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Wiki & Web 2.0

Interview mit Wiki-Berater Dr. Richard Heigl

Wikis lassen sich nicht leicht in andere Systeme integrieren, wenn diese Systeme nicht auch webbasiert sind. Außerdem ist es schwierig, aus den verlinkten Seiten ein einziges PDF- oder Word-Dokument mit gleichem Inhalt zu machen. Änderungen im Wiki erfordern dann manuelles Nachziehen der PDF- oder Word-Dokumente?

Heigl: Ja, das ist und bleibt ein Problem. Immerhin gibt es zum Teil PDF-Export-Möglichkeiten für mehrere Seiten mit ein und derselben Kategorie. Aber um eine intellektuelle Redaktion kommt man in der Regel nicht herum. Das ist schon deshalb unvermeidlich, weil die Zusammenfassung verschiedener Texte immer etwas Neues ergibt. Wenn Microsoft nun langsam offene Standards unterstützt, wird man mittelfristig auf der technischen Seite ein wenig entlastet, weil sie dann über WYSIWYG-Editoren bessere Schnittstellen für den Export und Import bekommen.

Der häufigste Einwand gegen Wikis ist: Im Wiki ist ständig alles im Fluss, die Mitarbeiter können nie sicher sein, dass die Inhalte den neuesten und offiziellsten Stand der Kenntnis widerspiegeln. Wie geht man mit folgendem Problem um? Meinem Eintrag im Wiki sieht man nicht an, dass er vielleicht: meine alleinige Meinung ist, die womöglich von wichtigen Leuten in der Firma nicht geteilt wird, die sich aber nicht fürs Wiki interessieren; von jemandem geschrieben wurde, der nur die Hälfte verstanden hat; überhaupt ein Sabotage-Akt ist.

Heigl: Sabotageakte sind zwar in Firmen nicht auszuschließen, aber im Firmenumfeld eine eher zu vernachlässigende Größe. Sie riskieren damit einfach ihren Job. Die Frage nach der Verlässlichkeit von Informationen wiegt da schon schwerer. Hierzu habe ich zwei Antworten: Zum Einen können sie die Aktualität und Verlässlichkeit der Informationen durch entsprechende Arbeitsabläufe und Techniken absichern. Das neueste MediaWiki enthält beispielsweise einen Mechanismus, der anzeigt, ob der Artikel geprüft wurde. Wir haben bei „Hallo Welt!“ ein Workflow-Tool, das Mitarbeiter gezielt aufgefordert, einen Artikel durchzusehen. Für die meisten Anwendungen reicht es aber häufig, wenn die Nutzer selbst die Informationen auf dem neuesten Stand halten, wenn sie es für nötig halten. Zum Anderen ist ein Wiki ein Wiki. In Stein gemeißelte Informationen legen sie einfach anders ab. Beispielsweise als PDF-File. Ein Wiki hat häufig die Funktion der Erstinformation, es hilft zu entscheiden, ob eine Information für mich relevant ist, und verweist auf weitergehende Informationen. Gut, manchmal steht da oft erst mal nur die Meinung eines Einzelnen, aber bietet nicht gerade ein Wiki die Möglichkeit, verschiedene Meinungen in einem File tagesaktuell zu integrieren?

Mussten Sie schon Unternehmen von einer Wiki-Einführung abraten, weil es nicht zur Firmenkultur passte? Gibt es K.-o.-Kriterien?

Heigl: Ja, es gibt K.-o.-Kriterien. Und ja, wir haben auch schon von einer Wiki-Einführung abgeraten. Das hat oft ganz pragmatische Gründe. Für einige Probleme gibt es andere, bessere Lösungen. Jemand wollte neulich ein Handbuch mit einem Wiki im WWW publizieren. Wir haben dann gefragt, ob denn andere an dem Handbuch mitschreiben sollen? Als er das verneinte, bekam er den Rat, ein klassisches CMS zu nehmen, weil man da grafisch ganz andere Möglichkeiten hat und die zentrale Funktion des Wikis, die gemeinsame Texterstellung, gar nicht benötigt wird. Andere haben wiederum Erwartungen an eine Wiki-Plattform, die sie einfach nicht erfüllen kann. So ist beispielsweise das Arbeiten mit strukturierten Daten im Wiki nur begrenzt. Dazu muss man dann verschiedene Systeme zusammenstecken.

