7-8/97

Global Cities,
global Village

Thomas Seifert

Städte waren seit jeher die Zentren wirtschaftlicher Entwicklung. Sah es zuerst so aus, als würde die Rolle der Städte als Wirtschaftszentren von der Telekommunikationsrevolution in Frage gestellt, so geht man heute davon aus, da die Bedeutung der Städte als Wirtschafts- und Kompetenzzentren eher steigen wird. Bei einer Tagung im niederösterreichischen Katzelsdorf wurde das sich daraus ergebende neue Verhältnis zwischen Stadt und Land diskutiert.

Als Herbert Marshall McLuhan den Begriff vom Global Village prägte, hatte er keineswegs das reizende Dorf Katzelsdorf (in der Nähe von Wiener Neustadt) vor Augen. Vielmehr sah er die gesamte Erde als einziges Global Village, in dem die Weltbevölkerung sozusagen Hütte an Hütte auf dem Planeten lebt. Keine Neuigkeit, von der die globalen Dorfbewohnern nichts erfahren, keine Strecke, die nicht problemlos in Sekunden zu überwinden wäre. Heute weiß keiner mehr so recht, was der Begriff Global Village eigentlich alles beinhaltet. Global Village ist zum anglophonen Schlagwort für Globalisierung, Internet- Hysterie und Vernetzung geworden.

Zukunftsmodelle für Stadt und Land

Bei der Tagung "Dorf & Stadt der Zukunft", die von der Niederösterreichischen Dorf- & Stadterneuerung veranstaltet wurde, versuchte der visionäre Stadtplanungs- und Telekommunikationsexperte Franz Nahrada (der auch für die Veranstaltung Global Village, die alljährlich im Wiener Rathaus stattfindet, verantwortlich zeichnet), dem Begriff eine ganz neue Bedeutung zu geben: Er unterschied in seinem Referat zwischen Global Cities und dem Global Village, zwischen der Stadt der Zukunft und dem Dorf der Zukunft: "Global City und Global Village sind beides Zukunftsmodelle, die davon ausgehen, daß Vernetzung ein wesentlicher Bestandteil aller künftigen Aktivitäten, ob Arbeit, Freizeit oder Bildung ist", meinte Nahrada.

Nahrada befindet sich mit seinen Thesen damit einmal mehr auf der Höhe der Zeit: Die Autorin des modernen Klassikers, "Global Cities", Saskia Sassen (Professorin für Stadtplanung an der Columbia University in New York), zeigt in ihrem neuesten Buch "Metropolen des Weltmarktes" die Rolle der Metropolen in einer globalisierten Weltwirtschaft auf.

Nahrada definiert den Unterschied zwischen Global Cities und dem Global Village so: "Global Cities sind die global konkurrierenden Metropolen, die die Spirale von Produktivität, Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit immer mehr nach oben treiben, Global Villages die intelligenten lokalen Gegenpole, die der Globalisierungsfalle durch Rekultivierung von Kreislauf und Zusammenarbeit entgehen".

Vom Ende der Städte...

Vor einigen Jahren lief die Debatte in eine ganz andere Richtung: Wissenschafter und Politiker verkündeten angesichts der massiven Entwicklung der Telekommunikationsmittel und des Aufschwungs der Informatikindustrie das Ende der Städte. Städte, lautete damals die Erklärung, seien als wirtschaftliche Einheiten hinfällig. Büros und Fabriken würden in weniger dicht bebaute Gebiete verlagert, der computerisierte Arbeitsplatz könne ja an jeder beliebigen Stelle eingerichtet werden, sei es in einem Verwaltungszentrum am Stadtrand oder gar in der Provinz Bengal in Indien.

Zwar ist auch dieser Trend erkennbar, doch gleichzeitig zeigt sich auch eine Tendenz zur Konzentration und Zentralisierung. Nationale und globale Märkte erfordern nämlich zentrale Orte, an denen die Globalisierung realisiert und verwaltet wird. Orte, an denen die strategischen Entscheidungen vorbereitet werden und fallen. Um dies zu realisieren bedarf es in den Global Cities einer gewaltigen und hochleistungs- fähigen Infrastruktur, "an deren strategischen Knotenpunkten bestimmte Einrichtungen hochkonzentriert zur Verfügung stehen" (Saskia Sassen).

