6-3-2009 | Aus MONITOR 3/2009 Gedruckt am 1-09-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/11321
Thema

Interview mit Brigitte Schaden, Präsidentin der IPMA

Projektmanagement als Berufsbild

Die Versicherungsmathematikerin und Betriebsinformatikerin Mag. Brigitte Schaden war langjährig als Projektleiterin im IT-Bereich tätig. Das nahm MONITOR zum Anlass, mit ihr über Projektmanagement bei IT-Projekten zu sprechen.

Carl-Markus Piswanger

„Auch für KMUs kann die projektorientierte Organisationsform eine gute, zeitgemäße Struktur sein.“ - Mag. Brigitte Schaden, Vorstandsvorsitzende pma und Präsidentin der IPMA

Sie sind jetzt Präsidentin der IPMA. Was wird auf Sie zukommen?

Die Ziele, die ich mir gesteckt habe sind vielfältig. Sie liegen vor allem im Bereich Marketing und Kommunikation. Ich sehe als eine meiner Hauptaufgaben die Marke IPMA bekannter zu machen und zusätzliche IPMA-Produkte auf dem Markt zu positionieren. Neben unseren Kernprodukten PM-Zertifizierung, PM-Award, PM-Weltkongress und den eigenen Publikationen sollen z. B. die Registrierung von Trainingsprogrammen eingeführt werden.

Ich werden auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Mitgliedsländern intensivieren, um verstärkt gute nationale Ideen auf die globale IPMA-Ebene heben zu können. Davon werden auch die österreichisch Projektmanagementbranche und unsere pma-Mitglieder profitieren, die ja durch ihre pma-Mitgliedschaft auch das weltweite IPMA-Netzwerk nutzen können.

Eine grundsätzliche Frage, sehen Sie Projektmanagement als Berufsbild oder als Zusatzqualifikation?

Ich sehe Projektmanagement als Berufsbild. Die Zertifizierungen zielen auch darauf ab und sind nach dem mehrstufigen international anerkannten "Four-Level-Certification (4-L-C)"-Modell aufgebaut, das einen etwaigen Karrierepfad unterstützt. Mit "pm basic" haben wir zusätzlich ein Produkt in Kooperation mit der OCG (Österreichische Computer Gesellschaft) etabliert, das vor allem für Personen mit keiner oder nur geringen PM-Erfahrung, also z. B. WiedereinsteigerInnen und SchülerInnen, gedacht ist, da sehr wohl am Arbeitsmarkt PM-Basiskenntnisse verstärkt als Zusatzqualifikation nachgefragt sind. Quer durch alle Berufe und Hierarchien ist das zu bemerken.

Laut pma-Statistik sind derzeit circa eine Million Personen in Österreich in Projekten involviert. In Österreich sind derzeit an die 6.700 Personen nach IPMA zertifiziert (bei international ca. 300.000 zertifizierten Personen). Die Trennung zwischen Linien- und Projekttätigkeit ist aber oft nicht leicht, da schnell etwas als Projekt bezeichnet wird, ohne dass es wirklich den Projekt-Kriterien entspricht. ProjektmanagerInnen haben jedenfalls ein weites Aufgabenfeld, von Planung, Controlling, Steuerung und Organisation, bis hin zu Kommunikations- und Sozialmaßnahmen.

Wie entwickeln sich die Methoden des Projektmanagements. Welche Trends sehen Sie international?

Sozial- und Verhaltenskompetenzen werden wichtiger. Sie sind für den Projekterfolg mindestens ebenso wichtig wie das Beherrschen der klassischen PM-Tools. Viele Unternehmen haben das erkannt und die Strukturen, Kommunikationsregeln und Standards dafür etabliert. Auch IPMA und pma hat sich dieser Marktentwicklung nicht verschlossen und seine Zertifizierungen entsprechend erweitert. Wir evaluieren ab heuer deshalb im Zertifizierungsprozess auch die Sozial- und Verhaltenskompetenzen. Dabei berücksichtigten die IPMA-Zertifizierungen die jeweiligen Landesspezifikas, denn in verschiedenen Kulturen werden diese oft unterschiedlich gehandhabt und ausgelegt.

Weiters werden im Projektmanagement die inhaltlichen Anforderungen an Analysen immer wichtiger, z. B. Analysen von Szenarien, Umwelten, auch von Zielerreichungen. Unter anderem auch deshalb, um eine Basis für die Erfolgsmessung zu haben - zunehmender Zeit- und Gelddruck forcieren die Methoden rund um das Projektcontrolling. Eine weitere Tendenz im Projektmanagement: Früher war die Projektleitung zuständig für die Zielerreichung und war fast nie in die vorgelagerte Erstellung von Business Cases eingebunden. Nun müssen sie vermehrt als Unternehmer agiert, also auch die gesamtgeschäftlichen Aspekte im Auge haben.

