Wie schätzen Sie denn im Moment den österreichischen Telekom-Markt ein?
Der klassische Festnetz-Anbieter ist stark unter Druck. Der Umsatz vieler Festnetztelefonie-Anschlüsse wandert zu den Mobilfunkern, und auch die Datenanschlüsse gehen den Festnetzanbietern zum Teil verloren. Für die ISPA ist das einerseits erfreulich, weil es heißt, dass sich die Verbreitung des Internets noch weiter erhöht und auch die mobile Nutzung intensiver wird. Nicht so schön ist, dass es einen Teil der ISPA-Mitglieder einem hohen wirtschaftlichen Druck aussetzt. Das Festnetz hat zwar auch erhebliche technische Vorteile, aber die Flexibilität der Mobilfunkangebote ist dem Endkunden zur Zeit einfach attraktiver.
Es ist aber so, dass die Fixed-to-Mobile Substitution hauptsächlich im Privat- und nicht im Firmenbereich stattfindet...
Im Privatbereich sehe ich es nur bei den Gelegenheits-Nutzern als Substitution. Auch in Familienhaushalten wird es weiterhin Festnetz-Anschlüsse geben. Und im Firmenbereich wird es weiterhin klassische Büros mit Festnetztelefon geben, trotz Teleworking und neben den schon fast obligatorischen Mobiltelefonen. Zunehmend wichtig wird dabei die Präsenzinformation, d.h. wo sind die Leute jetzt gerade am besten erreichbar. Die Firmenanschlüsse werden auch immer breitbandiger, zum Teil schon weit über das hinaus, was DSL liefern kann. Ganz schleichend tritt da Fiber to the Office auf den Plan...
Was sind da die Treiber?
Oft sind es andere Services, die nicht direkt mit Internet zu tun haben, wie etwa Storage Vernetzung und Filialvernetzung über Layer2-Services. Das erleichtert den Business Case, um einen Glasfaseranschluss zu errichten. In Geschäftszentren wie etwa Wienerberg- oder Millennium-Tower ist es selbstverständlich, dass es sogar mehrere Glasfaseranbieter gibt.
Wie viele der Top 500 Unternehmen schätzen Sie, haben Glasfaser bereits im Einsatz?
Ich bin mir sicher, mehr als drei Viertel der Top 500 Firmen setzen bereits darauf. Es sind auch viel mehr Objekte erschlossen als man glaubt.
Auch in Ried im Innkreis gibt es meines Wissens ein großes Glasfasernetz...
Ja, das stimmt. Das Systemhaus Infotech hat, als die Stadt Ried die Stromversorgung erneuerte, mitverlegt und erschließt alle Industriebetriebe in Ried im Innkreis, Krankenhaus, Ordinationen, aber auch Haushalte entlang der Strecke. Außerdem bieten sie Services darüber an, wie Storage Vernetzung, Offsite Backup für die Firmenkunden. Das imponiert mir sehr und zeigt eines: Wenn jemand vif und innovativ ist wie Infotech-Chef Hans Kühbeger, kann er sehr viel erreichen.
Zurück zur ISPA: in der Vergangenheit wurden viele Aktivitäten gesetzt, um ein politisches Bewusstsein für die Bedeutung der Telekommunikation zu erzeugen. Wie sieht es da zur Zeit aus?
Da hat sich leider nicht viel verändert. Wir sind seit Jahren bemüht, um das Interesse der Politik an diesem Thema zu heben, aber es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Ich habe schon von einem Politiker die Aussage gehört: Wie viele Wählerstimmen bringt mir das, wenn ich mich da auskenne. Furchtbar!
Wie geht es Ihnen als ISPA-Vorstand?
Die Mitarbeit in der ISPA ist eine Chance über das Wirken in der eigenen Firma hinaus seine Erfahrungen einzubringen und das Medium zu fördern, und auch die Anwendungen, die sich dabei ergeben. Ich bin für die ISPA derzeit vor allem im IPA-Stiftungsrat (Internet Privatstiftung Austria) tätig. So haben wir im Sommer cert.at (computer emergency response team) gestartet. Da geht es um firmenübergreifende Security-Probleme wie etwa das DNS-Problem im Juli. Nationale certs gibt es seit vielen Jahren in anderen Ländern, in Österreich gab es bisher eine gute informelle Zusammenarbeit, getragen durch die ehrenamtliche Circa-Arbeitsgruppe der ISPA - die formelle Etablierung eines professionellen CERT ist da der logische nächste Schritt.
Was sind die künftigen ISPA-Schwerpunkte?
Einer ist sicher Data Retention. Die Protokollierung der Telekommunikationsverbindungen auf Verdacht ist nutzenmäßig unangemessen, und die technische Machbarkeit alleine rechtfertigt kein Eindringen in die Privatsphäre. Ein zweites Thema ist die Sache mit dem Urheberrecht, wo die Telekom-Unternehmen keine Lust haben, sich vor den Karren der Medienunternehmen spannen zu lassen.




1/2012
8/2011
7/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 