Um aber den Kern ihrer Frage zu beantworten: Es gibt natürlich Entscheider, die sich nur das Label „Web 2.0“ auf ihre Abteilung kleben wollen, dann aber sofort die Rechte der Mitarbeiter in der Software weitgehend beschneiden. Da wird es für ein Social-Software-Projekt schon eng. Die restriktive Haltung einiger Beteiligter hat viele Gründe. Das sind zum Beispiel negative Erfahrungen, Rivalitäten mit anderen Abteilungen und die spezifischen Anforderungen in der Firmenwelt.

Aber wir tun uns mit Wikis und anderen offenen Systemen auch deshalb schwer, weil in unserer Gesellschaft immer noch etwas altertümliche Vorstellung vorherrschen, wie Menschen lernen, wann und warum sie sich engagieren. Wir haben eine sehr eingeschränkte Vorstellungen davon, wer ein Experte ist und wer nicht. Auch die landläufige Definition von Wissen ist in meinen Augen doch sehr eindimensional. Nicht wenige Zeitgenossen glauben ernsthaft, echtes Wissen ist nur das Faktenwissen, das Günther Jauch abfragen kann.

Und solche Vorstellungen schlagen sich dann in der Organisation des Wissensmanagements mancher Firmen nieder. Da wird dann in periodischen Abständen ein neues System aufgesetzt und genau definiert, wer was wie schreiben muss, wer das dann zu kontrollieren hat und wer nicht. Eine solche Herangehensweise kann in einzelnen Fällen notwendig werden; wenn sie zum Beispiel immer wieder ein bestimmtes Flugzeug bauen wollen. Wenn sie aber eine betriebsinterne Community of Knowledge entwickeln möchten, und die brauchen sie im 21. Jahrhundert, kommen sie hier nicht weiter. Denn Wissensmanagement ist dann ja nur ein neuerlicher Verwaltungsakt, der nichts mit meinen Interessen, nichts mit Kennenlernen oder Verstehen zu tun hat.

Denn Wissensmanagement ist eigentlich ein kollektiver Selbstlernprozess; also ein Lernprozess aller Beteiligter. Und den gibt es nicht ohne ein gehöriges Maß an Selbstbestimmung. Viele Mitarbeiter haben das Bedürfnis, Sachen für sich neu zu ordnen, nachzufragen und neu zu denken. Aus ganz pragmatischen Gründen: Sie möchten die lästige Sucharbeit reduzieren und einige wollen die Abläufe in ihrer Firma besser verstehen, indem sie beispielsweise herausfinden, wie die andere Abteilung funktioniert, wer Ansprechpartner für bestimmte Fragen ist und so weiter. Wir lassen den Kollegen aber dafür kaum Zeit und Gestaltungsfreiräume, wir sprechen ihnen sogar oft die Kompetenz und die Lernfähigkeit ab, oder wir definieren, was sie wissen und lernen dürfen und was nicht.

Geben wir den Mitarbeitern jedoch Zeit und eine geeignete Plattform, unterstützen wir sie in der Anfangsphase, sich selbst zu organisieren, dann kriegt der Betrieb mehr, als er mit 100 Tagen Unternehmensberatung im Jahr erarbeiten kann. Unternehmensberater sagen ihnen häufig nur, was sie schon mehr oder weniger wussten. Ihre Mitarbeiter sagen Ihnen, was sie wirklich brauchen und wo sie es finden. Ein offenes, wikibasiertes Wissenssystem kann derartige kollektive Lernprozesse ideal unterstützen. Und die große Chance bei Wikis liegt oft nicht darin, dass die üblichen Experten ihr Wissen preisgeben, sondern dass das Expertenwissen gefunden, allgemeinverständlich formuliert und damit verstehbar wird. Und das ist keine theoretische, sondern vor allem eine praktische und wirtschaftliche Frage.

Herr Doktor Heigl, wir danken für dieses Gespräch.

Berater und Buchautor
Richard Heigl ist Co-Autor des Buches „Wiki – Kooperation im Web“, gemeinsam mit Anja Ebersbach, Markus Glaser und Alexander Warta. Es bietet einen technischen Überblick über die drei Wikis Atlassian Confluence, MediaWiki und Twiki. Die interessanteren Teile sind aber die über „Wikis säen“, die sozialen Perspektiven und Wiki-Etikette.

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