Die Methoden/Tools für das IT-Projektmanagement sind vielfältig - sehen Sie hier eine Höherbewertung gewisser Methoden/Tools als in anderen Branchen?

pma/IPMA arbeitet mit einem Set von Methoden, wie sich Projekte zu gestalten haben, diese gelten auch für IT-Projekte. In der Realität ergeben sich meist Mischungen aus spezifischen Vorgehensmodellen und den formalen Methoden. Ich sehe aber eine gewisse Höherbewertung von Methoden bei Spezifikations- und Abnahmeprozessen. IT-Projekte sind oft anlassbezogen, z. B. bei umfassenden Geschäftsprozess-Veränderungen. Daher sind sie oft besonders getrieben, was wiederum besondere Kontrollmechanismen erfordert. Vorteile für ProjektleiterInnen aus der IT-Branche sind sicherlich die Computeraffinität und der einfachere Umgang mit PM-Software-Lösungen - die Einstiegsschwelle ist hier niedriger.

Die pma (Projektmanagement Austria)

Die pma ist der österreichische Ableger der größten föderalen Projektmanagement-Organisation weltweit - der IPMA (International Project Management Association). Die Aufgaben der pma umfassen die Standardisierung von Methoden, die Zertifizierung von ProjektmanagerInnen sowie die Plattformbildung für Ihre Mitglieder.

Die pma adressiert dabei nicht nur personenbezogenes Know how, sondern auch organisationsbezogenes, wie das "Projektorientierte Unternehmen" oder das "Projekt-Portfolio-Management". Die Zielsetzung geht so weit, dass Österreich bis 2010 als "projektorientierte Gesellschaft" internationale Wettbewerbsvorteile erreichen soll - das klingt stark nach Lissabon-Agenda. Der Vorstand der pma weist starken IT-Background auf, die Branche ist also stark vertreten. pma-Chefin Mag. Brigitte Schaden hat zudem, als erste Frau überhaupt, seit Anfang 2009 den Vorsitz der IPMA-Präsidentschaft übernommen.

http://www.p-m-a.at


 

 

Sind spezifische IT-Themen wie ITIL (Service), Agile Methoden (Programmierung), SOA (Architektur/Prozesse) oder Cobit (Governance) explizit in den Methodensatz des Projektmanagements eingeflossen?

Im Rahmen der Zieldefinition schon, das tangiert aber die formalen PM-Methoden weniger, da diese übergeordnet sind. Wichtig sehe ich die Berücksichtigung von Best Practices, vor allem bei neuen Thematiken, wie z. B. SOA, die noch nicht oft expliziert sind.

Das PM-Instrument "Projekthandbuch" ist ein Set von anzuwendenden Methoden zur Visualisierung und Dokumentation von Projekten. Wenn es hilfreich ist, können die speziellen Themenbereiche der IT auch hier zu finden sein - so kann das bei ITIL oder Cobit sehr vorteilhaft sein, vor allem bei der Implementierung der Prozesse. Es existiert übrigens der Begriff des "agilen Projektmanagements", es steht sehr stark im Zusammenhang mit der IT-Entwicklung. Dieses Set von Methoden kommt nicht in anderen Branchen vor. Sehr speziell für IT-Projekte sind auch iterative Entwicklungszyklen.


Es gibt das "projektorientierte Unternehmen" als Organisationsform. Sehen Sie es bei IT-Unternehmen besonders stark ausgeprägt?

In Österreich ist das "projektorientierte Unternehmen" bereits sehr stark ausgeprägt. Und IT-Unternehmen waren hier sicher als Pioniere maßgeblich an der Etablierung beteiligt. Leider ist diese Organisationsform fast nur in großen Unternehmen etabliert. Das kommt daher, dass eigene PM-Organisationsbereiche wie das "Project-Office" und die explizite "PM-Karriere" laufend Ressourcen und Aufmerksamkeit verlangen. Aber auch für KMUs kann die projektorientierte Organisationsform eine gute, zeitgemäße Struktur sein. Und man kann sie durchaus ressourcenschonend aufbauen. Hier möchte pma in nächster Zeit auch verstärkt Aufklärungsarbeit leisten.

Es gibt den pma-Award. Haben sich hier IT-Projekte besonders hervorgetan?

Ja, die IT-Branche ist stets sehr prominent vertreten und fast alle eingereichten Projekte haben zumindest IT-Einfluss. Der Sieger 2008 war sogar ein dezidiertes IT-Projekt - der pma-Award ging an die IT-Services der Sozialversicherungen (ITSV GmbH) für die Realisierung einer neuen, zentralen Partnerverwaltung (ZPV). Zwischen GewinnerInnen zu gewichten ist aber sehr schwer, da alle PreisträgerInnen hervorragende Arbeit geleistet haben.

