E-Mail gelesen
und beantwortet von Bill Gates
übersetzt von Peter Wansch

Frage: In der Vergangenheit haben Menschen unter der Annahme stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse noch Pläne für ihr Leben geschmiedet. Heutzutage sieht man sich jedoch Veränderungen in einem atemberaubenden Tempo gegenüber, vor allem im Hinblick auf Kommunikationssysteme wie das Internet. Könnte das nicht unsere Gesellschaft zerrütten? Glauben Sie, daß diese Entwicklung problematisch sein könnte? (Jay Roberts, 72073.2630@compuserve.com)

 

Antwort: Veränderungen sind immer problematisch, bergen aber auch meistens neue Möglichkeiten und Chancen in sich. Man sollte sich aber im Klaren darüber sein, daß der technologische Fortschritt alleine noch keine gesellschaftliche Änderungen bewirkt. Veränderungen müssen von einigen Leuten angenommen werden, oder es bewegt sich gar nichts.

Es gibt zwei Grundsätze die erklären, warum neue Produkte eher über einen längeren Zeitraum hinweg angenommen werden. Zum einen entwickeln sich Produkte langsam weiter, um den Bedürfnissen des Marktes gerecht zu werden. Zum anderen paßt sich der Markt langsam an neue Möglichkeiten an.

Am Anfang sind die meisten Produkte so teuer und kompliziert, daß sie nur von einer kleinen Gruppe von Leuten verwendet werden. Wenn sich die Anzahl der Benutzer nach und nach erhöht, sinken die Preise und das Produkt wird verfeinert und überarbeitet, was wiederum dem Verkauf dieses Produkts förderlich ist.

Telefone, Fernsehapparate, Taschenrechner und Handys sind Beispiele von Produkten, die einmal sehr teuer waren, und in ihren Anfangsjahren nur einer kleinen, elitären Schicht zugänglich waren. Heutzutage sind diese Geräte erheblich verbessert worden, und sie sind relativ preisgünstig und überall zu finden. Außerdem werden Produkte heute für Zwecke eingesetzt, die man nicht vorahnen hätte können. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, daß jemand an elektrische Staubsauger gedacht hat, als Häuser zum ersten mal mit elektrischen Leitungen verkabelt wurden.

Man kann sich die Entwicklung eines Produktes als einen Prozeß vorstellen, der es für den Massengebrauch tauglich macht. Das ist die eine Seite. Die andere gleich wichtige Seite ist die, daß Leute nur langsam ihre Denkweisen, Fertigkeiten und Erwartungen umstellen, sodaß der Bedarf an einem neuen Produkt geweckt wird. Es braucht Jahre bis Leute von einem Produkt hören, es ausprobieren, sich daran gewöhnen und sich schließlich darauf verlassen.

Sogar wenn Video-Rekorder am Anfang extrem preisgünstig gewesen wären, hätte es mehrere Jahre gedauert, bis sie weit verbreitet gewesen wären. Die Menschen bestimmen für sich selbst wie schnell sie Änderungen akzeptieren, etwa in der Art und Weise wie sie einkaufen und lernen neuen Systemen zu vertrauen. Es braucht oft eine ganze Generation, die nicht mit den alten Denkweisen verhaftet ist, um wirklich Dinge zu ändern.

Das Internet wird viele gesellschaftliche Veränderungen initiieren, da es ein ungeheuer effizientes Medium ist, um Käufer und Verkäufer zusammenzubringen (auch wenn das was verkauft wird gratis ist, wie es auf den meisten Web-Seiten heutzutage der Fall ist).

Aber das Internet alleine verursacht noch nichts. Obwohl das Internet als Medium extrem effizient ist, werden immer noch menschliche Wünsche und Anforderungen befriedigt werden wollen. Falls Sie von zu Hause aus arbeiten wollen, gibt es irgendjemanden, der einen Job für sie hat? Falls sie einen guten Arzt suchen, fühlen sie sich gut dabei, das Internet zu durchsuchen, um ein wenig Detektivarbeit zu leisten?

Es muß eine kritische Masse an Personen ein Werkzeug verwenden, oder es ist weitgehend irrelevant. Eine neue Maschine oder ein Produkt rollt nicht mit rasender Geschwindigkeit auf uns zu. Die Maschine - in diesem Fall das Internet - ist nur soweit interessant, als es menschliche Neugierde und Interessen befriedigen kann. Ich fühle mich eigentlich auch ganz gut dabei, und ich hoffe, Sie tun es auch.

Frage: Sind sie Links- oder Rechtshänder? (chamber@atcon.com)
Antwort: Ich bin eigentlich Linkshänder, obwohl ich viele Dinge beidhändig mache. Als Schüler habe ich Notizen mit beiden Händen geschrieben, vor allen wenn ich gelangweilt war und eine kleine Herausforderung nötig hatte.

Frage: Mit Dutzenden von Programmierern, die an einem Projekt wie Word arbeiten, wie koordinieren sich die, um aus den Einzelteilen ein Ganzes zu machen? Darminder Singh, Singapore (daminder@singnet.com.sg)

Antwort: Vor 14 Jahren als wir unser erstes Textverarbeitungsprogramm entwickelten, hatte das Entwicklungsteam fünf Mitglieder. Das war gerade ideal. Groß genug um etwas rasch umzusetzen aber klein genug um die Koordination zwischen den Technikern noch bewältigen zu können. Heutzutage braucht es 50 bis 60 Softwarespezialisten um eine neue Version eines Produktes zu entwickeln. Ihre Frage ist daher sehr gut und angebracht. Wie können wir die Arbeit von so vielen Menschen koordinieren, vor allem wenn Termine drängen? Zum einen haben wir noch immer Teams mit wenigen Entwicklern. Jedes Team hat ein bestimmtes Feature über, und wir nennen diese Gruppen daher auch Feature Teams. Jedes große Software-Projekt besteht aus mehreren solcher Feature Teams.

Für Word 97 hatten wir 6 Teams.Interner Aufbau und Performance, Programmierbarkeit, Integration von Shared Code, Web/Online Komponenten, Textverarbeitungsfunktionen und das Ost-Asien Team, das für die Ost-Asiatischen Versionen verantwortlich war. Die Mitglieder in einem Team arbeiten sehr eng zusammen. Sie haben benachbarte Büros und sie binden ihre Arbeiten kontinuierlich in das Produkt ein, unter der Verwendung von automatisierten Test-Werkzeugen, die sicherstellen, daß die Teile zusammenpassen und daß manche Schlüsselfunktionen wie das Öffnen und Speichern nicht wesentlich langsamer werden.

Wenn sich jedes Team seinem Ziel nähert, gibt es Meilensteine, bei denen wir prüfen ob alle Teile korrekt zusammenarbeiten oder ob wir neue Funktionalität hinzufügen sollen. Während des gesamten Prozesses wird immer getestet. Entwickler testen die Hälfte ihrer Zeit und Tester die ganze Zeit. Wie bei den meisten komplexen Technik-Projekten, verwenden wir mehr Zeit mit dem Testen unserer Produkte als mit der eigentlichen Entwicklung. Und das alles passiert bevor wir Beta-Testing machen, also bei dem Kunden das Produkt vor seiner Freigabe testen. Eine unserer größten Beta-Test-Stätte ist unsere eigene Firma. Wir haben die erste Version von Exchange erst dann freigegeben, nachdem es 20.000 Leute tagein und tagaus betrieben und somit auch getestet haben. Im Großen und Ganzen funktioniert der Entwicklungs- und Testprozeß ganz gut und die Anzahl der gefundenen Fehler ist demensprechend gering.


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