Dass hoch spezialisierte IT-Lösungen anders vermarktet werden müssen als Zahnpasta, sagt einem eigentlich schon der sprichwörtliche Hausverstand und ist derzeit auch Gegenstand der lesenswerten MONITOR-Serie "Komplexe Technologie bewerben und verkaufen" von Fachautor Erwin Matys. Umso verwunderlicher ist es, wie wenig in der Praxis die grundlegenden Unterschiede zwischen B2C- und B2B-Marketing berücksichtigt werden.

„Marketing nur so nebenbei funktioniert nicht.“ - Herbert Brauneis, Prolytic
"Es gibt nur zwanzig bis dreißig spezialisierte Agenturen", schätzt Hrzina. "Erklärungsbedürftige Produkte gibt es in der Industrie und in der IT gleichermaßen, die Herausforderungen bei der Vermarktung sind da sehr ähnlich", schlägt er die Brücke zur IT-Branche. Als Marketingleiter für Rittal Österreich und Südosteuropa, kennt er die Parallelen aus eigener Erfahrung, denn seine Firma ist sowohl Anbieter von Schaltschränken für den industriellen Bedarf als auch von Rechenzentrums-Infrastruktur. Den gravierenden Unterschieden zwischen Industrie- und Consumer-Marketing werde in der landläufigen Praxis bei Weitem nicht genug Rechnung getragen, glaubt Hrzina. Eine der Ursachen dafür sei das Fehlen einer spezifischen Ausbildung.
Keine B2B-Spezialisten

„Marketing heißt zwar, das Ohr beim Kunden zu haben, aber von einem unabhängigen Standpunkt aus.“ - Thomas Werani, Johann Kepler Universität Linz
Universitäten führen Industriemarketing als Lehr- und Forschungsbereich überhaupt nicht oder nur sehr eingeschränkt. Rühmliche Ausnahme ist die Kepler-Universität Linz, die eine eigene Abteilung für B2B-Marketing besitzt, welche ausschließlich von der Industrie finanziert wird.

„In Deutschland hört man beim Erstkontakt wenigstens zu, in Österreich nicht.“ - Gernot Reindl, ITdesign
Vielen sei nicht einmal klar, wie und von wem beim Kunden eigentlich Kaufentscheidungen getroffen werden. "Die Wichtigkeit des ‚Buying Centers' wird grob unterschätzt." So wird in der Fachliteratur jene oft heterogene Gruppe von Personen in einer Firma bezeichnet, die bei der Kaufentscheidung mitwirkt. Einem Buying Center können Mitglieder von Fachabteilungen, Techniker und IT-Leute, Vertreter aus dem Finanzbereich sowie Experten aus der Einkaufsabteilung angehören. Letztere spielen bei der Kaufentscheidung aber oft nur eine untergeordnete Rolle. Wer das nicht weiß, bellt bei seiner Überzeugungsarbeit schnell einmal den falschen Baum an.
Von der Erfindung zum Produkt

„Erklärungsbedürftige Produkte gibt es in der Industrie und in der IT gleichermaßen, die Herausforderungen bei der Vermarktung sind da sehr ähnlich.“ - Andreas Hrzina, Rittal
Maier wies in der Diskussion darauf hin, dass in den USA dem Marketing - anders als hierzulande - schon in den Business-Plänen ein sehr großer Stellenwert eingeräumt werde. Brooks, der sich bei inits auf IT-Start-ups spezialisiert hat, bestätigte: "Im Start-up-Umfeld in den USA herrscht eine ganz andere Vorgangsweise. Man geht schon mit der Idee sofort in den Markt. Ziel ist, ein Grundrauschen zu erzeugen, damit alle schon auf die neue Lösung warten."
Eine Vorgangsweise, mit der man in Österreich schnell an Mentalitätsmauern stößt, glaubt Helmut Schluderbacher, Geschäftsführer von MERLINnovations: "Wenn man hier mit einem Produkt kommt, das es noch gar nicht gibt, ist die Skepsis groß. Wenn man es nicht angreifen kann, dann ist es nichts." Schluderbacher hat mit seiner Erfindung den Inits-Inkubator durchlaufen. "Merlin" ist ein weltweit patentiertes und mittlerweile viel beachtetes graphisches Authentifizierungsverfahren. "Hoch erklärungsbedürftig, aber eigentlich überhaupt nicht zu erklären. Man muss es sehen, dann macht es ‚schnipp'", so Schluderbacher. In Präsentationen bei potenziellen Kunden kann er in der Regel schnell mit der markanten Oberfläche und mit dem Preis punkten. Aber nicht bei allen. Technisches Personal erlebt er besonders "konservativ". "Das kennen sie nicht, und deshalb sind sie skeptisch. Würde ich mit einem ‚Me-too-Produkt' kommen, hätte ich es viel einfacher." Brooks erklärte, dass es bei inits keine Standard-Methodik bei der Vermarktung gebe. "B2B ist ein weiter Begriff - er reicht von Kohle bis zur komplexen Businesslösung. Wir versuchen für Start-ups innovative Marketing-Ansätze auf individueller Basis zu finden, die dem jeweiligen Komplexitätsgrad der Lösungen gerecht werden. Ziel ist, Kunden zu finden, die das Risiko der ersten Referenz eingehen.




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Mag. Christoph Weiss, i2s consulting, Leiter Büro Österreich: Magister und Textil-Fachingenieur. Führungserfahrung als IT-Leiter im Bereich technischer Grosshandel. Mehrfach Linien- verantwortlicher für ERP-Einführungen. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Technikum Wien. Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) 