Was waren die wichtigsten Einflussfaktoren, dass Sie elektronische Musik produzieren: Personen, die Technik oder das musikalische Ergebnis?
Die Technik ist zwar wichtig, aber nur Mittel zum Zweck. Entscheidend ist für mich immer das musikalische Ergebnis. In meiner musikalischen Entwicklung hat aber eine Person eine wichtige Rolle gespielt: Als Teenager bin ich zufällig über Karlheinz Stockhausen gestolpert und zwar über die deutsche Krautrock-Band CAN. Zwei ihrer Musiker waren Studenten bei Stockhausen. Über weitere Recherchen bin ich dann zur LP "Kontakte" von ihm gekommen. Und so etwas habe ich bis dahin noch nie gehört: faszinierend und gleichermaßen irritierend - diese Musik hat mich buchstäblich "aus den Socken gehaut". Ich wollte dann aber auch verstehen, wie eine solche Musik zustande kommt. Gemeinsam mit meinem Freund Jack Hauser haben wir jahrelang Stockhausens "Texte zur Musik" (duMont) durchgearbeitet. Parallel dazu spielten wir selber experimentelle Rockmusik, die auf freier Improvisation beruhte.
Elektronische Musik selber zu machen war für mich lange Zeit unvorstellbar, da die dafür notwendigen Instrumente und Gerätschaften - wie z.B. ein Synthesizer oder Studioeinrichtungen - unerschwinglich waren. Mit 14 bastelte ich mir aus einem Elektronikbaukasten einen kleinen "Home-made"-Synthesizer mit Fotozellen. Je nachdem, welche Bewegung vor der Fotozelle statt fanden, ergaben sich daraus unterschiedliche Klangstrukturen, die vornehmlich im Bereich des Quietschens angesiedelt waren. Zur gleichen Zeit arbeitete ich mit meinem Bruder zusammen, der experimentelle Fotos machte. Er produzierte daraus sehr merkwürdige Diashows, die ich vertonte. Dafür nahm ich Improvisationen meiner Band auf einem Kassettenrekorder auf. Aus diesem Klangmaterial entstanden meine ersten Klangcollagen. Dabei arbeitete ich mit einfachen technischen Tricks wie das Abspielen von zerknüllten Tonbändern oder die Veränderung der Abspielgeschwindigkeit durch Ausbremsen des Antriebsmotors.
Sie arbeiten schon lange mit Software zur Musikgestaltung: Mit welchem technischen Equipment?
Ich arbeite mit der Programmiersprache MaxMSP, benannt nach dem Computer- und Soundpionier Max Mathews. Sie entstand im IRCAM, das in den 1970er Jahren von Pierre Boulez in Paris gegründet wurde. Ich habe dort Anfang der 1990er-Jahre als Komponist gearbeitet. Im IRCAM wurde bereits sehr früh mit Echtzeitklangsynthese mit Hilfe von Mainframes (PDP 11), später auch auf Basis von NeXT-Computern gearbeitet.Mit Hilfe von MaxMSP lässt sich eine Komposition als algorithmisches Modell beschreiben und in Echtzeit erzeugen, was wiederum die Veränderung des im Moment entstehenden Klanges möglich macht, indem die Systemparameter zur Laufzeit modifiziert werden. Dadurch wird der Computer zu einem Instrument und erlaubt echte Interaktion zwischen Mensch und Maschine, die in beide Richtungen abläuft. Oder man lässt Computer mit sich selbst musizieren, wobei die manuelle Interaktion durch Steueralgorithmen (die vielfach mit Zufallsoperationen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen operieren) abgelöst wird. Das Stück spielt dann im sogenannten Autopilot-Modus.
Sie sind lange im Bereich der elektronischen Musik tätig: Wo gehen die technischen Entwicklungen hin?
Das ist sehr schwer zu sagen und notgedrungen sehr spekulativ. Zwei Aspekte zeichnen sich aber ab. Einer davon ist die Erzeugung neuer Klangräume - etwa mit Hilfe der sogenannten Wellenfeldsynthese. Anstelle von einzeln positionierten Lautsprechern werden die Wände eines Hörsaales mit Paneelen ausgekleidet, in denen hunderte kleine Lautsprecher eingebaut sind, die einzeln angesteuert werden. Dadurch entsteht eine neue Dimension der plastischen Darstellung von Klangabläufen im Raum, was wiederum den Hörer in einer ganz neuen Weise in die Musik eintauchen lässt.
Die zweite Entwicklung ist die Vernetzung unterschiedlicher Medien, die jedoch viel weiter geht als in den heutzutage verbreiteten "Multimedia"-Konzepten. Die einzelnen medialen Welten sollen miteinander interagieren, sodass sich beispielsweise der Klang aus dem Bild und gleichzeitig das Bild aus dem Klang ergibt - ein rückgekoppeltes System, das zur Autopoiese (Selbsterschaffung eines Systems) fähig ist und "immersive Erlebniswelten" entstehen lässt, die wir uns nicht einmal im Traum vorstellen können.





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8/2011
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Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. 