8-9-2008 | Aus MONITOR 9/2008 Gedruckt am 23-10-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/10519
Strategien

Business Process Management

IDS Scheer forciert dezentrale Unternehmenssteuerung

Das Flaggschiff Aris soll weiter in die Fachabteilung hinein reichen. Allerdings sehen Marktanalysten diesen Schritt eher als kritischen Beipackzettel an. So stuft etwa Gartner das "Downsizing" der Analyse von Geschäftsprozessen als risikoreiches Unterfangen ein.

Lothar Lochmaier

„SAP bringt BPM zwar an den Kunden, aber IDS Scheer hat den einzigartigen Vorteil, dies durch ein prozessorientiertes Vorgehensmodell zu ergänzen.“ - Wolfram Jost, Vorstand Produktstrategie bei IDS Scheer

Fest steht derzeit nur eines: Die Karten beim Spagat zwischen Serviceorientierung und Business Process Management dürften bald neu gemischt werden. Zwar stehen die Zeichen keineswegs auf Sturm, aber eine gewisse Verunsicherung ist den Verantwortlichen bei IDS Scheer derzeit durchaus anzumerken. Denn das Aris-Flaggschiff zum Modellieren von Geschäftsprozessen allein reicht nicht mehr aus, um am Markt mittelfristig als Vorreiter zu bestehen.

Dies ist insbesondere deshalb der Fall, weil derzeit die großen Spieler wie SAP nach der Integration von Business Objekts der Verschmelzung zwischen dem Business Process Management und serviceorientierten IT-Architekturen massiv den Boden bereiten. Das "Downsizing von strategischen IT-Prozessen" sei indes kein Allheilmittel zur Verbesserung, das sich beim Business Process Management quasi beliebig auf jede Unternehmensebene verlagern ließe, moniert Research-Director Marc Kerremanns von Gartner.

Die von Gartner auf der diesjährigen Aris ProcessWorld neben viel Lob für IDS als Marktführer beim strategischen Prozessmanagement indirekt vorgetragene Kritik richtete sich somit durchaus auch an das Unternehmen selbst. Marktbeobachter rechnen nämlich damit, dass sich der klare Fokus auf das strategische Flaggschiff Aris im Zuge einer schleichenden Öffnung für mehr operative Serviceorientierung aufweichen könnte.

Das Management der Geschäftsprozesse sei jedoch eine Disziplin, die eine durchgängige logische Methodologie erfordere, um Prozesse exakt identifizieren, modellieren und simulieren zu können, bilanzieren die Auguren von Gartner. Sprich: Um seine dominante Stellung im magischen Quadranten der führenden Unternehmen bei den Marktforschern zu festigen, solle IDS Scheer daran festhalten, die Metadaten in einem zentralen Verzeichnis wie Aris zu bündeln und zu speichern.

Nachdem auch die jüngsten Geschäftszahlen des Saarbrücker Unternehmens nicht optimal ausgefallen waren, steht IDS Scheer ohnehin auf dem Radar der Marktanalysten, denn der Trend in Richtung Fusionen und Kooperationen, bei der sich die Anbieterlandschaft im Produktmix zwischen Serviceorientierung und Business Intelligence weiter vermengen dürfte, setzt sich konsequent fort.

Die in den letzten Jahren stark unter Druck geratene Börsennotierung von IDS Scheer trägt außerdem dazu bei, um den Spekulationen von Analysten zusätzliche Nahrung zu verleihen. Dementsprechend nachdrücklich bemühte sich Wolfram Jost, Vorstand Produktstrategie, -entwicklung und -marketing bei IDS Scheer, anlässlich der diesjährigen Kundenkonferenz Aris Process World Zweifel am künftigen Erfolgskurs des Unternehmens zu zerstreuen.

Vor allem gegen den größeren Partner aus Walldorf grenzte er das eigene Unternehmen zumindest rhetorisch entschiedener als bislang der Fall ab. SAP benutze mit SOA by Design ein ganz anderes spezifisches Vokabular als das eigene Unternehmen. Die spezifische Stärke von IDS Scheer gegenüber SAP macht der Unternehmensstratege gerade darin aus, die Lücke zwischen den prozessbasierten Abläufen und der Serviceorientierung schließen zu können.

"SAP bringt BPM zwar an den Kunden, aber IDS Scheer hat den einzigartigen Vorteil, dies durch ein prozessorientiertes Vorgehensmodell zu ergänzen", so Jost weiter. Erst kürzlich war das Unternehmen auf der Kundenmesse Sapphire in Berlin mit dem SAP Pinnacle Award für die höchste Stufe in der Kundenzufriedenheit ausgezeichnet worden.

