln neuer Geschäftsmodelle

„In Österreich ist der Open Source Markt noch nicht so weit wie in Deutschland, auch die Partnerlandschaft und die Business Communities betreffend.“ - Michael Kalaus, Regional Manager Austria & Eastern Europe bei it-novum

Interview mit Ing. Michael Kalaus, Regional Manager Austria & Eastern Europe bei it-novum

Ist die Rezession eher eine Schubkraft nach vorne oder stellt das Open Source Business eher Teil der Rezession dar?

Die Rezession macht Unternehmen kostenbewusster, sowohl Neuinvestitionen als auch Wartungskosten betreffend. Die jetzige Situation zeigt aber ein gesteigertes und weiter wachsendes Interesse an Open Source Lösungen, begründet nicht nur mit dem Kostenargument, sondern auch aufgrund der Unabhängigkeit und Flexibilität beim Einsatz von Open Source. Eine Grundvoraussetzung ist aber ein professioneller und nachhaltiger Support seitens des Implementierungspartners, wie it-novum ihn bietet.

Die Kernfrage lautet sicherlich, welche Bereiche mit Blick auf Open Source neben Risiken auch neue Chancen bieten?

In manchen Bereichen ist Open Source bereits Standard, speziell im Internet mit Web Content Management Systemen, Datenbanken oder Webservern. Für alle anderen geschäftskritischen Bereich, wie System- und Service Management, CRM, Business Intelligence, ja selbst für ERP gibt es bereits existierende professionelle Open Source Lösungen, die auch x-fach bei Kunden im Einsatz sind. Diese Lösungen, betreut von seriösen Integrationspartnern, werden in Zukunft verstärkt als Alternativen zu den bekannten kommerziellen Produkten evaluiert bzw. eingesetzt werden.

Bereits im Februar 2008 hatten die Analysten von Gartner Open Source als eine der Top-Ten-Entwicklungen der kommenden Jahre identifiziert und prophezeit, dass Unternehmen, die diesen Trend verschlafen, einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil haben werden. Im April 2008 prognostizierte Gartner in seiner Studie "The State of Open Source 2008", dass bis 2012 mehr als 90% der Unternehmen Open Source direkt oder in kommerzieller Software eingebettet verwenden werden.

Was verändert sich also unter den Sparzwängen der Unternehmen, wer profitiert davon besonders?

Besonders profitieren werden Dienstleistungsanbieter, die auf flexible und unabhängige Lösungen und Services setzen, die auf Kundenbedürfnisse und nicht auf Produktfunktionen abgestimmt sind. Von den Sparzwängen profitieren also Anbieter die einen schnellen ROI bzw. eine Kostenreduktion - z.B. durch geringere Wartungskosten - realisieren können und da fallen Open Source Lösungsanbieter zur Gänze hinein.

Andererseits dürfte es nicht ausreichen, wenn die Community nur auf das Argument von niedrigen Lizenzkosten setzt, denn die Hürden stecken ja in der Implementierung bzw. nach gelagerten Betreuung, wie kann hier aus Sicht der Unternehmen und Anwender sinnvoll argumentiert werden?

Wie schon gesagt, wesentliche Argumente für Open Source Lösungen sind die Unabhängigkeit und die Flexibilität bei Projekten, als auch die leichte(re) Anbindungsmöglichkeit an existierende Systeme. Es wird nur das implementiert, was den Kundenanforderungen entspricht. Damit bleiben auch die nach gelagerte Betreuung und damit die Wartungskosten schlank und garantieren ein effizientes System auf lange Zeit.

Wie sieht der österreichische Markt für das OSS-Business derzeit und künftig aus, was verändert sich gerade im aktuellen Umfeld?

In Österreich ist der Open Source Markt noch nicht so weit wie in Deutschland, auch die Partnerlandschaft und die Business Communities betreffend. Trotzdem ist ein stark wachsendes Interesse spürbar. Professionelle Open Source Dienstleister werden bereits jetzt als Alternativen akzeptiert, auch bei größeren Projekten. it-novum in Österreich initiiert gerade mit einigen anderen Unternehmen die "Open Source Business Foundation Austria & Eastern Europe - OSBF A&EE", die vor allem Open Source Lösungen bei Geschäftsthemen in den Vordergrund stellen will.

Bis jetzt haben die Open Source Communities und Gruppierungen vor allem technische Themen behandelt, die OSBF A&EE soll eine Business Anlaufstelle sein, um Alternativen und Integration zu kommerziellen Lösungen aufzuzeigen und anzubieten. Damit reagieren wir auf die verstärkte Nachfrage in Österreich, füllen aber auch eine existierende Lücke in diesem stark wachsenden Segment.

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