
Als Single im CybernetJochen war schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit ein guter Freund gewesen. Zwei Eigenschaften zeichneten ihn aus: Er war ein Genie in Informatik und konnte mit dem Computer wahre Zauberkunststücke vollbringen. Ganz im Gegensatz dazu stand sein Erfolg bei Frauen. Des öfteren hatte ich versucht, ihn mit den verschiedensten Mädchen zusammenzubringen, nie hatte es gefunkt. Daher freute ich mich umso mehr, als Jochen eines Tages freudestrahlend zu mir kam und rief: "Fred, es hat geklappt!" "Was? Dein neues Programm?" "Nein. Meine Programme funktionieren immer gleich. Ich meine ein Mädchen!" Ich gratulierte Jochen wirklich aus ganzem Herzen und fragte nach Einzelheiten. "Schau. Ich habe mir vor zwei Wochen diese Cybernet-Ausrüstung zugelegt." "Cybernet? Was ist das?" Ungeduldig erklärte er es mir. "Sieh mal, du kennst doch das Internet. Aber das ist heutzutage völlig überholt. Jetzt ziehst du dir einen Cyberanzug an und kannst dich in virtuelle Räume einklinken. Und im Cybernet gibt es inzwischen alles, was das Herz begehrt: Autorennfahrten, Casinos, Diskussionsrunden, Lehrveranstaltungen, Bordelle, Abenteuerfahrten und vieles andere mehr." "Verstehe ich das richtig: Wie im Internet kann man sich beim Cybernet in verschiedene Räume einloggen, nur daß du als ganzes dabei bist, mit Augen und Ohren?" "Richtig. Und natürlich gibt es auch Single-Treffpunkte, und da mußte ich selbstredend hinein. Anfangs fand ich es dort etwas merkwürdig, mit dem ganzen Vorstellen und dergleichen. Aber schließlich habe ich eine Frau getroffen, die ganz wunderbar ist. Gabi heißt sie, und sie ist auch Programmiererin. Das einzige Handicap: Sie wohnt in Deutschland, ganz hoch im Norden. Aber immerhin können wir uns über Cybernet fast täglich treffen. Und kommendes Wochenende treffen wir uns in der Realität. Auf halbem Weg, nämlich in München." Aus Jochen sprudelte es nur so heraus. Aber ich konnte es ihm nicht verdenken, er war einfach zu glücklich, daß es endlich mit dem anderen Geschlecht geklappt hatte. In den nächsten Wochen war mein Freund wie ausgewechselt. Wenn wir uns trafen, pfiff er vergnügt vor sich hin und berichtete mir dann die letzten Neuigkeiten seiner ersten richtigen Beziehung. Dann kam das entscheidende Mail. "Lieber Fred! Es ist aus. Gabi hat mich verlassen. Sie hatte zwar die Beziehung mit mir genossen, aber die räumliche Entfernung zwischen uns wäre ihr halt doch zu groß. Die Treffen im Cybernet seien zwar immer recht amüsant gewesen, aber sie hat nun einen Mann aus Hamburg kennengelernt, den sie öfter treffen könnte als mich. Fred, sie hat mich einfach aufgegeben. Ich kann nicht mehr. Das Leben ist unerträglich für mich geworden. Was ich an irdischen Gütern besitze, vermache ich dir. Du warst eigentlich mein einziger richtiger Freund in meinem Leben. Es tut mir leid. Mach's gut. Jochen." Ich war völlig aus dem Häuschen. Selbstmord? Das konnte sich Jochen doch nicht antun! Warum wollte er nicht mit mir darüber reden? Ich stürzte sofort aus dem Haus und raste mit Höchstgeschwindigkeit zu Jochen hinüber. Hoffentlich wartete er noch mit seiner Tat! Aber ich wußte nicht einmal, ob er sich zu Hause oder woanders umbringen wollte. Egal. Ich erreichte Jochens kleines Häuschen am Stadtrand, sprang aus dem Auto und klingelte Sturm. Nichts rührte sich. Ich klopfte und klingelte erneut - ohne Erfolg. Dann umrundete ich das Haus, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Fenster offen stand. Da - das Küchenfenster war gekippt. Ohne lange zu überlegen, trat ich es ein und kletterte ins Innere. "Jochen!" rief ich - keine Antwort. Ich rannte durch alle Zimmer. Das Schlafzimmer war leer, das Wohnzimmer und die Küche ebenso. Doch dann, im Arbeitszimmer, blieb ich wie angewurzelt stehen. Jochen hatte sich erhängt. Über dem umgestürzten Arbeitsstuhl hing er da wie eine Puppe. Das Seil hatte er an der Lampe befestigt. Das Ganze erschien mir so unwirklich. Mir wurde schwindlig. Das konnte doch nicht wahr sein. Bitte nicht! Ich trat einen Schritt näher. Da erkannte ich, warum Jochen wie eine Puppe aussah. Er hatte noch seinen Cyberanzug an. Da durchfuhr mich ein Gedanke... Schnell stellte ich den Arbeitsstuhl wieder auf, stieg drauf und durchschnitt mit meinem Taschenmesser das Seil. Jochen fiel zu Boden. Ich schnitt den Cyberanzug am Handgelenk auf und fühlte nach dem Puls. Und da - ganz schwach konnte ich ihn verspüren! Mir rannen die Freudentränen über die Wangen. Der Cyberanzug hatte Jochen vor dem Tod bewahrt. Die steife Gummihaut hatte ihn geschützt. Er war nur ohnmächtig geworden. Jochen hatte in seinem Wahn nicht mehr zwischen Realität und Virtualität unterscheiden können und sich gleich in seinem Cyberanzug erhängt. Das hatte ihm letztendlich das Leben gerettet. Doch nicht immer gehen derartige Selbstmordversuche so glimpflich aus... |