10-7-2008 | Aus MONITOR 7-8/2008 Gedruckt am 22-10-2014 aus www.monitor.co.at/index.cfm/storyid/10366
25 Jahre MONITOR

1999-2001

Schräge Blüten einer kurzen Hitzewelle

Viele der aberwitzigen Geschäftsideen der New Economy sind nicht nur gescheitert, sie sind völlig aus der digitalen Welt verschwunden. Ein kurzer Überblick über Übermut und Wagemut der Gründerjahre.

Dunja Koelwel

„Wer die Krise überlebt hat, kann vermutlich gut haushalten und kommt auch mit kleineren Budgets aus.“ - Alexander Hüsing vom eZine „Deutsche Startups“

Wohl jeder, der in den Jahren 1999 bis 2001 bereits in der einen oder anderen Form in der ITK-Branche beschäftigt war, erinnert sich an die Goldgräberstimmung dieser Jahre. Fahndet man aber im Internet nach den Überresten des Booms, so scheint es, als habe jemand alle Spuren verwischt.

Die Lobeshymnen sind verschwunden

Verschwunden sind die Lobeshymnen auf Unternehmen, die nie einen Cent Umsatz oder Gewinn gemacht hatten. Auch die Analystenempfehlungen für Aktien, die Tage später ins Bodenlose fielen, sind trotz des ewigen Gedächtnisses des Internets kaum mehr zu finden und auch über den Jubel, als der heute längst begrabene Neue-Markt-Index (NEMAX) den Deutschen Aktienindex (DAX) überholt hatte, lässt sich kaum mehr etwas lesen.

Selbst das Zyniker eZine Dotcom-Tod, in dem der legendäre Quergeist der New Economy, Don Alfonso, die gewagtesten Unternehmensmeldungen anprangerte, verschwand für einige Zeit von der Bildfläche - um sich interessanterweise erst kürzlich unter dem Namen Boocompany.com zurückzumelden. Der neue Internetauftritt unter Boocompamny.com erinnert dabei stark an die Dotcom-Tod-Zeiten und wird die Apologeten von Web 2.0 und Social Software sicher freuen.

Nur einige wenige, oft diskret in den Hintergrund gerückte alte Zeitungsartikel zeugen noch von dem Wahnsinn der Jahrtausendwende, etwa die englische Zeitung Economist aus dem Jahr 1999, die den wahren Wert des Day-Tradings anpries. Vergessen wurde hier augenscheinlich, dass es sich meist um unerfahrene Aktienspekulanten handelte, die durch ständiges An- und Verkaufen von Werten ein Vermögen verdienten, das sie binnen Jahresfrist meist auch wieder los waren.

Auch das US-Magazin Forbes berichtete im Jahr 2000 von einem cleveren Geschäftsmodell: buy.com verkaufte Produkte unter dem Einkaufspreis und wollte via Werbung dennoch Gewinne machen. Die Verluste bewegten sich im Bereich von 40 Mio. Dollar im Jahr, die Börsianer und Fachjournaille interessierte dies seinerzeit nur wenig.

Doch nicht jeder Gründer war ein Visionär, auch wenn er noch so sehr von seiner revolutionären Idee überzeugt war. Grundsätzlich ließen sich damals zwei Gründertypen unterscheiden: zum einen die Technologie-Gründer, zum anderen die Geschäftsmodell-Gründer. Erstere sind von den Inhalten und Funktionsweisen ihrer Ideen überzeugt. Das Geld, das sie dabei verdienten oder nicht verdienten, spielte eine sekundäre Rolle. Sie wollten durch ihre Technologie verändern. Die Geschäftsmodell-Gründer sind ebenfalls von ihrer Idee überzeugt, die Technologie ist aber lediglich das Vehikel zur Umsetzung. In den Jahren der Jahrtausendwende war dieses Vehikel eben das Internet. Für die Geschäftsmodell-Gründer spielte aber der monetäre Gewinn einen deutlich größeren Part als bei den Technologie-Gründern.

So spektakulär wie der rasante Aufstieg der neuen Wirtschaft war ihr Zusammenbruch. 5.000 Unternehmen verschwanden binnen Monaten vom Markt, die amerikanische Technologiebörse NASDAQ verlor 80% ihres Werts. Seitdem herrscht eine gespenstische Ruhe um alles, was sich im weitesten Sinne einer New Economy zurechnen lässt. Auf Internet-Friedhöfen wie dem "Business Plan Archive" lagern zahllose gescheiterte Geschäftsideen.

