Wo finden sich traditionell Ökobilanzen?
Traditionell findet man Ökobilanzen sehr stark in Segmenten wie Bauen und auch bei der Automobil-Produktion. Auch bei landwirtschaftlicher Produktion ist sie stark vertreten. Die Hauptanwendung ist meist fimenintern, da sie sehr produktionslastig sind, meist angewendet als Instrument zur Optimierung.
Welchen Stellenwert geben Sie den Ökobilanzen in der IT und wie werden sie angewendet?
Sie haben auf Grund ihrer Zertifizierung nach ISO einen hohen inhaltlichen Stellenwert. Ökobilanzen in der standardisierten Reinform sind hier noch ein Nischenmarkt, jedoch ansteigend. Bei Informationstechnologien haben sich vor allem methodische Abwandlungen und inhaltliche Vereinfachungen durchgesetzt. Ein Beispiel hierfür ist die aktuelle Konzentration auf das Thema Energie und Energieeffizienz.
In Wirklichkeit sollten aber auch Ressourcenverbrauch (bei IT z.B. Edelmetalle) hinzugerechnet werden, was aber oft sehr kompliziert ist. Es ist auch eine Frage der Prioritäten. So kann bei Mobiltelefonen, bei denen der Energieverbrauch bereits niedrig ist, direkt die Frage nach dem Materialverbrauch gestellt werden, jedoch bei PCs, deren Energieverbrauch derzeit noch hoch ist, zuerst die Lösung dieser Herausforderung. Modellhaft ausgedrückt würde sich ein Stufenmodell ergeben - zuerst Energie, dann weitere Ressourcen.
Ein Vorschlag der kürzlich diskutiert wurde ist die Notwendigkeit einer der eigentlichen Ökobilanz vorgezogenen prinzipiellen Untersuchung zur Priorisierung der Betrachtungselemente und erst danach die Methodenfestlegung. Hier spielt auch die Kommunikationsdimensionen hinein: Ökobilanzen sind ein wissenschaftliches Instrument. Die Kommunikation der Ergebnisse ist daher entweder ebenfalls auf fachlicher Seite aber oftmals reduzierend marketingseitig angelegt, wobei vor allem die Vorzüge eines Produkts in den Vordergrund gestellt werden. Dahingehend ist auch die politische Dimension sehr interessant, die derzeit sehr fokussiert auf Energie und Energieeffizienz abzielt.
Wo liegen die großen Herausforderungen in der Ökobilanzierung bei IT?
Ein wichtiger Punkt ist die Vergleichswerterstellung und diese wird in der Praxis immer schwerer. Bei einheitlichen Produkten ist das noch möglich, bei komplexeren Einheiten ist das schon schwerer. Daher sind immer mehr "Systeme" gefragt. Ein Beispiel ist hier die "computerunterstützte Videokonferenz", bei der außerhalb des eigentlichen Produkts viele Annahmen getroffen werden müssen, z. B. wie viele Kilometer Flugreise erspart wird, da über elektronische Medien kommuniziert wird.
Auch die Bewertung von Rechenzentren als ein "System" ist interessant. Ein Lösungskonzept hierfür ist die Schaffung von prinzipiellen Klassen, z .B. bei Rechenzentren, um welche Kategorie von Hoster es sich handelt - nur Webhoster oder verschiedene Rechentechniken mit z. B. Großrechnerbetrieb.
Bei neueren Bewertungmethoden kämen Bewertungen des Overheads hinzu, z. B. der Einbezug von Sicherheitsstandards, denn dadurch ergeben sich wiederum höhere Anforderungen, die wiederum ökorelevant sind. Die Herausforderung liegt daher darin, zumindest auf wissenschaftlicher Ebene Methoden zu entwickeln, die auch Systeme erklären können, um ein überhandnehmen von methodischen Vereinfachungen der Annahmenbildung zu vermeiden.
Grundsätzlich sind die Methoden aber bereits erwachsen, vor allem durch die Standardisierung. Auf Grund der sehr raschen Entwicklungen in dem Feld, entbrennen auch viele Diskussionen. Derzeit noch am Rand, aber durchaus interessant ist eine aktuelle Diskussion über die Einberechnung von nachwachsenden Rohstoffen in die Produktion - also ein Gutschriften-System (z. B. bei CO2), wobei es hier sehr unterschiedliche Ansätze gibt. Eine sehr interessante Diskussion dreht sich auch um die Kommunikation von Ergebnissen - bleibt man bei der Ergebniskommunikation, bei der wissenschaftlichen sehr tiefgreifenden Kommunikation der einzelnen Wirkungskategorien oder dürfen diese (und wie) auch in zusammengefasster Weise kommuniziert werden, z.B. für Managementreports?
Woran wird gerade in den Gremien gearbeitet?
Im IT-Bereich stellt ein aktuelles Forschungsfeld die einheitliche Kennzeichnung von Vor-Produktionsketten dar, also von Produktionskomponenten. Sinnvoll ist es, diese Kennzeichnung in einem internationalen System, zu dem sich möglichst alle Zulieferer bekennen, auf eine solide Basis zu stellen.
Das Ergebnis, an dem gerade in internationalen Arbeitsgruppen gearbeitet wird, ist eine internationale Ökobilanzdeklaration von Komponenten oder als Minimalvariante zumindest die Schaffung von besseren (Daten-)Repräsentanten, die dem eigentlichen Bauteil entscheidend näher kommen als die derzeitigen. Ein Maßstab hierzu ist die Materialdeklaration der IPC aus den USA (Association Connecting Electronics Industries). Diese erarbeitete mehrere Standards, ein Ergebnis aus einer gelungenen Zusammenarbeit mit Vorschlägen aus Europa, USA und Japan. Derzeit geht es hier vor allem darum, alle ins Boot zu bringen und auch kommunizierbare Vorteile für Zulieferer zu erzeugen, die stärker wiegen als die Angst vermeintlich Betriebsgeheimnisse durch Deklarationen preiszugeben.
Wird es eine eigene Standardisierung für IT-Ökobilanzen geben?
Das wahrscheinlich nicht, da die ISO-Standardisierung anzuwenden ist und schon eindeutige Vorgaben kommuniziert. Eigene Normierungen für die Informationstechnologien werden jedoch sicherlich stattfinden. Ein Beispiel hierzu: Serverleistungen könnten dementsprechend nicht nur nach technischen Benchmarks bewertet werden, sondern eine ECO-Benchmark-Kategorie hinzugefügt werden. Über die Grundlagen und Annahmen werden dann nicht nur die technischen sondern auch die ökologischen Benchmarks darübergelegt und fließen in die Bewertungen ein.
Gibt es IT-Systeme, die bei Ökobilanzen eingesetzt werden?
Ökobilanzen stellen eigentlich eine Methode dar und sind daher als "technologieneutral" anzusehen. Tools gibt es jedoch schon einige, z. B. SimaPro aus den Niederlanden oder auch GaBi aus Deutschland. Es sind jedoch innerhalb der einzelnen Tools funktionale Unterschiede, etwa ob eigene Bewertungsmethoden dafür entwickelt oder existierende Bewertungsmethoden darin dargestellt wurden.





1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 