"Es ist für mich wie ein Ritterschlag, hierher eingeladen zu werden" sagt der fröhlich lachende junge Informatiker. Er freut sich sichtlich, hier sein zu dürfen. Die spätsommerliche Sonne hebt die Stimmung zusätzlich. Andere Teilnehmer seines Kurses "Social Web Communities" sehen ebenso zufrieden aus. Oft sitzen sie bis spät in die Nacht zusammen, um ihre Gruppenergebnisse für die Diskussion vorzubereiten. Die Forscher ermitteln den aktuellen Stand der Entwicklung und fragen sich, weshalb der erwartete Massenansturm auf das "semantische Web" bislang so nicht eingetreten ist. Selbst bekannte Anbieter wie YouTube oder MySpace nutzen nur wenige Möglichkeiten und auch Plattformen für Geschäftskontakte wie Xing, ecademy und LinkedIn gehen nur den ersten Schritt in diese Richtung.
Web 2.0 bietet menschliche Antworten

Zufrieden mit ihren Ergebnissen zeigen sich die mehr als 30 Teilnehmer des Seminars über „Social Web Communities“ (Bild: Schloss Dagstuhl).
Dazu müssten alle Informationen der Milliarden Webseiten in einem einheitlichen Standard beschrieben werden. Diese Beschreibung nach allgemeinem, abstraktem Muster wäre eine globale Metaebene zur derzeit sichtbaren Information. Wenn ein Anmeldeformular "Vorname, Nachname" und ein anderes "Familienname, Vorname" verlangt, weiß ein Mensch, dass er nur die Reihenfolge seiner Eingabe ändert. Einer Maschine ist das nicht klar, ohne dieses Wissen über die Bedeutung (Semantik) der geforderten Information.
Internationale Zusammenarbeit
Die Seminarleiter sind so international wie die Teilnehmerschaft. Für "Social Web Communities" sind zwei deutsche Professoren und ein Forscher der Universität Southampton verantwortlich. So berichtet Professor Steffen Staab, daß "man sich in diesem Kreis in ähnlicher Zusammenstellung öfter trifft". Nicht immer hier im deutschen Saarland, sondern an verschiedensten Orten weltweit. Ziel dabei ist es, die tägliche Arbeit in öffentlichen und privaten Einrichtungen voranzubringen und miteinander zu vernetzen. Positiver Nebeneffekt der Fachtreffen ist das Schaffen und Vertiefen beruflicher Kontakte.
Die Freude über den "Ritterschlag" versteht, wer sich mit den Besonderheiten der Seminare beschäftigt. Jedem Themenvorschlag liegt eine Liste mit Wunschteilnehmern bei. Ein eigenes Expertenteam vom Schloss Dagstuhl begutachtet sie fachkundig. So wächst oder schrumpft die Liste. Wer also eine Einladung aus Dagstuhl erhält, darf sich in seinem Fach als Experte sehen.
Wissen weitergeben
Das hier erarbeitete Wissen dient der Allgemeinheit. Neue Theorien oder der gedankliche Zusammenschluss vermeintlich "unvereinbarer" Denkmodelle und praktisch Umsetzbares sind die Folge. Durch die Arbeit der Fachleute aus aller Welt entwickeln sich neue Ansätze fachlich übergreifend. Da immer mehrere Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden, bieten die Pausengespräche Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch mit anderen Gruppen. Die Veranstaltungen werden jeweils in einem Tagungsband mit den erarbeiteten Ergebnissen zusammengefasst. Dieser ist für Teilnehmer und Interessierte frei zugänglich. Darüber hinaus ist die Fachliteratur in der umfangreichen Bibliothek des Schlosses für alle Besucher und über das Internet einsehbar. Es handelt sich dabei um eine der größten Fachbibliotheken zur Informatik.
Schloss Dagstuhl lädt seit 1990 Wissenschaftler aus aller Welt ins nördliche Saarland im Westen Deutschlands, um hier über neue Ergebnisse und Fragen der Informatik zu diskutieren.
Rund 3.000 Informatiker von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und aus der Industrie nehmen jährlich an den Veranstaltungen teil. Seit 2005 ist das Schloss Teil der Leibniz-Gemeinschaft. In ihr sind über 80 führende außeruniversitäre Forschungsinstitute und wissenschaftliche Einrichtungen Deutschlands versammelt.
Mit etwa hundert Veranstaltungen pro Jahr werden die im stetigen Wandel liegenden Informatikthemen der Zeit bearbeitet. Entsprechend wandelt sich der Themenschwerpunkt von Jahr zu Jahr. Durch die Veröffentlichungen von Ergebnissen und den kostenlosen Zugang zu diesen wird die Allgemeinheit informiert. Für die hier tagenden Menschen ist die Mischung aus Abgeschiedenheit und Nähe zur Zivilisation ideal. Sie haben Ruhe zur konzentrierten Arbeit an Themen für heute und morgen.
Für das zweite Halbjahr 2010 können noch bis zum 15. April 2009 geeignete Informatikthemen für Seminare vorgeschlagen werden. Initiatoren sollten sich dazu in internationalen Gruppen von drei bis fünf Personen zusammenfinden. Weitere Informationen zum Informatikerschloss im Internet: www.dagstuhl.de
Winfried Göpfert ist emeritierter Professor der Freien Universität Berlin (FU) für Wissenschaftsjournalismus am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
Daneben ist er freier Wissenschaftsjournalist und als Moderator sowie Medientrainer tätig. Gemeinsam mit dem zufällig namensgleichen Jörg Göpfert (seit 20 Jahren freier Umwelt- und Wissenschaftsjournalist sowie Medientrainer für Wissenschaftler) leitete er heuer zum zweiten Mal den Journalismuskurs "Schreiben über Informatik", den auch MONITOR-Autor Karsten Reimers besuchte.




1/2012
8/2011
7/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 