... zu ihrer Renaissance

Jene, die das Verschwinden der Metropolen von der Landkarte prognostiziert haben, haben also geirrt. Im Gegenteil: Gerade im Moment ist eine unglaubliche Renaissance der Städte feststellbar. New York City geht es besser als je zuvor: Die Stadt wird das Finanzjahr 1996-97 mit einem Budgetüberschuß von 940 Millionen US$ abschließen, die Arbeitslosenrate ist im Mai auf 4,8 Prozent gesunken (die niedrigste seit 23 Jahren), 3.700 Jobs wurden allein im April geschaffen, die Kriminalitätsrate ist auf einem historischen Tiefstand. New York City hat sich gar angeschickt, an die Spitze der Telekom-Revolution vorzustoßen (Monitor 12/95-1/96: Silicon Alley), London wird von den Medien gerade als coolste Metropole der Welt gefeiert und in Asien freut sich China, sich die ökonomisch leistungsfähigste Stadt der Region - Hong Kong - einverleiben zu können. Städte haben also Konjunktur.

Nach der anfänglichen Euphorie, von der Telekommunikationsrevolution besonders profitieren zu können, befürchtet man nun in den ländlichen Regionen, an den neuen Entwicklungen nicht recht teilhaben zu können. Die Kluft zwischen Stadt und Land - so die vielfach geäußerte Sorge - würde noch tiefer werden. Die großen Metropolen würden häufig mit anderen großen Metropolen kommunizieren und Handel treiben, das Umland und die ruralen Regionen würden noch weiter an den Rand gedrängt.

"Telematische Dorferneuerung"

Das Hoffnungs- und Zauberwort am Land lautet Telematik -Telematik (= Wortschöpfung aus TELEkommunikation und InforMATIK). Damit - die verschiedensten Formen der Telearbeit werden angesprochen - soll das weitere "Auseinanderklaffen der Entwicklungsschere zwischen Stadt und Land verhindert werden" (Broschüre der NÖ Dorferneuerung: Menschen - Dörfer - Regionen). Durch diese Technologie, so hoffen die Verantwortlichen in Niederösterreich, soll sich die Möglichkeit ergeben, qualifizierte Arbeitsplätze bis in die kleinsten und entferntesten Dörfer zu dezentralisieren. "Der ländliche Raum erhält neue Chancen, seine Informations- und Kommunikationsnachteile zu überwinden. Durch die Telematik gelingt es, über Computer und Netzwerksysteme die Welt ins Dorf zu holen bzw. das Dorf zum Zentrum der Welt zu machen." (aus einer Broschüre der NÖ Dorferneuerung).

Niederösterreich setzt in Sachen Telematik auf sogenannte Telehäuser. Erwünscht ist also weniger die sogenannte Teleheimarbeit, bei der der oder die Angestellte von Zuhause aus mit dem Firmencomputer kommuniziert, sondern die Trennung von Arbeiten und Wohnen soll nach dem Willen der niederösterreichischen Verantwortlichen weiter aufrecht erhalten werden. Kombinationen von Teleheimarbeit, regulärem Firmenarbeitsplatz, mobiler Arbeit - mit Laptop und Modem - oder Arbeit in einem Telearbeitszentrum sind wohl die wahrscheinlichsten Arbeitsformen in diesem Bereich. Auf diese Weise lassen sich die negativen Folgen der Telearbeit (Isolation und zu geringe Kommunikationsdichte mit dem Unternehmen und daraus resultierende geringe Integration in der Unternehmenshierarchie) vermeiden.

"Unternehmen können durch Mehrfachnutzung Raum sowie kostenintensive Infrastruktur einsparen, und der Kontakt mit den Arbeitnehmern ist weiterhin gegeben", analysiert Mag. Johanna Sommer (sie ist an der Forschungsstelle für Sozioökonomie an der Akademie der Wissenschaften tätig) im Heft 4 der Schriftenreihe Leben in der Stadt, die von der Stadterneuerung Niederösterreich herausgegeben wird. Als ein Zukunftsmodell stellt Sommer in ihrem Beitrag das Projekt "Bruck an der Leitung" vor. Bei diesem Projekt, bei dem mit ausführlichen Begleitstudien die sozialen und gesellschaftlichen Implikationen von Telearbeit erforscht werden sollen, geht es vor allem darum, die hohen Pendlerraten der Region zu senken. In einer vom Architekten Dipl.-Ing. Hans Podivin, Mödling geplanten Anlange soll für 4 zusammenhängende Wohnhauseinheiten ein Telearbeitszentrum, das ebenfalls direkt an die Wohnhausanlage gebaut ist, zur Verfügung gestellt werden.

