Zielgruppe ist entscheidend

„Gerade bei komplizierten Produkten muss man eine Geschichte erzählen können, die beim Gegenüber Vertrauen erweckt und den Nutzen erklärt.“ - John Brooks, inits
Gernot Reindl, Business Developer beim Dienstleister und Consulter ITdesign, berichtete, dass es in Österreich besonders schwierig sei, mit potenziellen Kunden ins Gespräch zu kommen. "In Deutschland hört man beim Erstkontakt wenigstens zu, in Österreich nicht." Einer der häufigsten Fehler beim Marketing ist seiner Ansicht nach, dass man die Technik zu sehr in den Mittelpunkt stellt. "Nutzten und Mehrwert werden selten beschrieben. Das sollte aber das Einstiegsargument sein."
So sieht das auch Herbert Brauneis, Head of Marketing & Sales bei Prolytic. Er hat die Aufgabe, die innovative aber "hoch erklärungsbedürftige" Demand Management Lösung seiner Firma zu vermarkten. "Das Entscheidende ist, schon in den ersten zwei Minuten mit Themen wie Umsatz, Absatz und Deckungsbeitrag die Neugierde des Kunden zu wecken, dann hat man die nächsten zwei Minuten für die Erklärung der Lösung gewonnen. Man muss eine Geschichte erzählen können, die knapp und schlüssig ist und Bilder im Kopf des Kunden erzeugt. Das ist ganz ähnlich wie im B2C-Marketing." Brauneis plädierte ebenfalls dafür, dem Marketing schon am Beginn des Entwicklungsprozesses einen großen Stellenwert einzuräumen. "Marketing nur so nebenbei funktioniert nicht. Nicht zuerst das Produkt entwickeln und dann vermarkten, sondern zuerst in den Markt schauen und die Bedürfnisse erheben."
Die richtige Methodik

„Wenn wir eine B2C-Marketing-Stelle ausschreiben, melden sich in einer Woche 100 Bewerber, im B2B- Bereich meldet sich in zwei Monaten einer.“- Claudia Kessler, Telekom Austria
Auch bei der Preisbildung seien methodische Fehler an der Tagesordnung. "Man kann nicht die Kunden fragen, was sie bereit sind zu zahlen. Da kommen Hausnummern zurück." Die Preisforschung ist ein Hauptfokus von Weranis Uni-Abteilung. Untersuchungen für den Hauptsponsor Voest Alpine hätten "bis zu 10 % Preisspielraum nach oben" ergeben. "Einem Qualitätsführer muss immer daran gelegen sein, auch ein Qualitätsprämium durchzusetzen." Werani warnte auch davor, sich im Marketing allzu sehr auf den Vertrieb zu verlassen. "Was der Vertrieb glaubt, dass der Kunde will, und was der Kunde wirklich will, klafft oft weit auseinander. Marketing heißt zwar, das Ohr beim Kunden zu haben, aber von einem unabhängigen Standpunkt aus." Nach Schluderbachers Erfahrung ist sich der Kunde selbst oft über seinen Bedarf nicht im Klaren, da "der Käufer in den meisten Fällen nicht der Anwender ist."
Anders als bei Start-ups ist das Marketing in einem Großkonzern für gewöhnlich mit ausreichend Ressourcen ausgestattet. Dennoch macht es im B2B-Bereich laut Kessler auch für die Telekom Austria keinen Sinn, große "Above-the-line"-Kampagnen zu fahren, da der Streuverlust zu groß wäre. "Aber die Message darf im B2B nicht eine ganz andere sein als in B2C, sonst ist das Gesamtbild nicht stimmig. Jeder Business-Entscheider ist gleichzeitig auch ein Consumer." Die gemeinsame Botschaft in beiden Bereichen sieht Kessler im Auftreten als "Gesamtanbieter".
Langer Atem gefragt

„Wenn man in Österreich mit einem Produkt kommt, das es noch gar nicht gibt, ist die Skepsis groß.“ - Helmut Schluderbacher, MERLINnovations
Hrzina betonte, dass am Anfang eines Vermarktungsprozesses immer die Definition der Zielgruppe. "Das muss man vorher wissen, das kann einem auch die beste Agentur nicht sagen." Als Alternative für den "letzten Schritt" zum Endanwender rät er Erfindern, auch eine Partnerschaft mit etablierten Anbietern in Erwägung ziehen. So würden sich Erstere die aufreibende Eigenvermarktung ersparen und letztere die aufwändige interne Produktentwicklung. Letztendlich gehe es im B2B-Marketing um Vertrauen, resümierte Brooks. "Gerade bei komplizierten Produkten muss man eine Geschichte erzählen können, die beim Gegenüber Vertrauen erweckt und den Nutzen erklärt. Dann macht es auch nichts, wenn die Komplexität der Lösung nicht ganz durchschaut wird.
Der Industrie Marketing Verband (IMVO) ist eine Initiative von Personen aus Wirtschaft, Forschung und Lehre, die jahrelange Erfahrung im Fachbereich Industrie- und B2B-Marketing haben. Bisher sind 20 Firmen in dem Verband vertreten, darunter Rittal, Testo, Bernecker & Rainer, Siemens, Harting, ePlan, Copa-Data oder die Alois Pöttinger Maschinenfabrik. Dabei geht es keineswegs nur um Networking unter Branchenkollegen. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Interessen der Branche zu bündeln. Das beinhaltet einerseits Informationsarbeit, die die Bedeutung von Industrie- und Technologiemarketing einem breiteren Publikum näher bringt, in weiterer Folge aber auch die Förderung von und die Kooperation mit Forschungseinrichtungen sowie die Gewährleistung eines adäquaten Wissenstransfers zwischen der Herstellern, Agenturen und den relevanten Bildungsinstitutionen. Mitglieder sollen auf diese Weise schnellen Zugriff auf Basis-Know-how bekommen. Außerdem sollen sie von gezielten Marktforschungsprojekten, die in Eigeninitiative durchgeführt werden, profitieren.
Dazu Vorstandsvorsitzender Andreas Hrzina: "Wir möchten aktuelle Themen des Industriemarketings aufzuarbeiten, neues Wissen generieren und dieses Wissen auch weitergeben. Wir sind kein Marketing-Club, der sich nur zum gemütlichen Plauscherl trifft. Jeder, der sich in ein konkretes Projekt aktiv einbringen will, profitiert davon." Auch ein verlässliches Listing von Agenturen mit Kompetenzschwerpunkt in der B2B-Kommunikation sowie ein Ranking von Fachredakteuren soll erstellt werden.
(Alle Bilder: Rudi Handl/Timeline)
Die Diskussions-Teilnehmer
- Herbert Brauneis, Head of Marketing & Sales bei Prolytic
- John Brooks, Management Berater, TU-Gründungsservice inits
- Andreas Hrzina, Vorstandsvorsitzender Industrie Marketing Verband Österreich (IMVO) und Marketingleiter Rittal Österreich und Südosteuropa
- Claudia Kessler, Leiterin B2B-Werbung und -Marketing, Telekom Austria
- Gernot Reindl, Business Developer, ITdesign
- Helmut Schluderbacher, Geschäftsführer MERLINnovations
- Thomas Werani, Abteilung für B2B-Marketing, Johann Kepler-Universität Linz
Die Diskussion wurde von MONITOR-Chefredakteur Rüdiger Maier geleitet.



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8/2011
7/2011


Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 