Über Web 2.0 wurde viel Positives geschrieben, aber auch Kritik über die Datenverwendung und deren Kontrolle geäußert, über den Leichtsinn der Benutzer und die langfristigen Konsequenzen daraus. Das neue Web stellt das Subjekt und seine Eitelkeiten in den Mittelpunkt des Geschehens, die daraus resultierenden Probleme stellen alle Beteiligten vor neue Herausforderungen.
Anlass genug für ein Expertengespräch, zu dem MONITOR folgende Personen einlud: Paul Böhm ist Initiator des österreichischen IT-Think-Tank "metalab" (http://www.metalab.at) sowie Jungunternehmer im Bereich Web 2.0; Walter Praszl ist Gründungsmitglied von "sw2 - Kompetenznetz Semantic Web und Web 2.0" (http://www.sw2.at). Gemeinsam erarbeiteten wir einen kurzen Strukturierungsvorschlag, der in die Kategorien Organisation, Wirtschaft und Gesellschaft unterteilt ist.
Fokus Organisation

„Die Tendenz der Selbstregulierung erfährt gerade eine hohe Dynamik.“ - Paul Böhm, Mitbegründer und Mastermind von Metalab, Bottom-up Kompetenzzentrum in Wien
Die juristische Auseinandersetzung stellt jedoch keine Triebfeder der Entwicklungen dar, denn soziale Netzwerke, auch die im Internet, organisieren sich mit Fortdauer ihrer Etablierung gut und gerne selbst. Die Tendenz der "Selbstregulierung" erfährt gerade eine hohe Dynamik, weiß etwa Böhm zu berichten. Einen Vorteil dafür stellt auch die enge Verbindung (bis zur Personalunion) zwischen Benutzern und Entwicklern dar, das System ist direkt und auch relativ offen gestaltet. Es wird also für Plattformbetreiber (z.B. facebook oder myspace) schwerer, dem Diskurs über Entwicklung und Ziele auszuweichen.

„Das Wissen über den Umgang mit eigenen Daten und mögliche Konsequenzen daraus ist heute noch zu wenig vorhanden.“ - Walter Praszl, Mitbegründer von sw2.at
Eine Community-Plattform verdient aber nur Geld, auch indirekt über die Steigerung des eigenen Marktwerts, wenn sie Menschen frequentieren und viel Interaktion stattfindet. Derzeit, so Böhm, gibt es noch zwei Strömungen: "Einige Plattformen wollen die User protektiv auf ihrer Plattform halten, andere setzen dagegen auf Offenheit." So stellte Facebook mit "Connect" und myspace mit "Data Availability" eigene Datentransfer-Projekte vor, scheinbar um Google ja nicht auch in diesem Bereich die Vorherrschaft zu überlassen.
Fokus Wirtschaft

Bei dataportability.org - wie es schon im Namen steckt - handelt es sich um Interoperabilität bei Datentransfers, um in sozialen Netzwerken Daten austauschen und kontrollieren zu können. Es ist als Projekt organisiert, in dem auch die größten Plattformbetreiber vertreten sind.
Dabei ist der Nutzen vielgestaltig: Einerseits profitiert die Gesamtwirtschaft durch die Gewinne, Investitionen und Wertsteigerungen der Plattformen, andererseits setzt auch die klassische Wirtschaft auf den Trend und profitiert durch die integralen und direkten Kommunikationsmöglichkeiten in den Netzwerken. Böhm meint dazu, dass Europa hier den Zug gegenüber den USA verpassen könnte. Das gesammelte Wissen, das in den Datenbanken der Social-Network-Betreiber liegt, ist enorm. Wer es nutzt, gewinnt langfristig an Boden, bestätigt Praszl. Im Gegensatz zur Internet-Blase der ersten Generation, als Investoren ihr Geld großzügig verteilten, ist die Entwicklung heute durch Unternehmen getrieben, die mit dem Web 2.0 direkt in ihrem Kerngeschäft zu tun haben, legt Böhm nach: "Das führt natürlich dazu, dass der Antrieb zur Wirtschaftlichkeit umso höher ist, da ja eigenes Geld dahinter steckt."
Das Risiko, dass dadurch ethische Grenzen verschoben werden könnten, ist bekannt. Wie Praszl beobachtet hat, werden ohne Wissen des Nutzers zunehmend integrierte Personalisierungsmechanismen für gezielte Werbungszuspielung genutzt. Das muss aber nicht zwangsläufig von Nachteil sein, da Werbung dadurch viel fokussierter stattfinden kann, so Böhm. Die Frage wird sein, wie transparent der Prozess zukünftig gestaltet wird. Wenn die Kontrolle dem Nutzer obliegt, werden die Vorteile überwiegen.
Aber auch die klassische Wirtschaft setzt zunehmend auf die Vorteile der Netzwerke. Die Personalbranche etwa nutzt das Netz zum Recherchieren von Personen. Dem klassischen "Googeln" folgen bereits tiefere Recherchen in den einzelnen Netzwerken. Der jeweilige Auftritt kann hier zum kritischen Moment für ein Bewerbungsgespräch werden. Auch immer mehr Produzenten von Endkonsumenten-Produkten bringen ihre Neuheiten oft schon in der Phase der Produktgestaltung in die Netzwerke ein oder schaffen sich eigene Onlinegruppen. Daraus resultieren positive Effekte von der Planung bis zur Adaptivität von Produkten.
Fokus Gesellschaft

