Newsfeed abonnieren
JobTraining

Interview mit Brigitte Ratzer, TU Wien

Eine Frau kämpft für mehr künftige TU-Absolventinnen

An der TU Wien liegt der Frauenanteil bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern seit der Jahrtausendwende bei gleichbleibenden rund 16%. Noch geringer ist der weibliche Anteil bei den TU-Universitätsprofessoren. Das sollte sich dringend ändern, ist nur eines der Anliegen von Brigitte Ratzer, 42, die für die im Jänner 2005 gegründete Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies an der TU Wien verantwortlich ist.

Dr. Brigitte Ratzer, Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender-Studies, TU Wien (Foto: Ratzer)

Wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema Frauen und Technik zu befassen?

Nach Abschluss meines Studiums "Technische Chemie" bekam ich einen Lehrauftrag für "Technik und Gesellschaft" an der TU Wien und habe dazu eine Vorlesung neu konzipiert. Das war für mich der Einstieg in eine Thematik, die mich nicht mehr losgelassen hat.

Warum ist Technik und Frauen nach wie vor so ein großer Widerspruch und der Frauenanteil nach wie vor so marginal?

Das liegt sicher an der historischen Entwicklung. Allein aus dem Bedeutungswandel des Begriffs Technik geht ein Ausschluss von Frauen aus der Technik einher. Alltagsarbeiten wie etwa die Verarbeitung und Haltbarmachung von Lebensmitteln, die Reinigung und Reparatur von Textilien oder Handarbeiten sind nun keine Techniken mehr, eben sowenig die Erziehung von Kindern oder soziale Kompetenz. Überall dort, wo Frauen kreativ und erfinderisch tätig waren und sind, sprechen wir heute nicht mehr von Technik. Selbst die regelmäßige Nutzung technischer Geräte durch Frauen lässt diese nicht als technisch kompetent erscheinen.

Zum Anderen ergibt sich der aktive Ausschluss von Frauen aus der Technik als Konsequenz der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der männlichen Kontrolle über die "qualifizierten" Bereiche, die im Kapitalismus entstanden sind. Mit der Industrialisierung entstand eine Geschlechtertrennung innerhalb der ArbeiterInnenklasse, die der Grundstein dafür ist, dass die Männer bis heute den Bereich Technik beherrschen und dominieren.

Das ist ja auch an der TU Wien leider ziemlich krass zu sehen. Wie reagieren Sie darauf in Ihrer Arbeit bzw. was haben Sie in den letzten drei Jahren alles geleistet und erreicht?

An der Koordinationssteller für Frauen- und Genderförderung haben wir in den letzten drei Jahren 80 bis 90 Frauen in irgendeiner Weise gefördert. Aber das ist nach wie vor nicht genug. 2007 wurden sieben Professuren neu besetzt - und keine davon mit einer Frau. Der Anteil an Wissenschaftlerinnen im Haus ist sogar gesunken. Aber immerhin haben wir eine Reihe von frauenfördernden Projekten initiiert wie z.B. Mentoring, Coaching für Wiedereinsteigerinnen oder Einzelseminare. Auch das Bewusstsein über die Bedeutung der Koordinationsstelle hat sich eindeutig verbessert. Zusätzlich zur Sekretärin kommen jetzt zwei neue Mitarbeiterinnen dazu.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Stark beschäftigt uns das seit Jänner laufende Projekt "fForte - WIT Women in Technology", ein Dissertantinnen-Projekt, bei dem es darum geht, jeweils zwei Dissertantinnen pro Fakultät anzustellen und zu fördern. Das Projekt läuft an vier ausgewählten Fakultäten der TU Wien (Elektrotechnik und Informationstechnik, Informatik, Maschinenwesen und Betriebswissenschaften sowie Technische Chemie). Ziel ist es, die Präsenz von Frauen im wissenschaftlich-technischen Bereich nachhaltig zu erhöhen. Außerdem gibt es bei diesem Projekt auch im Sommer Workshops für Maturantinnen und Schülerinnen, heuer für Informatik und Technische Chemie. Ab dem nächsten Studienjahr auch für Elektrotechnik und Maschinenbau. Zur Zeit arbeite ich auch an einem Bericht über Frauenkarrieren in Unternehmen. Im Moment ist auch eine Mobbing-Umfrage an der TU Wien im Laufen. Soweit ich weiß, ist außerdem die Übersiedlung unseres Bereichs in ein anderes Gebäude geplant. Last but not least müssen die Gender Veranstaltungen für nächstes Jahr geplant werden.

