Jede IT-Saison, die etwas auf sich hält, schenkt der Branche ein neues Akronym. Von der Erfindung bis zur tatsächlichen Verbreitung vergehen bisweilen Jahre. Dass die Web Oriented Architecture - WOA - noch über keinen deutschsprachigen Wikpedia-Eintrag verfügt, bedeutet daher nicht, dass diese eben erst erfunden wurde. Für Analysten von Gartner war WOA bereits Ende 2005 ein Thema. Nicholas Gall, Analyst und Vice President bei Gartner, gilt gewissermaßen als ihr Erfinder. In einem Blogeintrag von 2006 bringt er die Abkürzung auf eine Kurzformel: "WOA = SOA + WWW + REST." SOA bezeichnet dabei die serviceorientierte Architektur, REST den so genannten Representational State Transfer, eine spezielle Methode, um Anfragen an Server zu schicken. Jede Operation erhält dabei eine eigene URL.
Gall führt aus, dass es sich bei WOA um ein zu SOA zählendes Programmdesign handelt, das auf der Architektur des Web basiert - vorausgesetzt, die Lösungen erfüllen eine Reihe von Anforderungen, etwa, dass diese von überall her zugänglich sind, dezentral betrieben werden und alle Services nach dem selben Muster ansprechen.
Das Ganze sollte sich zunächst nicht vorrangig an strengen Vorgaben orientieren. Vielmehr seien unter WOA Web-zentrierte Web Services zu verstehen. Zum Ziel können Unternehmen allerdings auch anders kommen: Denn REST ist laut Gall nicht die Voraussetzung dafür, um Web-orientierte Lösungen zu schaffen.
Sechs Voraussetzung für WOA
Auf den Punkt zu bringen, was WOA nun alles einschließt, scheint nicht einfach. Einige Experten versuchen sich mit der Beschreibung, dass WOA datenorientiert und SOA serviceorientiert sei. Dienste, die mit der einen Technologie erstellt wurden, seien wiederverwendbar, die anderen hingegen einfacher gestrickt und noch schneller zu kreieren.
Bezeichnend für den Umgang mit dem Begriff ist eine Diskussion, die von Dana Gardner, Präsident und Principal Analyst bei Interarbor Solutions, einberufen wurde und als Webcast erschien. Das halbe Dutzend teilnehmende Analysten behilft sich dabei mit Formulierungen wie "ich glaube, das ist es, worum es sich bei WOA handelt" oder "in meiner Wahrnehmung".
Überraschend klare Worte findet unterdessen der Stratege Phil Wainewright, der sich mit IT-Trends auseinandersetzt und als Experte für SaaS gilt. "Es sind zwei Seiten des selben Korridors", sagt Wainewright. Bei jedem "ernsthaften Provider" sei unter dem WOA-Angebot eine SOA-Basis zu finden. "Wir würden innerhalb der Industrie schon ein wenig dümmlich dastehen, wenn wir nun damit beginnen, die Unterschiede zwischen zwei künstlich geschaffenen Begriffen zu diskutieren", so Wainewright.
WOA gegen Komplexität
Wenn man sich mit SOA-Diensten ins Internet und damit in eine Umgebung mit vielen unterschiedlichen Teilnehmern begibt, braucht es laut Wainewright den Ansatz des "größten gemeinsamen Nenners". Um alles aneinanderzufügen werden die Dinge so einfach und standardisiert wie möglich gehalten. Der Schlüssel dazu ist REST, mit dem sich die Schnittstellen zwischen den Systemen auf eine überschaubare Anzahl reduzieren lassen.
Die Technologie ist seit gut zehn Jahren vorhanden und einfach zugänglich und bezeichnet damit nach Ansicht einiger Experten eine Art Gegentrend zur Komplexität. Vergleichbar ist die Entwicklung zum Beispiel mit Ajax, der asychronen Datenübertragung zwischen Servern und Browser-Software. Ajax ist seit langer Zeit bereits im Einsatz und immer wieder werden neue Wege gefunden, dieses einem anderen Zweck zuzuführen.
