Der Trend zur Internet-Nutzung war 1999 noch ungebrochen und die User-Zahlen kletterten steil nach oben. Internet Provider freuten sich darüber und machten gute Geschäfte. In Österreich verdoppelte sich die Gruppe der Internet-User allein von 1998 auf 1999 auf 1,65 Millionen Anwender, rund 30% der österreichischen Bevölkerung (ab 14 Jahren) verfügten damit prinzipiell über einen Zugang zum Internet. Internet zu Hause war allerdings noch Luxus, den sich erst 13% leisteten. Wie immer in Zeiten des heißen Wettbewerbs am Markt, begann sich die Preisspirale nach unten zu drehen. Den Vogel schoss dabei im Juli UTA ab. Das Tochterunternehmen der neun Landesenergieversorger und der Swisscom landete mit "Internet for free" einen fulminanten Erfolg am Markt. Die Strategie dabei: Kundengewinnung um jeden Preis, wobei konvergente Überlegungen im Vordergrund gestanden haben dürften.
Internet wurde als "Nebenprodukt" des Telefonanschlusses betrachtet. UTA-Kunden sollten einerseits via UTA (Festnetz-)telefonieren und zweitens auch via Einwahlmodem im Internet surfen und E-Mails schreiben. Kostenlos bedeutete allerdings nur, dass keine damals übliche Grundgebühr für den Internetzugang mehr verlangt wurde. Die Online-Tarife für die Nutzung wurden jedoch von UTA den Kunden verrechnet. Andere Anbieter mussten wohl oder übel mitziehen, im Dezember bot auch Libro über die Online-Tochter lion.cc nach dem gleichen Modell wie UTA seine "free & easy-Box" in allen Filialen an: Ohne Provider-Grundgebühr, verrechnet wurde nur die Nutzungszeit via Online-Tarif. "Mit diesem Package rollen wir den Internet-Markt in Österreich auf", betonte damals Libro-Chef André Rettberg. Sie erinnern sich sicher: Das war jener Mann, der im Jahr 2000 Libro fast in den Konkurs geführt hätte.
Start für ADSL
Noch 1999 pumpten Investoren in jedes dot-Com-Projekt Geld ohne Ende. So auch bei Raiffeisen, wo der Provider netway als "strategische Geldanlage" gesehen wurde. Verständnis für die Internet-Branche und die rasante Entwicklung des Mediums und aller seiner Möglichkeiten gab es da kaum. Charakteristisch war die relativ späte Entscheidung des Raiffeisen-Konzerns 1999, den Startschuss für Festnetztelefonie bei netway zu erteilen ("netway 1056"). Im Gegensatz zu den alternativen Festnetz-Branchenleadern UTA und Tele2 wurde dieses Angebot des bis dahin durchaus erfolgreichen Providers kaum mehr von den Kunden angenommen - der Kuchen war bereits gut verteilt, auf zahllose Anbieter. Viele davon bedienten dabei eine sehr kleine, lokale Zielgruppe.
Wie groß der Andrang in der Branche war, zeigt auch die Gründung des Fachverbands für Telekommunikation und Rundfunkunternehmungen im Oktober 1999: 270 Kabel-TV-Unternehmungen, 67 Festnetzbetreiber (Sprachtelefonie und Mietleitungen), vier Mobilnetzkonzessionäre, drei Paging-Unternehmen sowie 38 Privatradiobetreiber wurden damals durch den Verband vertreten. Rückwirkend zum ersten Jänner 1999 kam es auch zum Abschluss der Kollektivvertragsverhandlungen für den Telekommunikationssektor.
1999 war auch das Startjahr für eine neue, schnellere Internettechnologie, die heute im Jahr 2008 beinahe schon wieder als "alter Hut" gilt: ADSL. A-Online, so hieß der Internet Provider der Telekom Austria damals, lud Journalisten Ende November zu einem Presse-Empfang, um den neuen "Ferrari unter den Internetzugängen" zu präsentieren. Gleichzeitig erteilte die Telekom Austria Alcatel einen rund 10 Mio.-Euro-Auftrag, um 20.000 ADSL-Anschlüsse (inkl. ADSL-Modems) realisieren zu können.
Jahr 2000 Problem
Neben der hektischen Internet-Entwicklung war die IT-Branche stark mit der Ungewissheit vor der Jahrtausendwende beschäftigt. Y2K (Year 2 Kilo) war in Computer Kreisen ein geflügeltes Wort. Es wurde befürchtet, dass es bei der Umstellung auf das Jahr 2000 zu erheblichen EDV-Störungen und Ausfällen kommen würde. Vor allem dadurch, dass vielerorts statt der eindeutigen vier Ziffern für Jahrgänge nur die letzten zwei Ziffern in Verwendung waren. So konnte quasi mit der zweistelligen Jahreszahl "00" auch das Jahr 1900 gemeint sein. Oft waren ungültige Datensätze auch durch die Verwendung der Zahl "00" gekennzeichnet. Insgesamt wurde (zu Unrecht) fast eine gewisse Hysterie ausgelöst, die vor allem viele sicherheitsrelevanten Institutionen (Banken, Industrie, Krankenhäuser, Kraftwerke) veranlasste, zu guten Kunden für IT-Dienstleister zu werden.
Sie beauftragen die genaue Durchforstung ihrer IT-Systeme, um die befürchteten Folgen so gering wie möglich zu halten. Das Thema wurde auch von den Medien gierig aufgegriffen. Bis knapp vor der Jahrtausendwende thematisierten einigen Medien immer wieder die "Y2K-Problematik" und trugen damit sicher zu einer gewissen "Angstmache" bei. Der Jahrtausendwechsel selbst verlief dann weit weniger spektakulär als vorausgesagt. Viele Banken hatten aber einfach auch in der Silvesternacht 1999/2000 ihre Bankomaten vorsorglich außer Betrieb gesetzt. Rückblickend stellte sich dann heraus, dass die Maßnahmen im Großen und Ganzen ausreichend waren, und die apokalyptisch prognostizierten Visionen mit weltweiten Computerzusammenbrüchen und einer darauf folgenden Weltwirtschaftskrise nicht eintraten.




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Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 