Bizarre Geschäftsmodelle

Eines der bizarrsten Geschäftsmodelle der Blasenzeit war zum Beispiel für Alexander Hüsing, vom eZine "Deutsche Startups", das täglich über Neuigkeiten aus der heimischen Internet-Gründerszene informiert, die Plattform snacker.de. Das Konzept von snacker.de klang simpel und trotzdem wahnwitzig: Über die Imbissplattform konnten Surfer die unterschiedlichsten Imbissbuden ihrer Stadt finden. Die Bestellwünsche wurden dann jeweils an die Futterstellen übermittelt, pro geordertes Essen bekam Snacker.de eine Provision - soweit eigentlich ganz spannend für die büroorientierte Gesellschaft. Doch wegen diverser handwerklicher Fehler scheiterte das Konzept. Denn Snacker startete mit Community-Features wie Musikinfos und so fort, die den Usern die Zeit bis zur Bestellung überbrücken sollten.

Als besonders wahnwitzig dürfen aber auch die diversen Newsforen gelten, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen und in Form von Newslettern die News anderer Nachrichtendienste verwerteten und weiterversandten. Acteull24.de oder agent-x.de sind hierbei nur einige Beispiele, die dem Newsgehalt vieler Blogs vorgriffen, aber immer mit dem hehren Anspruch redaktioneller Qualität.

Ossi Urchs, Autor, TV-Produzent und von vielen als Internet-Guru der ersten Stunde gefeiert, erklärt sich die Dotcom-Blase mit dem damals noch fehlenden Nichtverständnis des Webs: "Damals war das Internet der große Hype, man versprach sich alles mögliche davon, ohne es wirklich zu kennen und seine Möglichkeiten und Grenzen beurteilen zu können." "Die Markteinschätzung war damals falsch", resümiert daher auch Alexander Hüsing (Deutsche Startups). "Der Weg des Internets zum Massenmedium dauerte länger als damals prognostiziert. Einher ging die schleppende Verbreitung der Bandbreiten, für viele Sachen war damals das Netz noch nicht reif. So wurden schon um 2000 herum diverse Video-Communities gegründet, doch wenige Monate später waren sie verwunden - die Bandbreite war schuld." Erst YouTube schaffte den Durchbruch.

Doch darf man nicht allein den hoch motivierten Gründern, die oftmals blauäugig ihr Unternehmen starteten, die alleinige Schuld am Scheitern in die Schuhe schieben. Erinnert sei hier auch an die Masse an interessierten VC-Gebern, an Gründerwettbewerbe und an schnelle Ausgründungen mancher Unternehmen - die oftmals halbreife Ideen vorschnell in eine Unternehmensform gossen, um ja ein Stück des Kuchens zu sichern. Ossi Urchs: "In dieser Zeit hatte man öfters das Gefühl, dass eine Geschäftsidee den Investoren gar nicht verrückt genug sein konnte: ob es um nur via Web erhältliches Hundefutter ging oder um den Web-Van, der die großen Logistiker von DHL bis UPs herausfordern wollte. Viele Startups traten aber auch ganz ohne Geschäftsmodell an und fanden es ‚cool' eine möglichst astronomische Burnrate aufzuweisen."

Mit dem Fortschreiten der Krise gegen Ende 2001 traf man dabei auch auf Geschäftsmodelle, die man durchaus als Leichenfledderei bezeichnen darf. Ableauctions.com, eine heute ganz respektable Auktionsplattform, spezialisierte sich zum Beispiel damals praktischerweise auf den Verkauf von Büroeinrichtungen und Fuhrpark der Dotgones.

Die Erfolgreichen

Doch einige Unternehmen sind auch damals in der Krise gestartet und heute erfolgreich. Für Ossi Urchs liegt dieses erfolgreiche Weiterbestehen vor allem daran, dass Dotcom-Überlebende meist eine bahnbrechende technische Idee für ein zentrales Problem des Internets hatten. Als Beispiel dazu sieht er etwa Google. "Die Gründer hatten kein Geschäftsmodell, aber eine Lösung für ein grundsätzliches Nutzerparadigma, die Suche. Dann haben sich die Gründer mit einem erfahrenen IT-Manager zusammengetan, der passend zur genialen Lösung ein ebenso geniales Geschäftsmodell entwickelte. Beides hat bis heute bestand und beides entwickelt sich nach wie vor erfolgreich in immer neue Bereiche."

Auch Alexander Hüsing (Deutsche Startups) hat sich Gedanken zu den Erfolgsrezepten gemacht: "Wer die Krise überlebt hat, kann vermutlich gut haushalten und kommt auch mit kleineren Budgets aus. Heute kommen Gründer mit weniger Geld aus als damals. Allein die Serverkosten von YouTube wären vor Jahren kaum zu bezahlen gewesen."

  • Artikel bookmarken
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb

Userkommentare

DISQUS ist ein Service von disqus.com und unabhängig von monitor.at - siehe die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

comments powered by Disqus