Doch "Bruck an der Leitung", wie das Projekt augenzwinkernd genannt wird, ist keineswegs das erste und einzige Telearbeitsprojekt in Niederösterreich. Im Frühjahr 1992 entstand in Eschenau unter der Ägide der Dorferneuerung das erste Telehaus Niederösterreichs. Mittlerweile gibt es bereits weitere vier Telehäuser (Edelhof, Mistelbach, Tullnerfeld-Sitzenberg-Reidling, Warth-Aichhof), die gemeinsam die Telehaus GmbH Niederösterreich tragen. In Retz gibt es dazu noch ein Telebüro. Die Idee dabei ist, Organisationen, Unternehmern und Vereinen eine funktionierende Büroinfrastruktur in einem Althof zur Verfügung zu stellen (Kontakt: http://www.retzer-land.co.at, E-Mail: Tele-Buero@Retzer-Land.co.at).

Neue Chancen für Stadt und Land

Es sollte also gelingen, die Interessen der urbanen, städtischen Regionen mit jenen der ruralen, ländlichen in Einklang zu bringen. Beide Pole sind nämlich letztlich voneinander abhängig, und "Dorf und Stadt der Zukunft finden so nach vielen Jahrzehnten der ungleichzeitigen Entwicklung viel näher zueinander als je zuvor", so die optimistische Prognose von Franz Nahrada.

Das Dorf wird als Lebensraum und Lebensproduktionsraum wieder an Bedeutung gewinnen, prognostiziert Nahrada, es wird als Labor für zukünftige, ökologische Produktionsweisen zur Verfügung stehen, denn in seiner kleinräumigen Struktur läßt sich der Übergang von linearen zu kreislaufförmigen Stoff-Flüssen wahrscheinlich viel leichter erzielen.

Die Aufgabe der Stadt sieht Nahrada als Informationszentrum und Technologielieferant, und "nur diejenigen Städte werden im 21. Jahrhundert überleben, die sich vernetzen anstatt zu wachsen und sich wieder auf das Dorf als Partner orientieren". Vielleicht führt die neue Strategie zu einer vorteilhaften Entwicklung sowohl für die Global Cities als auch für das Global Village.

Links

http://www.netway.at/noe-dorf-stadt/

Stadt- und Dorferneuerung im Internet Diese Homepage will eine Plattform der an Stadt- und Dorferneuerungsprojekten beteiligten Gemeinden sein. Projekte und Ideen der Stadt- und Dorferneuerung werden präsentiert, die Vernetzung mit anderen Institutionen und Akteuren sowie mit Gemeinden, welche über eine eigene Homepage verfügen, ist bereits realisiert. Die Homepage der NÖ Dorf- und Stadterneuerung beschreibt die Organisation an sich, die Philosophie, die dahinter steckt, und beinhaltet auch die Kontaktadressen der einzelnen Akteure. Die Büros für Stadt- und Dorferneuerung in den einzelnen Landesvierteln sind jeweils mit einer eigenen Subhomepage vertreten.

Ansprechpartner: Dipl.-Ing. Andreas Weiß, Leiter des Büros für Dorf- und Stadterneuerung Industrieviertel, Hofgarten, 2801 Katzelsdorf, Tel.: 02622/78467, E-Mail: dorf-iv

http://www.municipia.at

Das Kommunikationsprojekt Municipia sammelt europaweit innovative Referenzbeispiele zu Themenfeldern der Raumplanung, Stadt- und Regionalentwicklung und dokumentiert sie auf einer Datenbank im World Wide Web. Gegenwärtig konzentriert sich Municipia Österreich auf folgende sechs Themenschwerpunkte:

  • Stadt-, Umwelttechnologien und Verkehr
  • Neue Arbeit, soziale Sicherheit und Bildung
  • Telematik-Infrastruktur und Anwendungen
  • Bürgerbeteiligung und Verwaltungsvereinfachung
  • Stadt/Regionalplanung und -management
  • Kultur, Freizeit und Tourismus

Das österreichische Municipia-Team ist im Zentrum für Soziale Innovation, Hettenkofergasse 13/45, Tel.: +43-1-4900442-41, Fax: Dw. -40 erreichbar. Ansprechpartner ist: Mag. Hubert Eichmann, E-Mail: h.eichmann@magnet.at http://www.Austria.EU.net/give/

Globally Integrated Village Environment - Die Homepage des "Labors des Zentrums für Soziale Innovation" wird von Franz J. Nahrada geleitet: Es finden sich darin die verschiedensten Projekte des GIVE, eine Bibliothek sowie themenrelevante Veranstaltungshinweise.

