Global Cities, global Village
Thomas Seifert
Städte waren seit jeher die Zentren wirtschaftlicher
Entwicklung. Sah es zuerst so aus, als würde die Rolle der
Städte als Wirtschaftszentren von der Telekommunikationsrevolution
in Frage gestellt, so geht man heute davon aus, da die Bedeutung
der Städte als Wirtschafts- und Kompetenzzentren eher steigen
wird. Bei einer Tagung im niederösterreichischen Katzelsdorf
wurde das sich daraus ergebende neue Verhältnis zwischen
Stadt und Land diskutiert.
Als Herbert Marshall McLuhan den Begriff vom Global Village prägte,
hatte er keineswegs das reizende Dorf Katzelsdorf (in der Nähe
von Wiener Neustadt) vor Augen. Vielmehr sah er die gesamte Erde
als einziges Global Village, in dem die Weltbevölkerung sozusagen
Hütte an Hütte auf dem Planeten lebt. Keine Neuigkeit,
von der die globalen Dorfbewohnern nichts erfahren, keine Strecke,
die nicht problemlos in Sekunden zu überwinden wäre.
Heute weiß keiner mehr so recht, was der Begriff Global
Village eigentlich alles beinhaltet. Global Village ist zum anglophonen
Schlagwort für Globalisierung, Internet- Hysterie und Vernetzung
geworden.
Zukunftsmodelle für Stadt und Land
Bei der Tagung "Dorf & Stadt der Zukunft", die von
der Niederösterreichischen Dorf- & Stadterneuerung veranstaltet
wurde, versuchte der visionäre Stadtplanungs- und Telekommunikationsexperte
Franz Nahrada (der auch für die Veranstaltung Global Village,
die alljährlich im Wiener Rathaus stattfindet, verantwortlich
zeichnet), dem Begriff eine ganz neue Bedeutung zu geben: Er unterschied
in seinem Referat zwischen Global Cities und dem Global Village,
zwischen der Stadt der Zukunft und dem Dorf der Zukunft: "Global
City und Global Village sind beides Zukunftsmodelle, die davon
ausgehen, daß Vernetzung ein wesentlicher Bestandteil aller
künftigen Aktivitäten, ob Arbeit, Freizeit oder Bildung
ist", meinte Nahrada.
Nahrada befindet sich mit seinen Thesen damit einmal mehr auf
der Höhe der Zeit: Die Autorin des modernen Klassikers, "Global
Cities", Saskia Sassen (Professorin für Stadtplanung
an der Columbia University in New York), zeigt in ihrem neuesten
Buch "Metropolen des Weltmarktes" die Rolle der Metropolen
in einer globalisierten Weltwirtschaft auf.
Nahrada definiert den Unterschied zwischen Global Cities und dem
Global Village so: "Global Cities sind die global konkurrierenden
Metropolen, die die Spirale von Produktivität, Leistungsfähigkeit
und Geschwindigkeit immer mehr nach oben treiben, Global Villages
die intelligenten lokalen Gegenpole, die der Globalisierungsfalle
durch Rekultivierung von Kreislauf und Zusammenarbeit entgehen".
Vom Ende der Städte...
Vor einigen Jahren lief die Debatte in eine ganz andere Richtung:
Wissenschafter und Politiker verkündeten angesichts der massiven
Entwicklung der Telekommunikationsmittel und des Aufschwungs der
Informatikindustrie das Ende der Städte. Städte, lautete
damals die Erklärung, seien als wirtschaftliche Einheiten
hinfällig. Büros und Fabriken würden in weniger
dicht bebaute Gebiete verlagert, der computerisierte Arbeitsplatz
könne ja an jeder beliebigen Stelle eingerichtet werden,
sei es in einem Verwaltungszentrum am Stadtrand oder gar in der
Provinz Bengal in Indien.
Zwar ist auch dieser Trend erkennbar, doch gleichzeitig zeigt
sich auch eine Tendenz zur Konzentration und Zentralisierung.
Nationale und globale Märkte erfordern nämlich zentrale
Orte, an denen die Globalisierung realisiert und verwaltet wird.
Orte, an denen die strategischen Entscheidungen vorbereitet werden
und fallen. Um dies zu realisieren bedarf es in den Global Cities
einer gewaltigen und hochleistungs- fähigen Infrastruktur,
"an deren strategischen Knotenpunkten bestimmte Einrichtungen
hochkonzentriert zur Verfügung stehen" (Saskia Sassen).
