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25 Jahre MONITOR

Konrad Zuse und Bill Gates

Das Jahr 1995: Ein Gipfeltreffen der besonderen Art

Der Erfinder

Schon als Zehnjähriger baute Konrad Zuse eine Treppenlichtschaltung als Blech und Nägeln. Mit dem Stabilbaukasten setzte er eigene technische Ideen um. Bereits 1932 hatte er die Vision eines "mechanischen Gehirns" vor sich, das monotone, immer wiederkehrende Rechenaufgaben bewältigen sollte. 1935 beschrieb Zuse eine programmgesteuerte Rechenmaschine auf der Zahlenbasis "2", dem Binärsystem.

Daraus entstand 1936 die Z 1, der erste programmgesteuerte, digitale Computer der Welt. Er bestand aus mechanischen Schaltgliedern, die sich oft verklemmen. Vier Jahre später baute er die Z 2 mit einem Rechenwerk aus elektromagnetischen Relaisschaltern. Noch während des Krieges und kurz danach in den Jahren von 1942 bis 1947 erarbeitete Zuse die erste universelle algorithmische Programmiersprache der Welt, das "Plankalkül".

Als die eigentliche Geburtsstunde sehen die Chronisten den 12. Mai 1941 an, als Zuse in einer kleinen Berliner Wohnung mitten im Kriegsgeschehen den ersten frei programmierbaren und programmgesteuerten Z 3 vorstellte. Als die deutsche Hauptstadt zum Ziel von Luftangriffen wurde, wurde auch dieses Original vernichtet.

Zuses Bestrebung war es, damit schwierige Ingenieursaufgaben wie im Bauwesen in Programme zu fassen. Zu der rund 300-seitigen Abhandlung - die im Berliner Technikmuseum heute noch in der Ausstellung im Original zu sehen ist - gehören auch die ersten Schachprogramme der Welt, für Fans ein wahrhaftes El Dorado.

Im Jahr 1956 entwickelte Zuse den exakt arbeitenden automatischen Zeichentisch Graphomat Z 64, einen der ersten Plotter der Welt. Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Ikonen wie Albert Einstein, der bereits in frühen Lebensjahren seine bahn brechenden Ergebnisse erzielte, blieb der gebürtige Berliner rege. Eine - heute wieder sehr aktuelle - Idee entwickelte der Erfinder Ende der 1960er Jahre: die Idee des "Rechnenden Raums".

Darin beschrieb er den Kosmos als einen physikalischen aus Punkten, die gleiche Abstände zueinander haben und ein räumliches Gitter bilden. Jeder Punkt bildet dabei quasi eine Art Datenspeicher, dessen Daten sich in einer festgelegten Taktzeit verändern. Dabei entstehen "Digitalteilchen", d.h. Muster, die sich als submikroskopische Computer erweisen können.

Ähnliche Ideen entwickelten unter dem Fachterminus "Zellularer Automat" auch andere Wissenschaftler wie John von Neumann und J.H. Conway. Die Visualisierung physikalischer Vorgänge mit Hilfe solcher theoretischer Automaten ist bis heute ein grundlegender Bestandteil der Wissenschaft. Zellulare Automaten gelangen etwa in der Informatik und Chaosforschung zum Einsatz.

Noch als über 80-jähriger hatte Zuse ständig neue Ideen. Er sah sogar indirekt den heutigen Boom im Bereich der erneuerbaren Energien voraus - und erfand einen drehbaren sich nach dem Wind ausrichtenden "Helix-Turm" zur besseren Ausnutzung der Windenergie. Heute hätte er wohl seine Freude daran, überall auf der Welt die gegenüber einem Atomkraftwerk nicht einmal uneleganten Dreiflügler im Wind sich bewegen und Strom erzeugen zu sehen.

Der Unternehmer

Blick in die Ausstellung (Foto: Clemens Kirchner, DTMB)

Im Rückspulen der Geschichte etwas blass bleibt der wirtschaftliche Part. Wie gesagt, das richtige Timing für den Durchbruch des Personal Computer fehlte, wohl auch die passenden Kontakte, die Zuse zur Marktmacht verholfen hätten. Im Vorhof des Zweiten Weltkrieges gründete Konrad Zuse die erste Computerfirma der Welt, die Zuse-Apparatebau Berlin, die die Relais-Rechner Z 3, S 1, S 2 und Z 4 für den militärischen Einsatz entwickelte.

Der Vereinnahmung der Wissenschaft für die Zwecke der deutschen Kriegsmaschinerie konnte sich auch Zuse nicht entziehen. So wurde die S 1 für die Berechnung der Flügelkonstruktion von Fliegerbomben des Typs HS 293 eingesetzt. Die Auftraggeber waren jetzt die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL), die Henschel-Flugzeugwerke Berlin und das Reichsluftfahrtministerium.

Dann kamen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs jene Jahre, in denen sich die Wissenschaftler unter den Vorzeichen der Entnazifizierung in einem engen forschungspolitischen Korsett bewegen mussten und viel deutsches Know-how in andere Länder wie die USA abwanderte. Zuse ging in die Provinz und gründete 1949 mit seinen Freunden Harry Stucken und Frank Eckhard die Zuse KG in Neukirchen im hessischen Kreis Hünfeld.