Damit war es mit WOA nicht so sehr das Ziel, SOA zu entwirren, mit dem viele Unternehmen weiterhin nicht von der Stelle kommen, als vielmehr eine möglichst breite Plattform zu schaffen.
In einem Interview mit dem Online-Magazin "IT Business Edge" versuchte Gartner-Mann Gall zuletzt Unklarheiten rund um WOA aus der Welt zu schaffen. Zunächst, so stellt der Analyst fest, sei SOA keine Architektur, sondern lediglich ein Architekturstil. "Es kann verschiedene Architekturen geben, die als SOA gelten (...), ähnlich wie viele Häuser zum Kolonialstil zählen. Diese können unterschiedlich aussehen, doch so lange sie bestimme Charakteristika erfüllen, sind sie Kolonialstil." Um "echte" SOA handelt es sich demnach nur, wenn die Systeme modular, verteilbar, beschreibbar, wiederverwendbar und lose gebündelt seien. WOA geht noch einen Schritt weiter, zumal es alle fünf SOA-Kriterien zu erfüllen gilt und zusätzlich REST mit an Bord sein muss.
Kritik, dass sich SOA und REST gar im Weg stünden, weist der Berater von der Hand: "Jede einzelne der Voraussetzungen für REST leitet Unternehmen an, wie sie die großen fünf (Kriterien; Anm.) von SOA erfüllen sollen."
WOA spricht Youtube
Während SOA für viele Unternehmen weit nicht die erwarteten Ergebnisse liefert, weil es beispielsweise beim Business Alignment und dem Return on Investment (ROI) hapert, macht WOA nun neue Versprechungen. Bereits die Verbindung des Begriffs mit Web 2.0 und seinen Angeboten wie Cloud Computing oder Mashups scheint für Wachstum zu stehen.
Doch was kann der YouTube-Faktor für Business-Applikationen tun? "Kurz gesagt: Es ist Jahre her, seit SOA derart interessant ausgesehen hat", ist Dion Hinchcliffe, CTO und Gründer von Hinchcliffe & Company überzeugt.
Die dazu gehörigen Business-Szenarien sind bereits in Griffweite. WOA hat dabei SOA gewissermaßen rechts überholt. Während sich Unternehmen mit der Implementierung von SOA abmühten, entstanden draußen im Web leichtfüßig innovative Services. Ob all jene nach der strengen Definition von Gartner auch wirklich WOA-Dienste sind, bleibt allerdings dahingestellt.
Zu den erfolgreichsten Angeboten zählt Amazon Web Services (AWS). Vor zwei Jahren noch als Hobbyprojekt von CEO Jeffrey Bezos belächelt und von den Shareholdern für seine hohen Kosten kritisiert, operiert AWS inzwischen in den schwarzen Zahlen. Eine Vielzahl an Drittanbieter strickt Dienste rund um die dynamisch verfügbare CPU-Power der "Elastic Compute Cloud" oder das Speicherangebot "Simple Storage Service".
Die Argumentation, dass es einerlei sei, ob Businessprozesse im eigenen Rechenzentrum oder in der Internet-Wolke betrieben werden, trifft nur bedingt zu. Unternehmensstrukturen gleichen jenen des Webs eben nur bedingt. Der Trend von WOA wird sich laut Experten weiter durchsetzen, aber eher als eine langsame Migration. Kurzfristige Erfolge dürften sich vor allem in Zusammenhang mit Infrastrukturangeboten wie jenen von Amazon zeigen. Analyst Gall rät Firmen vor allem zu einem: sich auf die Wiederverwendbarkeit der Dienste und ihre lose Gruppierung zu konzentrieren. Wenn Unternehmen das nicht einhalten, sind sie am falschen Dampfer - und das bei jeder der verfügbaren WOA-Definitionen.




1/2012
8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 