Die Verantwortlichen sehen das Unternehmen deshalb auch weiterhin auf einem soliden Wachstumspfad. Dirk Oevermann Vorstand der Beratungssparte bei IDS Scheer, setzt vor allem auf den erfolgreichen Ausbau der Aktivitäten in den Schlüsselbereichen Chemie, Pharma und bei Consumerprodukten. Insbesondere lukrative Großprojekte mit einem hohen Consulting-Anteil sollen den Weg in neue internationale Märkte hinein ebnen.

BPM als "Value Capturer"

Erst kürzlich eröffnete IDS Scheer neue Niederlassungen in Spanien und Italien. Passend dazu stellte sich auf der Aris Process World die spanische Großbank BBVA vor. Das Unternehmen hatte sich erst kürzlich für die Aris-Plattform entschieden und setzt diese künftig sowohl als BPM-Lösung als auch im Bereich des operationellen Risikomanagements bis hin zur internen Kontrollorganisation ein.

Auch in der unmittelbaren Produktpipeline bemüht sich IDS Scheer um eine Erweiterung zum bisherigen rund um das Aris-Prozessmodell gruppierten Erfolgsgaranten. Demnach scheint man auch bei dem Spezialistenhaus dazu geneigt, die strategische Plattform etwas stärker für die Bedürfnisse der Nutzer zu öffnen. Sprich, künftig sollen vor allem die Nutzer in den Fachabteilungen stärker von der Aris-Modellierung profitieren.

Vor allem mit Blick auf SAP hat sich der Spezialist dazu eine ganze Reihe von Maßnahmen auf die strategische Agenda geschrieben. So steht das Label "Process-Driven SAP" für ein Paket aus Verfahren, BPM-Werkzeugen und Arbeitsvorlagen, das die Anwender von der Strategie über das Prozess- und Organisationsdesign bis zur Implementierung der SAP-Module unterstützen soll.

IDS Scheer wirbt vor allem mit dem Argument, dass sich SAP-Software damit um bis zu einem Drittel schneller und um rund 15% günstiger einführen lasse. Die nachgebesserte Beratungslösung "Process-Driven SAP" zeichne sich dadurch aus, dass die Kunden ihre Software nicht losgelöst vom Business implementieren müssten, sondern sich diese bereits zuvor an die jeweiligen betriebswirtschaftlichen Bedürfnisse und Vorgaben anpasse.

Zum Einsatz kommt bei der prozessorientierten SAP-Implementierung jedoch auch weiterhin die Methode Aris Value Engineering (AVE), die auf der Aris Plattform aufsetzt. Die AVE-Methodik beschreibt jedoch ergänzend dazu, wie sich die Werkzeuge "Aris for SAP" bzw. "SAP Solution Manager" im Projekt bestmöglich einsetzen lassen. Zur weiteren Unterstützung stehen ergänzende Guidelines, Best Practices und umfangreiche Vorlagen bereit.

Dadurch erhielten Unternehmen bei SAP-Implementierungen aufgrund der Prozessmodellierung vor der Einführung frühzeitig ein komplettes Szenario über die Prozessschritte. Mit diesem Instrumentarium ausgerüstet, hat laut IDS Scheer das Unternehmen Brenntag, ein Spezialist in der Distribution von Industrie- und Spezialchemikalien, die europaweite Konsolidierung verschiedener regionaler IT-Systeme - unter anderem im SAP NetWeaver-Umfeld - bereits erfolgreich bewältigt.

Das Resultat bei Brenntag bestehe in einer deutlichen Verkürzung bei der Einführung von SAP-Projekten, die seitdem rund 20 bis 25% kürzer dauert und zudem mit Blick auf die Kosten um 5 bis 10% günstiger ausfalle. Dass sich IDS Scheer also eine deutlich erhöhte Schlagzahl in der Serviceorientierung bis hinein in die Fachabteilungen im Unternehmen auf die Fahnen geschrieben hat, lässt sich unschwer an der in Berlin auf der Process World vorgestellten Aris Governance Engine erkennen.

Mehr Überblick im Managementcockpit

Sie folgt den Vorgehensmodellen bei der Implementierung von serviceorientierten IT-Architekturen, etwa indem das Unternehmen selbst über Workflows festlegen kann, welche Personen einen Service definieren, freigeben und in Gang setzen. "Wir offerieren damit die erste Lösung, die auf operativem Gebiet die vollständige Prozessautomation möglich macht", sagt Produktstratege Wolfram Jost.

