Doch inzwischen zeichnen sich die Grenzen des Machbaren bei dieser Anwendung deutlich ab. E-Learning ist heute eine Art Querschnittsanwendung, die in unterschiedlicher Ausbreitung in den Bereichen der Erwachsenen- und Hochschulausbildung, der innerbetrieblichen Aus- und Weiterbildung, zur Erlangung von Zusatzqualifikationen, wie beispielsweise Sprachen oder Hobbykurse, sowie in einigen Ländern auch in der Schulausbildung anzutreffen ist.
Doch trotz der immensen Investitionen und der großen Anwendungsbreite ist dieser Lehrform der Durchbruch bislang versagt geblieben. Dabei ist die Idee des computergestützten Lernens bestechend: Computer und Software sind geduldiger und objektiver, als jeder Lehrer es je sein kann. Computerprogramme haben immer genügend Zeit und dank Laptop und Internet sind sie auch nahezu überall verfügbar. Doch all diese Vorzüge haben das E-Learning noch immer nicht zu einer Art Standard-Ausbildungsform etabliert. Im Gegenteil, auf vielen Gebieten zeichnen sich inzwischen herbe Rückschläge ab.
Technologie allein ist keine Lösung
Professor Robert Zemsky, Vorsitzender der amerikanischen Learning Alliance for Higher Education und Berater des US-Bildungsministeriums, sieht die Schwierigkeit beim E-Learning vor allem darin, dass es kein bestehendes Problem löst. "Technologie wird immer nur dann akzeptiert, wenn damit ein konkretes Problem gelöst werden kann, aber die Schwierigkeiten des heutigen Lehrens können weder von Rich-Media noch von den adaptiven Learn-ing-Programmen gelöst werden", lautet sein Urteil. "Die E-Learning-Anbieter reden immer nur von der Technologie, nicht von den Lösungen", ist sein Vorwurf an die Industrie. Seiner Ansicht nach gehen viele E-Learning-Anbieter von falschen Voraussetzungen aus. "Das Internet ist ein Kommunikationsmittel – kein Lehrmittel", lautet seine Überzeugung. Zwar würden die heutigen Studenten mit ihren Laptops durchaus auf die Wikipedia-Seite gehen, doch viel häufiger seien sie auf den Seiten von Youtube, Facebook oder Myspace anzutreffen.
Trotzdem gibt es weltweit viele Projekte, Programme und Einrichtungen, bei denen E-Learning verstärkt zum Einsatz kommt oder kommen soll. In Deutschland gibt es im Bereich der Hochschulausbildung eine ganze Reihe an E-Learning-Projekten. So können Studenten in Bochum unter 550 verschiedenen E-Learning-Angeboten auswählen, 40 Hochschulen sind an die E-Teaching-Plattform der Universität Tübingen angeschlossen und die Freie Universität Berlin investierte in den vergangenen Jahren 1,1 Millionen Euro in 130 verschiedene E-Learning-Projekte. Ganz neu ist der Ansatz "Virtuelle Universität Deutschland" (VirtusD). Hier soll eine Milliarde Euro investiert werden, um die Wissensvermittlung an den Hochschulen zu verbessern und sie vor allem effizienter zu gestalten. Laut Alfons Rissberger, Sprecher der Initiative "VirtusD", soll damit eine um 40 Prozent verkürzte Lerndauer erzielt werden.
Technische Voraussetzungen gegeben
Für Alfons Rissberger ist E-Learning "ein wesentlicher Schritt für eine bessere Bildung an den Hochschulen". Damit könnten Studenten über Internet und Computer flexibler und effektiver arbeiten, als es heute möglich ist. Die Abhängigkeit von Ort, Zeit und dem Lehrpersonal werde aufgehoben. Die technischen Voraussetzungen für einen erfolgreichen E-Learning-Einsatz seien jetzt erstmals gegeben, hieß es anlässlich der Unterzeichnungsveranstaltung im vergangenen März. Was jedoch noch fehlen würde, sei die breite Vernetzung der Einzelinitiativen und der politische Wille zur digitalen Unterstützung der Lehr- und Lernprozesse sowie die Beschreibung der entsprechenden Ziele.
So soll mit der Initiative VirtusD ein Teil der standardisierbaren Vorlesungen des Bachelor-Studiums durch E-Learning ersetzt werden. Weitere Ziele sind die Intensivierung der persönlichen Kommunikation von Studierenden und dem Lehrpersonal sowie eine Ausweitung und Verbesserung des sozialen und vernetzten Lernens durch den Dialog im Netz. Nach Ansicht der Projektbeteiligten gehören virtuelle Seminare mit Diskussionsforen, Live-Gespräche in Chaträumen sowie die Vernetzung von Lehrenden und Lernenden schon in naher Zukunft zum Lehralltag einer Hochschule. Die unmittelbare Auswertung der Antworten auf Fragen und die damit verbundene motivierende Wirkung des Lernerfolgs würden zudem qualitätssteigernd wirken und ein lebenslanges Lernen, berufsbegleitende Weiterbildung sowie Quereinstiege ermöglichen, heißt es.


1/2012
8/2011
7/2011


Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. 