Mir persönlich hat das Projekt zur Errichtung des Ferry Porsche Veranstaltungszentrums in Zell/See sehr gut gefallen, obwohl gerade das weniger mit IT zu tun hatte. Von Beginn an sind hier alle Umwelten in einer umfassenden Umweltanalyse betrachtet worden - Gemeinde, Politik, Bevölkerung, Wirtschaft, usw. Das Projekt wurde mitten in der Stadt und im kleinräumigen Bereich realisiert und war daher besonders schwierig umzusetzen.

Zurück zur IT: 2008 haben wir erstmals den "pma junior award" vergeben, bei dem diesmal ausschließlich IT-Projekte prämiert wurden. Dabei möchte ich betonen, dass wir alle sehr von der hohen PM-Qualität beeindruckt waren, obwohl wahrscheinlich keine zertifizierten ProjektmanagerInnen teilnahmen. Die Projekte kamen aber alle aus Schulen, in denen Projektmanagement als Teil des Unterrichts stattfindet. Ein zukunfts- und berufsorientierter Zugang, den pma nicht zuletzt durch die Einführung von "pm basic" und dem "pma junior award" sehr unterstützt und in Zukunft durch weitere Maßnahmen forcieren möchte.

Wollen Sie uns persönliche Erfahrungen aus ihren IT-Projekten mitgeben?

Für eine ausländische Niederlassung eines internationalen Unternehmens hatte ich einmal in einem Projekt die gesamte IT aufzubauen. Obwohl die Software gut funktioniert hat, haben die Testzyklen viel zu lange gedauert. Es wurden immer wieder neue Probleme von den AnwenderInnen gesichtet und aufgezeigt. Nach viel Zeitaufwand und Ressourceneinsatz wurde uns abends bei einem informellen Zusammentreffen erzählt, dass nie ein Erfolg stattfinden werde, denn die betroffenen Personen der Organisationseinheit hatten vorher bereits eine IT-Auswahl getroffen und das von uns etablierte IT-System wurde vom Mutterkonzern oktroyiert und damit boykotiert.

Der Lerneffekt für mich war, dass nicht alle Entscheidungen unhinterfragt bleiben können und nichts in Stein gemeißelt ist. Alles ist grundsätzlich veränderbar. Ganz wichtig wäre es hier gewesen, besser über die involvierten Umwelten und die Projektgeschichte Bescheid zu wissen. Wir haben - unter hohem Einsatz von Sozial- und Verhaltenskompentenz - schlussendlich eine Lösung erarbeitet, aber es hätte viel ressourcenschonender erledigt werden können.

 

IT-Projektmanagement

Über die Methoden des Projektmanagements in IT-Projekten

Das Wort "Projekt" scheint zum Allerweltsbegriff geworden zu sein und "Projektmanagement" sogar in doppelter Weise, da hier "Management" hinzukommt. Bei seriöser Betrachtung wird aber schnell bewusst, dass spezifische Methoden tief verankert sind.

Es finden sich Anleihen sowohl bei den Formal- und Wirtschaftswissenschaften bis zu Sozial- und Kommunikationswissenschaften. Zusätzlich muss die Theorie auch auf den Boden gebracht werden und das bei hoher Dynamik und veränderlichen Situationen, beides typische Kennzeichen von Projekten. Kaum eine Materie bietet daher auch so viele Ausbildungen an bis hin zu einschlägigen Normen (DIN699001 für die Grundlagen der Projektwirtschaft sowie die ISO 10006 für die Qualitätssicherung in Projekten).

IT und Projektmanagement

Informationstechnologien sind in fast allen Bereichen der Wirtschaft und des Lebens präsent. Daher sind Projekte immer häufiger IT-lastig, das führt bekanntlich leicht zu Verwerfungen zwischen den FachexpertInnen und den InformatikerInnen. Bei IT-Projekten sind daher besonders intensive Abstimmungen notwendig, mit Prozessen des Change- und Claim-Managements. IT-Projektmanagement ist dabei durchaus babylonisch, das Sprachgewirr ist groß.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich eine Unmenge Vorgehensmodelle - z. B. Hermes in der Schweiz, V-Modell(XT) in Deutschland, Prince2 in Großbritannien oder auch PMBoK in den USA. In Österreich gilt meist das V-Modell als Vorlage. Die einzelnen Vorgehensmodelle mögen zwar generisch wirken, die darin enthaltenen Methoden sind oft ähnlich.

 

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