Mit Hilfe der Aris Governance Engine lasse sich nicht nur feststellen, ob Mitarbeiter sich bei der Arbeit konform zu gesetzlichen und rechtlichen Vorgaben verhielten. "Mit Hilfe der Governance lässt sich der komplette SAP-Roll Out steuern und automatisch in die Maschinen hinein transferieren", legt der Produktvorstand die Messlatte gleich ziemlich hoch. Die Lösung soll laut IDS Scheer allerdings erst im ersten Quartal des kommenden Jahres verfügbar sein.

Gegen Ende des Jahres sei zudem mit neuen auf SAP Net Weaver 7.0 maßgeschneiderten Service Repositories zu rechnen. Noch nicht vollständig ausgeräumt scheinen offenbar die konzeptionellen Probleme bei der "In-Memory-Database", einer neuen Technologie, die zu einer besseren Performance im Bereich der Key Performance Indikatoren (KPI) beitragen soll. Jetzt rechnen die Verantwortlichen mit der Fertigstellung der analytischen Softwarefunktionen pünktlich zur kommenden Cebit 2009.

Roadmap für neue Produkte mit Microsoft und BMC

Auf der Aris ProcessWorld Europe in Berlin gab IDS Scheer zudem die ab sofort verfügbare Integration aus Aris Platform und Microsoft BizTalk Server 2006 R2 bekannt. Einige Details sind zwar noch offen, aber der bevorzugte Partner der Microsoft Business Process Alliance bei der BPM-Modellierung und Überwachung soll Unternehmen mit einem integrierten Angebot nicht nur das dynamische Entwerfen, Simulieren und Ausführen von Geschäftsprozessen über BizTalk Server 2006 R2 ermöglichen.

Hinzu gesellt sich außerdem die Einbindung von Prozessanalysen und Process Intelligence in den Geschäftsprozess, was strategische Entscheidungsprozesse erleichtern soll. Auch mit dem von BMC und IDS Scheer gemeinsam entwickelten Produkt "BMC Discovery for Business Processes" seien IT-Abteilungen nun in der Lage, Geschäftsprozessmodelle im "Aris Business Architect" von IDS Scheer automatisch aufzudecken und diese dynamisch den entsprechenden Informationen zu IT-Services und Infrastruktur in BMC Atrium CMDB zuzuordnen.

Fachspezialisten entwickeln sich zu Strategieplanern

Auch dies dürfte ein weiterer Schritt in Richtung Dezentralisierung und Verlagerung der Geschäftsprozesse auf die unteren Hierarchieebenen sein. Dadurch sollen Mitarbeiter etwa auf Ebene der IT-Techniker besser nachvollziehen, welcher Geschäftsprozess von einem bestimmten IT-Ereignis tangiert wird. Auf diese Weise lasse sich nicht nur die Effizienz im Unternehmen durch die optimale Ausrichtung von Geschäftsabläufen und IT-Prozessen erhöhen, sondern auch die Kommunikation von Änderungsanforderungen und die Einhaltung gesetzlicher Standards im IT-Servicemanagement verbessern.

Als weiteres Element in den Kreislauf hinzu tritt das auf der Process World verkündete neue IDS Scheer Produkt "Aris Interface for BMC Atrium CMDB", das Daten zu den bereitgestellten Anwendungen und Technologien aus CMDB extrahiert und in das Aris Repository importieren soll. Die Aufgabe der IT bestehe darin, diese Technologie unmittelbar mit der Anwendungsarchitektur zu verknüpfen, sprich den Informationen zur Planung der IT-Landschaft und den Geschäftsprozessen.

Den Unternehmensarchitekten stünde somit auch auf Ebene der Fachabteilungen anhand dieser Informationen im "Aris IT Architect" ein Instrumentarium bereit, das die Auswirkungen von IT-Projekten auf die bestehende Landschaft analysieren könne - und mit dessen Hilfe sich der Standardisierungsgrad der Soft- oder Hardware bewerten lasse. Dies ermögliche eine bessere Planungsqualität sowie niedrigere Kosten infolge der damit einhergehenden Standardisierung und Harmonisierung von IT-Anlagen.

www.processworld.com

www.arisblog.com

  • Artikel bookmarken
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb

Userkommentare

DISQUS ist ein Service von disqus.com und unabhängig von monitor.at - siehe die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

comments powered by Disqus