Ähnlich den Elaboraten der Schneiderszunft finden sich jedoch auch hier Schattierungen und das macht die GreenIT zum spannenden Entwicklungsfeld. Rechtliche Vorschriften gibt es bereits viele. Die bekanntesten sind die RoHS, basierend auf der EU-Richtlinie 2002/95/EG, bis hin zum Energy Star, der als amerikanisches Bezeichnungssystem von der EU im Jahr 2003 übernommen wurde und bis dato eher zahnlos wirkte.
IT tut sich aber beim effektiven Grünsein schwer. Mit 2% des weltweiten Energieverbrauchs gehört sie zu den vermeintlich "kleinen" Verbrauchern. Demgegenüber wiegen aber ökonomische Vorgaben (v. a. TCO) und geforderte technische Leistungssteigerungen, beides keine Naturfreunde per se, besonders schwer. Hier sind wir aber schon beim Kernthema - der Notwendigkeit die grüne Welle aus der "Me too"-Ecke heraus zu bringen und den Blick auf starke Methoden zu richten.
Die Methode der Ökobilanzen
Ökobilanzen existieren schon lange als eine Methode zur knochentrockenen Messung von Umwelteinflüssen. Ökobilanzen sind ein Instrument zur ganzheitlichen Bewertung von Umwelteinflüssen über den gesamten Lebenszylus, daher im Englischen "LCA" (Life-Cycle-Assessment) genannt. Ihr Vorteil liegt in zwei Bereichen:
- Erstens sind sie als Methode bereits lange etabliert und die Modelle bekannt. Es besteht daher ein breiterer Konsens.
- Zweitens besteht ein konkreter Standard (ISO14040), der Prinzipien für und Vorgehensweise bei umweltbezogenen Assessments von Produkten vorgibt. Produkte sind hier eher weich definiert und verstehen sich inklusive Services, bei IT ein wichtiger Punkt.
Basisdaten für Ökobilanzen werden vor allem aus den Einflussgrößen Basiskomponenten, Produktion, Transportketten, Nutzung, sowie Entsorgung/Recycling genommen. Jürgen Giegrich, Fachbereichleiter des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg, unterscheidet bei Ökobilanzen entweder den Vergleich von einheitlichen Betrachtungszeiträumen (vergleichende Methode) oder die Betrachtung eines ganzen Lebenszyklus eines Produkts oder Services (produktspezifische Methode).
Nach Giegrich ist für eine ganzheitliche Ökobilanz nach der ISO14040-Standardisierung auf jeden Fall das "Cradle to Grave"-Prinzip anzuwenden. Wenn also nur ein gewisser Zeitraum betrachtet wird, müssen dann natürlich auch die Ressourcen anteilig auf diesen Zeitraum gerechnet werden.
Herausforderungen der Ökobilanzen
In Realität liegt die Herausforderung bei Ökobilanzen bereits ganz am Anfang: in der Festlegung des Einflussbereichs. Dabei ist viel Spielraum gegeben. Einmal werden nur die direkten Produktressourcen herangezogen, ein andermal auch diverse Umfeldfaktoren bis hin zu ökorelevanter Auswirkungen aus der Produktnutzung.
Bei vergleichenden Ökobilanzen ist wiederum nach Giegrich der faire Vergleich entscheidend - gleiche Werte, gleiche Nutzen und gleiche Ausgangspositionen. Eine Voraussetzung, die bei Ökobilanzierungen komplexer Systeme, wie ganzen Rechenzentren, wichtig ist, da hier viele Faktoren aufeinander abgestimmt und bereits kleine Veränderungen eingerechnet werden müss(t)en.
Dadurch ist es schwerer als bei Produkten wie Mobiltelefonen oder PCs, die in sich geschlossene Einheiten darstellen. Da aber Rechenzentren einen immer wichtigeren Fokus in der Betrachtung einnehmen, wird hier intensiv gearbeitet. So hat die Dekra Certification GmbH in Kooperation mit der Experton Group ein GreenIT-Zertifikat entwickelt, in dem nicht nur die Energieeffizienz gemessen, sondern bereits über den Tellerrand geblickt wird.
"Einflussgrößen wie Unternehmensziele, Beschaffungsvorgänge und Managementmentprozesse ergänzen das Modell der reinen Bewertung von Energieeffizienzen. Dadurch wird ein ganzheitliches Modell entwickelt, welches einen tieferen Blick in die Gesamtstruktur erlaubt", erklärt Aykut Güven von Dekra Certification. Dabei ist zwar noch nicht die Betrachtungstiefe von Ökobilanzen erreicht, aber eine weitere Vertiefung der Betrachtungselemente ist zu erkennen.
Im Gegensatz zu Rechenzentren bieten aber auch IT-Konsumgüter ihre Tücken bei der Ökobilanzierung. Die Erhebung von Basisdaten wird oft dadurch erschwert, dass ihre Ermittlung durch starke Dislozierung von Gütern nicht lückenlos möglich ist, da sie entweder nicht durch nachvollziehbare Kanäle verkauft werden oder aber die Entsorgung nicht einheitlich abläuft. Bekannte Beispiele sind der Weiterverkauf alter PCs in andere Staaten (z. B. dritte Welt-Länder) oder ein privater Auskauf von Altgeräten aus Unternehmen, die nachher nicht mehr in den Verwertungszyklus mit hineingerechnet werden. Beim Mobiltelefon wird dies nahezu unmöglich.
Spezifische Probleme im Bereich IT ergeben sich auch durch über Kontinente verzweigte Zulieferketten und unterschiedliche Auffassungen über Produktkennzeichnungen. Aus diesem Grund kommt es hier zu Vereinfachungen und statt der Verwendung von Originaldaten zur Verwendung von repräsentativen Datensätzen - oft sind erstere gar nicht zu bekommen. Ein genaues Hinsehen scheint bei Ökobilanzen jedenfalls wichtig.





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Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 