... zu ihrer Renaissance
Jene, die das Verschwinden der Metropolen von der Landkarte prognostiziert
haben, haben also geirrt. Im Gegenteil: Gerade im Moment ist eine
unglaubliche Renaissance der Städte feststellbar. New York
City geht es besser als je zuvor: Die Stadt wird das Finanzjahr
1996-97 mit einem Budgetüberschuß von 940 Millionen
US$ abschließen, die Arbeitslosenrate ist im Mai auf 4,8
Prozent gesunken (die niedrigste seit 23 Jahren), 3.700 Jobs wurden
allein im April geschaffen, die Kriminalitätsrate ist auf
einem historischen Tiefstand. New York City hat sich gar angeschickt,
an die Spitze der Telekom-Revolution vorzustoßen (Monitor
12/95-1/96: Silicon Alley), London wird von den Medien gerade
als coolste Metropole der Welt gefeiert und in Asien freut sich
China, sich die ökonomisch leistungsfähigste Stadt der
Region - Hong Kong - einverleiben zu können. Städte
haben also Konjunktur.
Nach der anfänglichen Euphorie, von der Telekommunikationsrevolution
besonders profitieren zu können, befürchtet man nun
in den ländlichen Regionen, an den neuen Entwicklungen nicht
recht teilhaben zu können. Die Kluft zwischen Stadt und Land
- so die vielfach geäußerte Sorge - würde noch
tiefer werden. Die großen Metropolen würden häufig
mit anderen großen Metropolen kommunizieren und Handel treiben,
das Umland und die ruralen Regionen würden noch weiter an
den Rand gedrängt.
"Telematische Dorferneuerung"
Das Hoffnungs- und Zauberwort am Land lautet Telematik -Telematik
(= Wortschöpfung aus TELEkommunikation und InforMATIK). Damit
- die verschiedensten Formen der Telearbeit werden angesprochen
- soll das weitere "Auseinanderklaffen der Entwicklungsschere
zwischen Stadt und Land verhindert werden" (Broschüre
der NÖ Dorferneuerung: Menschen - Dörfer - Regionen).
Durch diese Technologie, so hoffen die Verantwortlichen in Niederösterreich,
soll sich die Möglichkeit ergeben, qualifizierte Arbeitsplätze
bis in die kleinsten und entferntesten Dörfer zu dezentralisieren.
"Der ländliche Raum erhält neue Chancen, seine
Informations- und Kommunikationsnachteile zu überwinden.
Durch die Telematik gelingt es, über Computer und Netzwerksysteme
die Welt ins Dorf zu holen bzw. das Dorf zum Zentrum der Welt
zu machen." (aus einer Broschüre der NÖ Dorferneuerung).
Niederösterreich setzt in Sachen Telematik auf sogenannte
Telehäuser. Erwünscht ist also weniger die sogenannte
Teleheimarbeit, bei der der oder die Angestellte von Zuhause aus
mit dem Firmencomputer kommuniziert, sondern die Trennung von
Arbeiten und Wohnen soll nach dem Willen der niederösterreichischen
Verantwortlichen weiter aufrecht erhalten werden. Kombinationen
von Teleheimarbeit, regulärem Firmenarbeitsplatz, mobiler
Arbeit - mit Laptop und Modem - oder Arbeit in einem Telearbeitszentrum
sind wohl die wahrscheinlichsten Arbeitsformen in diesem Bereich.
Auf diese Weise lassen sich die negativen Folgen der Telearbeit
(Isolation und zu geringe Kommunikationsdichte mit dem Unternehmen
und daraus resultierende geringe Integration in der Unternehmenshierarchie)
vermeiden.
"Unternehmen können durch Mehrfachnutzung Raum sowie
kostenintensive Infrastruktur einsparen, und der Kontakt mit den
Arbeitnehmern ist weiterhin gegeben", analysiert Mag. Johanna
Sommer (sie ist an der Forschungsstelle für Sozioökonomie
an der Akademie der Wissenschaften tätig) im Heft 4 der Schriftenreihe
Leben in der Stadt, die von der Stadterneuerung Niederösterreich
herausgegeben wird. Als ein Zukunftsmodell stellt Sommer in ihrem
Beitrag das Projekt "Bruck an der Leitung" vor. Bei
diesem Projekt, bei dem mit ausführlichen Begleitstudien
die sozialen und gesellschaftlichen Implikationen von Telearbeit
erforscht werden sollen, geht es vor allem darum, die hohen Pendlerraten
der Region zu senken. In einer vom Architekten Dipl.-Ing. Hans
Podivin, Mödling geplanten Anlange soll für 4 zusammenhängende
Wohnhauseinheiten ein Telearbeitszentrum, das ebenfalls direkt
an die Wohnhausanlage gebaut ist, zur Verfügung gestellt
werden.
