Als Simon Mingay, Vizepräsident von Gartner Research, 2003 den Begriff "Green IT" prägte, hat er wahrscheinlich noch nicht geahnt, was er damit auslösen würde. Heute wird jeder neue Prozessor, der bei doppelter Leistung - gottlob - nicht doppelt so viel Strom wie sein Vorgänger verschlingt, schon als grüne Sensation abgefeiert, die dazu angetan ist, den Planeten zu retten. Dass das eigentlich nur der stinknormale technische Fortschritt ist, stört die PR-Maschinerie nicht.
Alte Hüte und grüne Mäntelchen?
Praktisch jede Technologie - sei sie auch noch so etabliert und ihr positiver Klimaeffekt auch noch so an den Haaren herbeigezogen - erfährt derzeit einen Relaunch unter grünem Anstrich. Trauriger Höhepunkt dieses Treibens war die heurige CeBIT in Hannover. So mancher Besucher mag geglaubt haben, er steht im Wald. Vom Großrechner bis zum PDA, von Virtualisierung in allen Ausprägungen bis zum Systemmanagement, vom Netzwerk bis zur Klima- und Sicherheitstechnik, Bandbibliotheken und Information Lifecycle Management, Videoconferencing, Output-Management, Duplex-Druck und noch viel, viel mehr - alles tief grün.
Doch das soll nicht heißen, dass die genannten Technologien nichts zum Klimaschutz beitragen könnten. Unter sinnvollen Rahmenbedingungen sehr wohl. Aber man kann einen Trend auch zu Tode hypen. Die Analysten der deutschen Experton-Group warnen davor, dass Green IT aufgrund der "platten Marketing-Sprüche" dabei ist, in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten. Und das wäre schade.
Denn das Thema gewinnt angesichts von Klimawandel und stark steigenden Energiekosten ständig an Brisanz. Trotz immer energieeffizienterer Hardware steigt in den Rechenzentren der Stromverbrauch pro Quadratmeter rapide. Die immer höhere Packungsdichte der Komponenten verursacht nicht nur immense Kühlprobleme- und -kosten, in einigen Ballungszentren - siehe London - führt das bereits zu handfesten Energieengpässen. Eine Entwicklung, die das gesamte Wirtschaftswachstum gefährden könnte, warnen Ökonomen.
Fakten statt Marketing!
Eine Studie der Experton-Group zeigt, dass ein Drittel der Mittelstands- und zwei Drittel der Großunternehmen bereit wären, für die Verringerung des CO2-Ausstoßes Geld auszugeben - selbst dann, wenn sich die Investitionen nicht durch geringere Betriebskosten amortisieren ließen. Aber ein abstruser Marketing-Hype wie auf der CeBIT hinterlässt die Kunden ratlos bis genervt.
Die Anbieter sollten sich daher schnellstens auf ein realistisches und nachvollziehbares Produkt-Marketing besinnen. Auch bei Gartner ist man mit der derzeitigen Entwicklung unzufrieden, und Green-IT-"Erfinder" Mingay bevorzugt heute den Ausdruck "Environmentally Sustainable IT" -einen Begriff, der den eigentlichen Sinn der Sache besser ausdrückt und wohl auch den Marketing-Machern weniger leicht von der Zunge geht. Um das Thema auf den Boden der Seriosität zurückzuholen, hat Gartner eine Benchmarking-Initiative gestartet. Die "Green IT Scorecard" soll Unternehmen, die sinnvolle Maßnahmen setzen wollen, einen Leitfaden und nachvollziehbare Messkriterien an die Hand geben. Am Pilot-Projekt können interessierte Firmen gegen Entgelt teilnehmen.
Wie sinnvolle Maßnahmen setzen?
Als Einstieg sollten Firmen zunächst eine allgemeine Umweltpolitik und -strategie formulieren, rät Gartner, anhand von Assessments den Status Quo erheben und dann auf allen IT-Ebenen nach Wegen suchen, um den Energieverbrauch und negative Umwelteinflüsse zu reduzieren. Auch Verantwortlichkeiten müssen festgelegt werden. Die Energiekosten dem IT-Budget zuzuordnen, motiviert IT-Manager in der Regel sehr, Fortschritte zu erzielen. Die Erfolge von ergriffenen Maßnahmen müssen natürlich laufend gemessen und dokumentiert werden. Wenn man sich realistische Ziele setzt, wird man schnell Erfolgserlebnisse haben. Auch die Bewusstseinsbildung bei den Mitarbeitern verspricht schnelle Erfolge. Allein schon das Abschalten der EDV-Geräte nach Dienstschluss wirkt wahre Wunder. Immerhin sind PCs und Monitore für ein Drittel des CO2-Ausstoßes der IT verantwortlich. Diese "Low hanging Fruits" sind durch Schulungen und Anreizsysteme einfach zu ernten. Und die Angestellten werden ihr geschärftes Umweltbewusstsein auch ins Privatleben mitnehmen.
Um die Energieeffizienz im Rechenzentrum zu verbessern, sollte man sich nicht in punktuellen Maßnahmen verlieren. Ein gut geplantes Paket von Konsolidierung und Virtualisierung zur Auslastungsverbesserung, Power-Management ("immer verfügbar" muss nicht heißen "immer an") und Effizienzsteigerung bei Kühlung, USV-Anlagen und Verteilern bringt den nachhaltigsten Erfolg. Ein Gutteil der Energieverschwendung in Rechenzentren wird durch die weit verbreitete Praxis der Überdimensionierung bei Server-, Storage-, Kühl- und USV-Anlagen verursacht. Puffer für Kapazitätsspitzen und zukünftige Ausbaufähigkeit lassen sich auch durch modulare Konzepte schaffen.
Ein weites Feld für Verbesserungen ist auch der Printing-Bereich. Die Zahl der Geräte zu reduzieren (jährlich werden 178 Millionen Drucker, Kopierer und MFPs gekauft) ist dabei nur der erste Schritt. Den größten Umwelteffekt erzielt man mit der Vermeidung unnötiger Ausdrucke durch ein effizientes Output-Management. Die Papierproduktion verbraucht nämlich zehnmal mehr Energie als der Druckprozess selbst.
Grünes Procurement
Und nicht zuletzt sollte man bei der Beschaffung von IT-Technik und -Services den gesamten Produktlebenszyklus im Auge haben - von der umwelt- und ressourcenschonenden Produktion, über Transportwege, Verpackung und Energieverbrauch bis zum Recycling. Umwelt-Labels und Compliance-Auszeichnungen wie RoHS, EPEAT, Blauer Engel oder WEEE sind dabei gute Anhaltspunkte. Auch ein Blick auf den Anbieter selbst schadet nicht. Hat er ein erstzunehmendes Umweltprogramm entlang seiner gesamten Lieferkette? Und seit wann? Viele sind nämlich erst vor kurzem auf den rollenden Green-IT-Zug aufgesprungen.
Zur Ehrenrettung der Branche sei gesagt, dass große Hersteller wie HP, IBM, Fujitsu-Siemens, Dell, Sun oder Microsoft durchaus erstzunehmende Programme verfolgen und auch immer mehr umweltfreundliche Produkte und Services anbieten - und das nicht erst seit gestern. Damit das so bleibt, darf das grüne Portfolio aber nicht zum Ladenhüter werden. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Und hier schließt sich der Kreis. Wenn das plumpe Marktgeschrei nicht bald durch seriöse und transparente Produktinformation abgelöst wird, werden sich die Kunden angewidert abwenden. Und Green IT ist Geschichte.





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6/2011
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Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 