OpenID beschäftigt sich mit der Standardisierung des Single-Sign-on-Prinzips bei sozialen Netzwerken, das eine Erleichterung für den direkten Zugang zu Plattformen und/oder Anwendungen darstellt.
Kürzlich sendete Ö1 einen Beitrag über die Studie EU Kids Online (http://www.eukidsonline.net/), bei der in einer Befragung 46% der österreichischen Eltern Fernsehregeln für ihre Kinder aufstellen, aber nur 16% Internetregeln. Österreich ist hier viel großzügiger als z.B. die nordischen Länder. Praszl verweist auf das noch vorherrschende Wissensdefizit über Web 2.0: Aktuelle Studien belegen, dass zwar die Nutzung von Web 2.0-Anwendungen rasant steigend ist, jedoch tieferes Wissen über die Funktionsweisen von Applikationen und dahinter liegenden Prozessen den Benutzern fehlt.
"Das Wissen über den Umgang mit eigenen Daten und mögliche Konsequenzen daraus ist heute noch zu wenig vorhanden. Ein Beispiel hierfür ist die Verschmelzung von Desktop- und Web 2.0-Applikationen zur Datenspeicherung", formuliert Praszl ein aktuelles Problem. Böhm sieht jedoch gerade im Wesen der Interaktion in Netzwerken einen großen Vorteil, den besonders die junge Generation vorantreibt: "Der Lernfaktor ist enorm groß, genauso wie der Drang zu gültigen Konventionen über den sozialen Umgang in Netzwerken. So wie die Gesellschaft SMS lesen gelernt hat, werden auch die neuen Technologien des Web 2.0 in den Bereich der alltäglichen Kenntnisse einfließen." Selbst die österreichische Bundesregierung hat sich diesem Thema verschrieben und über "E-Literacy", also die intellektuellen Fähigkeiten im Umgang mit dem Internet und seinen Inhalten, publiziert: www.internetoffensive.at/site/bildung-generationen/ergebnisse-workshop/eliteracy/

OpenSocial ist ein Google-Projekt, welches sich zum Ziel setzt, ein offenes Framework für plattformübergreifende API-Entwicklung zur Verfügung zu stellen.
Oftmals genügen aber auch schon die gewollt zuordenbaren Daten aus den sozialen Netzwerken: Was heute gewollt ist kann morgen, z.B. bei Personalgesprächen, unangenehme Konsequenzen haben. Das Web 2.0 eröffnet jedoch nicht nur die Möglichkeit, sich selbst zu schaden, sondern unterstützt durch die meist nicht benötigte sichere Identifizierung der handelnden Personen (und Autorisierung der Handlungen) fremdverschuldeten Missbrauch. Das kann im schlechtesten Fall bis zum gezielten Mobbing führen, bei Privatpersonen wie in der Wirtschaft (z.B. bezüglich Markenpositionierung). Eine Herausforderungen in diesem Bereich sind laut meinen Gesprächspartnern Systeme zur Reputationsvermittlung: "Der Person/Organisation der ich vertraue, deren Inhalten vertraue ich auch". Böhm meint sogar, dass sich aus dem Bereich der Vertrauensbildung über Identitäten und konkrete Inhalte künftig sogar eigene übergeordnete Organisationen und Geschäftsmodelle entwickeln werden.
OpenID beschäftigt sich mit der Standardisierung des Single-Sign-On-Prinzips bei sozialen Netzwerken, das eine Erleichterung für den direkten Zugang zu Plattformen und/oder Anwendungen darstellt. Die eigentliche Anmeldung an einer Plattform deren Services man konsumieren möchte, erfolgt über einen vom/von der BenutzerIn als vertrauenswürdig eingestuften Provider. Dieser hält die identitätsstiftenden Daten des/r BenutzerIn und bestätigt dies an die Plattform weiter. Neben den grundsätzlichen Vorteilen der einheitlichen Benutzerkennung bietet das Prinzip also auch einen Vertrauensverhältnis, da die Trennung zwischen Diensteanbieter und Datenverwaltung dargestellt ist.
OpenSocial ist ein Google-Projekt, welches sich zum Ziel setzt, ein offenes Framework für plattformübergreifende API-Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Technologisch basiert es auf HTML und JavaScript. OpenSocial fokussiert auf ein Set von APIs (Application Program Interfaces), einerseits technisch orientiert für JavaScript und Persistence, anderseits APIs zur Darstellung von Beziehungen zwischen Menschen (Wer mit Wem?) und deren Aktivitäten (Was?) - also die Grundfragen der sozialen Plattformen.
code.google.com/apis/opensocial
Bei dataportability.org - wie es schon im Namen steckt - handelt es sich um Interoperabilität bei Datentransfers, um in sozialen Netzwerken Daten austauschen und kontrollieren zu können. Es ist als Projekt organisiert, in dem auch die größten Plattformbetreiber vertreten sind. Bearbeitet werden einerseits Fragestellungen um organisatorische Vorgehensmodelle und auch technische Fragestellungen über Protokolle, Entwicklungstools und Standards werden behandelt. dataportability.org wird derzeit als Dachorganisation unter den "standardisierenden" Organisationen angesehen.




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8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 