Doch "Bruck an der Leitung", wie das Projekt augenzwinkernd
genannt wird, ist keineswegs das erste und einzige Telearbeitsprojekt
in Niederösterreich. Im Frühjahr 1992 entstand in Eschenau
unter der Ägide der Dorferneuerung das erste Telehaus Niederösterreichs.
Mittlerweile gibt es bereits weitere vier Telehäuser (Edelhof,
Mistelbach, Tullnerfeld-Sitzenberg-Reidling, Warth-Aichhof), die
gemeinsam die Telehaus GmbH Niederösterreich tragen. In Retz
gibt es dazu noch ein Telebüro. Die Idee dabei ist, Organisationen,
Unternehmern und Vereinen eine funktionierende Büroinfrastruktur
in einem Althof zur Verfügung zu stellen (Kontakt: http://www.retzer-land.co.at,
E-Mail: Tele-Buero@Retzer-Land.co.at).
Neue Chancen für Stadt und Land
Es sollte also gelingen, die Interessen der urbanen, städtischen
Regionen mit jenen der ruralen, ländlichen in Einklang zu
bringen. Beide Pole sind nämlich letztlich voneinander abhängig,
und "Dorf und Stadt der Zukunft finden so nach vielen Jahrzehnten
der ungleichzeitigen Entwicklung viel näher zueinander als
je zuvor", so die optimistische Prognose von Franz Nahrada.
Das Dorf wird als Lebensraum und Lebensproduktionsraum wieder
an Bedeutung gewinnen, prognostiziert Nahrada, es wird als Labor
für zukünftige, ökologische Produktionsweisen zur
Verfügung stehen, denn in seiner kleinräumigen Struktur
läßt sich der Übergang von linearen zu kreislaufförmigen
Stoff-Flüssen wahrscheinlich viel leichter erzielen.
Die Aufgabe der Stadt sieht Nahrada als Informationszentrum und
Technologielieferant, und "nur diejenigen Städte werden
im 21. Jahrhundert überleben, die sich vernetzen anstatt
zu wachsen und sich wieder auf das Dorf als Partner orientieren".
Vielleicht führt die neue Strategie zu einer vorteilhaften
Entwicklung sowohl für die Global Cities als auch für
das Global Village.
Links
http://www.netway.at/noe-dorf-stadt/
Stadt- und Dorferneuerung im Internet Diese Homepage will eine
Plattform der an Stadt- und Dorferneuerungsprojekten beteiligten
Gemeinden sein. Projekte und Ideen der Stadt- und Dorferneuerung
werden präsentiert, die Vernetzung mit anderen Institutionen
und Akteuren sowie mit Gemeinden, welche über eine eigene
Homepage verfügen, ist bereits realisiert. Die Homepage der
NÖ Dorf- und Stadterneuerung beschreibt die Organisation
an sich, die Philosophie, die dahinter steckt, und beinhaltet
auch die Kontaktadressen der einzelnen Akteure. Die Büros
für Stadt- und Dorferneuerung in den einzelnen Landesvierteln
sind jeweils mit einer eigenen Subhomepage vertreten.
Ansprechpartner: Dipl.-Ing. Andreas Weiß, Leiter des Büros
für Dorf- und Stadterneuerung Industrieviertel, Hofgarten,
2801 Katzelsdorf, Tel.: 02622/78467, E-Mail: dorf-iv
http://www.municipia.at
Das Kommunikationsprojekt Municipia sammelt europaweit innovative
Referenzbeispiele zu Themenfeldern der Raumplanung, Stadt- und
Regionalentwicklung und dokumentiert sie auf einer Datenbank im
World Wide Web. Gegenwärtig konzentriert sich Municipia Österreich
auf folgende sechs Themenschwerpunkte:
- Stadt-, Umwelttechnologien und Verkehr
- Neue Arbeit, soziale Sicherheit und Bildung
- Telematik-Infrastruktur und Anwendungen
- Bürgerbeteiligung und Verwaltungsvereinfachung
- Stadt/Regionalplanung und -management
- Kultur, Freizeit und Tourismus
Das österreichische Municipia-Team ist im Zentrum für
Soziale Innovation, Hettenkofergasse 13/45, Tel.: +43-1-4900442-41,
Fax: Dw. -40 erreichbar. Ansprechpartner ist: Mag. Hubert Eichmann,
E-Mail: h.eichmann@magnet.at
http://www.Austria.EU.net/give/
Globally Integrated Village Environment - Die Homepage des "Labors
des Zentrums für Soziale Innovation" wird von Franz
J. Nahrada geleitet: Es finden sich darin die verschiedensten
Projekte des GIVE, eine Bibliothek sowie themenrelevante Veranstaltungshinweise.