Seine Firma war weltweit der erste Produzent von Rechnern für kommerzielle Auftraggeber. Als bis dato einzigen Großauftrag bis 1955 lieferte seine Firma die Z 5 zur Berechnung optischer Systeme an die Ernst Leitz GmbH in Wetzlar. Die Firma Remington Rand orderte 1952 und 1953 die Rechenlocher Z 7, Z 8 und Z 9.

Da sich die westdeutsche Industrie jedoch erst im Aufbau befand und Computer noch wenig Interesse fanden, suchte Zuse seine Absatzmärkte im Ausland, zunächst in den USA. Erst ab 1955 erhielt er vermehrt Aufträge aus der Bundesrepublik Deutschland. Seit den 1960er Jahren lieferte er sein Know-how auch in die Tschechoslowakei, und zwar ging die Z 11 und die Z 22 an Vermessungsämter in der Sowjetunion, ebenso die Schnittmustersysteme Z 451 gemeinsam mit Z 25-Rechnern.

Weitere Maschinen lieferte die damalige Zuse KG in die DDR. Von der großen Politik ließ er sich allerdings kaum leiten. Angesichts der hohen Entwicklungskosten für seine in Eigenregie konzipierten Rechner konnte Zuse aber auch - anders als dies etwa bei übermächtigen Marktspielern wie der amerikanischen IBM der Fall war - auf keine staatlichen Subventionen hoffen. Kurzum: Er musste sich allein durch den Verkauf seiner Produkte finanzieren.

Vielleicht hätte er sich schon damals auf stärkere Schultern stellen müssen, um erfolgreicher zu sein, doch entsprach dies nicht der Zeit und wohl auch nicht seinem Naturell. Damit war Zuse als Unternehmer am Ende seiner Möglichkeiten angekommen und teilte das Schicksal vieler Erfinder, die für ihre Ideen lebten, denen aber kein Reichtum damit beschieden war.

Seit den sechziger Jahren übernahmen zweifellos IBM und andere Computerriesen die Regie, zuerst mit den Großrechnern und dann gut zwanzig Jahre später mit der zunehmenden Verbreitung im Bereich der Personal Computer. Mit dem Treffen zwischen Bill Gates und Konrad Zuse im Jahr 1995 schloss sich, durchaus symbolträchtig und im feinen Gespür des richtigen historischen Moments, der Innovationskreislauf von zwei völlig nur äußerlich ganz unterschiedlichen Generationen.

Damit begann eine neue Epoche, in der die Technik zunehmend in den Hintergrund rückt. Die Propheten der Zukunft im Web 3.0 malen schon neue Visionen an die Wand, nämlich dass das Netz selbst bald schon der Computer sei. Computer und Netz sollen sich dann zu einer phantasievollen Hochzeit verbünden, in der die bloße Gedankenwelt mit dem unmittelbaren Datenzugriff verschmilzt, ohne jegliche technische Hemmnisse.

Die scheinbar fast grenzenlosen Möglichkeiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation wären jedoch ohne das technische Bindeglied von Konrad Zuse möglicherweise erst einen kleinen Tick später zustande gekommen. Vielleicht würde ohne Zuse heute noch der eine oder andere PC ruckeln, wenn er sich wenig elegant durchs interaktive Mitmachweb bewegt. Dank der Z1 und weiteren bahn brechenden Ideen müssen wir uns aber über derartige technische Kinderkrankheiten nicht ärgern.

Es sei denn, die Technik oder die hektische Betriebsamkeit im Zeitalter der Turbokommunikation wachsen uns über den Kopf. Denn auch Microsoft und andere Unternehmen müssen lernen, irgendwann einmal frisst jede Revolution ihre eigenen Kinder. Fräße die Kommunikationswelt also irgendwann ihre Macher auf, dann könnte im schnelllebigen Zeitalter der beschleunigten Kommunikationsmittel wieder die hohe Kunstform der Entschleunigung und der Gründlichkeit gefragt sein.

Übrigens: Lange Jahre hing das Portraitfoto, das Zuse dem portraitierten Bill Gates anlässlich des Treffens auf der CeBIT im Jahr 1995 überreichte, über dem Chefsessel des Microsoft-Gründers. Wo er es heute aufbewahrt, kann wohl nur der mittlerweile aus dem operativen Geschäft ausgeschiedene Gründer selbst beantworten. Aber in einer Garage dürfte es kaum verrotten.

Links

http://www.dtmb.de - Homepage des Deutschen Technikmuseums in Berlin

http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Zuse - Vita von Konrad Zuse mit vielen Links und Zusatzinformationen

 

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MONITOR-Autoren
Mag. Christoph Weiss

Mag. Christoph Weiss, i2s consulting, Leiter Büro Österreich: Magister und Textil-Fachingenieur. Führungserfahrung als IT-Leiter im Bereich technischer Grosshandel. Mehrfach Linien- verantwortlicher für ERP-Einführungen. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Technikum Wien. Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) ..mehr..

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