Wenn Besucher durch die neue Mitte der Hauptstadt schlendern und dabei einen etwas älteren einheimischen Berliner Bürger befragen, ob dieser denn den Namen Konrad Zuse noch kenne, so kann dies durchaus mit einem spärlichen Kopfnicken enden: "Klar, dat war doch deer, der den Compjutä erfunden hat", schallt es dann spontan im herb-würzigen Berliner Dialekt herüber.
Die jüngere und Technik affine Generation hingegen wird einwenden, "und was hat denn der olle Zuse noch mit dem Internet zu tun?" Wer unter den heutigen Computerlaien will sich schon daran erinnern, dass - längst bevor das Internet laufen lernte - die bahn brechende Innovationsleistung von Konrad Zuse die eigentliche Basis für die modernen Kommunikationsstränge in der vernetzten privaten wie geschäftlichen Welt legte.
Doch auch hier trifft wie so oft die Last der Geschichte den eigentlichen Schöpfer neuer Innovationen: Denn der Prophet gilt nicht viel im eigenen Land. Während es nämlich heute in der Bundesrepublik einschließlich der neuen Bundesländer nur so von Straßen und Plätzen wimmelt, die den Namen von Konrad Zuse tragen, verliefen in der Hauptstadt alle Versuche der letzten Dekade bislang ergebnislos. Es gelang einfach nicht, dem Erfinder des ersten legendären Z1 ein äußeres Denkmal im Straßenbild zu setzen.
Der vielseitig begabte Mensch und Wissenschaftler
Dabei entsprach Konrad Zuse schon zu Lebzeiten alles andere als dem Klischee eines Ingenieurs, der sich nur im eigenen Kämmerlein tummelte, um dort still vor sich hin zu tüfteln. Eher war schon das Gegenteil der Fall: Der 1910 geborene Erfinder entwickelte sich bereits zu einer Epoche zum Schwungrad, der seine Innovationen aktiv in die Welt hinein trieb, als in Deutschland noch tiefe ideologische Grabenkämpfe zwischen Technik- und Geisteswissenschaften herrschten.Legendär blieb bis heute im Jahre 1995 die Begegnung mit Bill Gates auf der damaligen CeBIT, nur wenige Monate bevor Zuse starb. Die Staffette war übergeben. Dies geschah immerhin zu einem Zeitpunkt, als der Amerikaner aus seinem als "Garagenfirma" gestarteten improvisierten Milieu auszog, um mit seinem Betriebssystem Windows 95 schließlich die ganze Welt zu erobern.
Gates war damals 39, Zuse hatte nur noch wenige Monate zu leben, bevor er am 18. Dezember 1995 im Alter von 85 Jahren verstarb. Offenbar war sich auch Bill Gates darüber bewusst, wem er seinen Erfolg indirekt unter anderem zu verdanken hatte. Der große wirtschaftliche Erfolg blieb Zuse im Gegensatz zum Schöpfer des ersten universal verbreiteten Betriebssystems allerdings versagt. Erfolg ist jedoch zweifellos nicht nur das Produkt harter Arbeit und/oder innovativer Ideen. Es ist auch das Resultat eines ziemlich unberechenbaren Teufelsgebräus, nämlich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein.
Dieses historische Timing blieb Zuse versagt. Es ist zu einem der großen geflügelten Irrtümer der Geschichte geworden, dass ausgerechnet IBM-Chef Watson im Jahre 1943 gesagt haben soll, er denke, es gebe weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer, im Zeitraffer eine kaum mehr glaubhafte Aussage. Nur zwanzig Jahre später hatte sich die Welt schon etwas verändert.
Denn ausgerechnet im Jahr 1963, an dem die Menschheit während der Kubakrise am Rande eines nuklearen Krieges stand, setzte der von Zuse entwickelte Transistorenrechner Z 25 sowohl wissenschaftlich als auch in der Produktionssteuerung zum kleinen Siegeszug an, beispielsweise in der Textilindustrie. Auch im damaligen Ostblock fanden die Maschinen ihre Abnehmer.
Dann aber kam erneut IBM ins Spiel - dieses Mal jedoch nicht mit einer abschätzigen Aussage, sondern mit seiner Marktmacht, die der angeblichen Phobie gegen den Personal Computer ein Ende setzte. Das Unternehmen punktete Mitte der sechziger Jahre, indem es wort- und zeichenorientierte Großrechner im neuen Betriebssystem OS/360 auch für die kommerzielle Nutzung erschloss.
Zuse hingegen verfügte nicht über die Mittel, um mit seiner eigenen Marke den großen wirtschaftlichen Erfolg zu generieren und aufzusteigen. Gerade die Konkurrenz von IBM mit den ersten Großrechnern sowie die hohen Kosten in der Softwareentwicklung und Vertrieb zwangen Zuse zur Aufgabe seines eigenen Unternehmens. Schweren Herzens gab er 1967 die Zuse AG an Siemens ab, aber auch sie konnten den amerikanischen Siegeszug nicht stoppen.
Vier Jahre später war der Name Konrad Zuse auch aus dem Handelsregister getilgt. Was blieb, war der Erfinder und Künstler, der seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Aquarelle und Karikaturen malte, aber auch Landschaftsmotive, technische Bauwerke und die Architektur portraitierte.
Von bleibendem Wert sind vor allem die wissenschaftlichen Leistungen des kreativen und detailgenauen Erfinders und Bauingenieurs. Noch heute wird ihm die im Alleingang realisierte Entwicklung des "ersten modernen Computers" zugeschrieben, zu deren Grundlage er immerhin maßgeblich beigetragen hatte. Wie es dazu kam, lässt sich heute auf unzähligen Wissensinseln im Netz oder in vielen Büchern nachlesen.





1/2012
8/2011
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Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. 