CD-ROM: Stadterneuerung in Niederösterreich
Diese CD informiert in Bild und Ton über Stadterneuerungsprojekte
in Niederösterreich. Exemplarisch wird anhand der Freiraumgestaltung
gezeigt, wie Dörfer und mittlere Städte attraktiver
werden. Internationale Beispiele zeigen exemplarische Problemlösungen.
Die CD ist beim Amt der Niederösterreichischen Landesregierung,
Abteilung R/2 Landeskoordinierungsstelle für Stadterneuerung,
A-1037 Wien, Lothringerstr. 14, Telefon: 01-71130-271, Fax: 01-71130-270
erhältlich.
Literatur
Saskia Sassen:
Metropolen des Weltmarktes - Die neue Rolle der Global Cities.
Campus Verlag, Frankfurt/New York, 1996
In diesem Buch beschreibt die Professorin für Stadtplanung
an der Columbia Universität (New York City), Saskia Sassen,
die neue Rolle der Global Cities in einer veränderten Weltwirtschaft.
Die Global Cities sind es, in denen die Globalisierung vorangetrieben
und verwaltet wird.
Saskia Sassen:
The Global City - New York, London, Tokyo. Princeton
University Press, Princeton, New Jersey, 1991
In ihrem ersten Buch über Global Cities beschreibt Sassen
die Rolle der Meotropolen New York, London und Tokyo im Weltwirtschaftsgeschehen
und untersucht, welche Entwicklungen diese drei Stdte genommen
haben. In diesem Buch stehen diese drei Stdte im Mittelpunkt,
während das oben abgebildete und beschriebene Buch sich mit
der Rolle der Globalen Metropolen im Weltmarkt beschäftigt.
H.V. Savitch:
Post-Industrial Cities - Politics and Planning in New York,
Paris and London.
Princeton University Press, Princeton, New Jersey, 1991
Der Professor für Stadtpolitik am College für Urbane
und Öffentliche Angelegenheiten in Louisville, H.V. Savitch
versucht mit diesem Buch ein Bild der Städte New York, Paris
und London in der postindustriellen Ära zu präsentieren.
Peter Hall:
Cities of Tomorrow
Blackwell, Oxford, U.K./Cambridge, USA, 1988
Dieses Buch des berühmten Professors für Stadt- und
Regionalplanung an der University of California (Berkeley) ist
weniger ökonomisch und politisch orientiert als die oben
vorgestellten Werke. Es ist vielmehr nichts weniger als eine Geschichte
der Stadtplanung des 19. Und 20. Jahrhunderts. Die ideale Einfhrung
für Menschen, die sich für Stadtplanung interessieren.
Bundesarbeiterkammer (Herausgeber):
Der Einsatz von Kommunikationstechnologien in Stadt und Region
Dieser Band ist die Dokumentation der gleichnamigen Fachtagung,
die am 19. Und 20. Juni 1995 in der Arbeiterkammer Wien stattfand.
Besonderer Schwerpunkt dieses Buchs ist selbstverstndlich Telearbeit
und alles, was damit zusammenhängt.
Stefan Iglhaut, Armin Medosch, Florian Rtzer (Hrsg.):
Stadt am Netz.
Bollmann, Mannheim, 1996
Ebenfalls ein sehr interessanter Tagungsbericht. Im November 1995
fand in Luxemburg die Ausstellung "Telepolis" statt.
Im "Telepolis" Band finden sich die Beiträge wieder,
die bei der Konferenz: "Die Zukunft der Stadt im Zeichen
des Cyberspace" vorgetragen wurden. Bei dieser Tagung ging
es vor allem um die Reaktion der Stadtplanung und Architektur
auf die dezentralisierenden Tendenzen des Lebens im Cyberspace.
William J. Mitchell:
City of Bits - Leben in der Stadt des 21. Jahrhunderts.
Birkhuser, Basel/Boston/Berlin, 1996
Der Autor dieses Buchs ist Professor für Architektur und
Medienwissenschaften sowie Dean der Schule für Architektur
und Planung am berühmten MIT in Cambridge/Massachusetts.
In diesem Buch widmet Mitchell sich der Digitalen Stadt, die keinen
realen Raum mehr einnimmt.
Weitere Hinweise:
Dieter Schoeller (Hrsg.):
Dorferneuerung. Tyrolia, Innsbruck/Wien, 1991
Franz Nahrada (Hrsg.):
Global Village. Falter-Verlag, Wien, 1995
Das Kommunikationsprojekt Municipia
Stadt- und Dorferneuerung im Internet
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