CD-ROM: Stadterneuerung in Niederösterreich

Diese CD informiert in Bild und Ton über Stadterneuerungsprojekte in Niederösterreich. Exemplarisch wird anhand der Freiraumgestaltung gezeigt, wie Dörfer und mittlere Städte attraktiver werden. Internationale Beispiele zeigen exemplarische Problemlösungen.

Die CD ist beim Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Abteilung R/2 Landeskoordinierungsstelle für Stadterneuerung, A-1037 Wien, Lothringerstr. 14, Telefon: 01-71130-271, Fax: 01-71130-270 erhältlich.

Literatur

Saskia Sassen:
Metropolen des Weltmarktes - Die neue Rolle der Global Cities.
Campus Verlag, Frankfurt/New York, 1996
In diesem Buch beschreibt die Professorin für Stadtplanung an der Columbia Universität (New York City), Saskia Sassen, die neue Rolle der Global Cities in einer veränderten Weltwirtschaft. Die Global Cities sind es, in denen die Globalisierung vorangetrieben und verwaltet wird.

Saskia Sassen:
The Global City - New York, London, Tokyo. Princeton
University Press, Princeton, New Jersey, 1991
In ihrem ersten Buch über Global Cities beschreibt Sassen die Rolle der Meotropolen New York, London und Tokyo im Weltwirtschaftsgeschehen und untersucht, welche Entwicklungen diese drei Stdte genommen haben. In diesem Buch stehen diese drei Stdte im Mittelpunkt, während das oben abgebildete und beschriebene Buch sich mit der Rolle der Globalen Metropolen im Weltmarkt beschäftigt.

H.V. Savitch:
Post-Industrial Cities - Politics and Planning in New York, Paris and London.
Princeton University Press, Princeton, New Jersey, 1991
Der Professor für Stadtpolitik am College für Urbane und Öffentliche Angelegenheiten in Louisville, H.V. Savitch versucht mit diesem Buch ein Bild der Städte New York, Paris und London in der postindustriellen Ära zu präsentieren.

Peter Hall:
Cities of Tomorrow
Blackwell, Oxford, U.K./Cambridge, USA, 1988
Dieses Buch des berühmten Professors für Stadt- und Regionalplanung an der University of California (Berkeley) ist weniger ökonomisch und politisch orientiert als die oben vorgestellten Werke. Es ist vielmehr nichts weniger als eine Geschichte der Stadtplanung des 19. Und 20. Jahrhunderts. Die ideale Einfhrung für Menschen, die sich für Stadtplanung interessieren.

Bundesarbeiterkammer (Herausgeber):
Der Einsatz von Kommunikationstechnologien in Stadt und Region
Dieser Band ist die Dokumentation der gleichnamigen Fachtagung, die am 19. Und 20. Juni 1995 in der Arbeiterkammer Wien stattfand. Besonderer Schwerpunkt dieses Buchs ist selbstverstndlich Telearbeit und alles, was damit zusammenhängt.

Stefan Iglhaut, Armin Medosch, Florian Rtzer (Hrsg.):
Stadt am Netz.
Bollmann, Mannheim, 1996
Ebenfalls ein sehr interessanter Tagungsbericht. Im November 1995 fand in Luxemburg die Ausstellung "Telepolis" statt. Im "Telepolis" Band finden sich die Beiträge wieder, die bei der Konferenz: "Die Zukunft der Stadt im Zeichen des Cyberspace" vorgetragen wurden. Bei dieser Tagung ging es vor allem um die Reaktion der Stadtplanung und Architektur auf die dezentralisierenden Tendenzen des Lebens im Cyberspace.

William J. Mitchell:
City of Bits - Leben in der Stadt des 21. Jahrhunderts.
Birkhuser, Basel/Boston/Berlin, 1996
Der Autor dieses Buchs ist Professor für Architektur und Medienwissenschaften sowie Dean der Schule für Architektur und Planung am berühmten MIT in Cambridge/Massachusetts. In diesem Buch widmet Mitchell sich der Digitalen Stadt, die keinen realen Raum mehr einnimmt.

Weitere Hinweise:

Dieter Schoeller (Hrsg.):
Dorferneuerung. Tyrolia, Innsbruck/Wien, 1991

Franz Nahrada (Hrsg.):
Global Village. Falter-Verlag, Wien, 1995

Das Kommunikationsprojekt Municipia

Stadt- und Dorferneuerung im Internet