Warum bleibt der Frauenanteil bei bestimmten Studiengängen wie Elektrotechnik, Maschinenbau oder Informatik trotz aller Initiativen und Bemühungen niedrig?

Das hat, wie Sie sicher wissen, mehrere Gründe. Erstens, die Sozialisation und typische Erziehung von Mädchen und Buben. Zweitens, passiert in den Schulen nach wie vor die rollentypische, gesellschaftliche Zuschreibung: Buben sind für Technik begabt, Mädchen nicht. Später, in der Pubertät und Entscheidungsphase kommt es gesellschaftlich gar nicht gut an, wenn sich junge Mädchen oder Frauen für Mathe oder Physik interessieren. Viertens: fehlende Vorbilder. Viele junge Leute orientieren sich auch danach, was die anderen oder Freunde studieren. Fünftens: Es gibt das hartnäckige Gerücht - das nicht stimmt - das an der TU nur HTL-Absolventen studieren dürfen. Und sogar, wenn sich Mädchen für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium entschieden haben, stehen sie unter einem hohem Rechtfertigungsdruck gegenüber Eltern und Freunden.

Wie war das denn bei Ihnen selbst, Sie haben ja auch technische Chemie studiert?

Mir hat Chemie schon in der Schule gefallen. Meine Idee war damals, ich gehe nach dem Studium zu Greenpeace und werde Umweltaktivistin. Außerdem hatte ich zwei Schwestern, da war es nicht so schlimm, dass ein Mädchen was Untypisches gemacht hat.

Was würden Sie jungen Mädchen denn empfehlen?

Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass sich die Frauen drüber trauen. Wenn eine an Technik Interesse hat, soll sie das schon studieren, auch wenn die Studiengänge lange und schwierig sind. Denn es fehlen uns eigentlich die Sichtweisen und Zugangsweisen von Frauen. Es fehlt uns an Vielfalt. Und zu den Initiativen: Man soll nicht an den Frauen "rumdrehen", sondern schauen, dass die Technik auch zu Frauen passt. Es kommt nicht von ungefähr, dass interdisziplinäre Studiengänge wie z.B. Medizintechnik wesentlich besser von Frauen angenommen werden wie die Monokultur, die man bei uns anbietet.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass sich die Leute, die mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu tun haben, mehr Zeit für den Frauenaspekt nehmen. Andererseits wünsche ich mir eine Entdramatisierung der Gender-Frage. Für den Alltag wünsche ich mir einen etwas reflektierteren Umgang in Lehrveranstaltungen.

http://frauen.tuwien.ac.at

weitersagen: drucken
Frauen in der IT

Frauen in der Wirtschaft sind heute selbstverständlich. Aber Frauen in der IT-Branche? Hier herrscht zum Teil immer noch gähnende Leere. Obwohl viele Bestrebungen dahin laufen, mehr Mädchen und junge Frauen für diesen Bereich zu faszinieren. Dabei haben Frauen gerade in dieser Branche vielversprechende Chancen. Die neue Monitor-Serie zeigt, was Frauen in der IT leisten (könnten).

maximize
Termine

22. Mai - 24. April

Genf

Globales Internet Forum 2012

18. Juni - 22. Juni

In ganz Österreich

SAP Mittelstandstage

Print-Archiv
Folgen Sie uns
Leser empfehlen
MONITOR-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter!

E-Mail:
Die von Ihnen angegebene E-Mail Adresse wird von MONITOR Online weder an Dritte weitergegeben noch zu anderen Zwecken verwendet.
MONITOR-Autoren
Mag. Christoph Weiss

Mag. Christoph Weiss, i2s consulting, Leiter Büro Österreich: Magister und Textil-Fachingenieur. Führungserfahrung als IT-Leiter im Bereich technischer Grosshandel. Mehrfach Linien- verantwortlicher für ERP-Einführungen. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Technikum Wien. Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) ..mehr..

Die neuesten Artikel:

© Copyright 1983-2012 by MONITOR / Bohmann Druck und Verlag Gesellschaft m.b.H. & Co. KG (www.bohmann.at)

Add to Google  | Abo | Themenvorschau | Mediadaten | Inserate buchen | Kontakt | Impressum