
Dialog mit Nicolas Negroponte
Frage: Man sagt, es gäbe eine Bildungslücke zwischen den Generationen der Computerbenutzer - einen Aufholbedarf bei den Senioren. Ist es aber nicht vielmehr so, daß die Versiertheit im Umgang mit Computern gerade bei Menschen boomt, die älter als 55 sind? - Estelle O'Grady, Los Angeles Antwort: So ist es tatsächlich. Was die Senioren mit Kids gemeinsam haben, ist Zeit. In den USA zeigt das erstaunliche Resultate. Menschen mit 55 und aufwärts verbringen durchschnittlich 2.300 Minuten pro Monat vor dem PC. Das ist um ein Drittel mehr als die Angehörigen der Generation X (der von 18- bis 34-jährigen). Die eigentliche Lücke klafft in der Mitte. Die Gruppe der 35- bis 55-jährigen fühlt sich im Computerbereich am wenigsten zu Hause. Sie sind zu früh auf diese Welt gekommen und haben heute zu wenig Zeit, um sich entsprechende Kenntnisse anzueignen. Ich möchte aber darauf hinweisen, daß das in anderen Ländern nicht der Fall ist, ausgenommen in den skandivanischen. Der Rest Europas ist noch immer sehr rückständig und die Entwicklungsländer haben ein noch grundlegenderes Problem. Dort sind Analphabeten am ehesten im Segment der Menschen im Alter von 55 und älter zu finden - was es ihnen sehr sehr erschwert, am Computerzeitalter teilzunehmen. Frage:Was halten Sie von diesen neuen Internet-Services, die es Ihnen ermöglichen, Ihre eigene CD zu gestalten? Man sucht sich seine gewünschten Songs zusammen und schnürt sie in ein maßgeschneidertes Paket. Verringert das nicht den Einfluß der Musiker? Es war bisher so, daß ein Album ein in sich geschlossenes Kunstwerk war. - Mike Brauer, Berlin Antwort: Ganz im Gegenteil: die meisten Alben (im Gegensatz zu Magazinen oder Büchern) sind ein Vehikel, um viele nicht so tolle Nummern im Windschatten von einigen wenigen guten Nummern zu verkaufen. Falls Sie unter "Einfluß" die Macht des Geldes verstehen, so haben die Musiker hier am wenigsten mitzureden. Die typischen Tantiemen für eine ganze CD liegen bei 50 Cent, nur einige wenige Superstars bekommen mehr. Tatsächlich bietet das Internet einem Musiker weitaus bessere Möglichkeiten. Eine ganze maßgeschneiderte CD und ihre Verpackung kostet bloß einen Dollar, was bedeutet, daß der Künstler mehr Profit machen kann. Darüber hinaus ist die Do-It-Yourself-Methode eine tolle Möglichkeit talentierte Interpreten zu finden, die man vorher nicht gekannt hat. Viele Suchmaschinen haben heute eine Option "More Like This" - "Noch mehr vom selben" - so daß man nach einem Musiker oder Stil suchen kann, der einem Lieblingsstück ähnlich ist. Auf diese Art kann eine wirklich gelungene und für den eigenen Geschmack treffendere CD herauskommen. Frage:Hier in Belgrad sehen wir das Internet als ein Tor zur globalen Verbundenheit, die wir uns so sehr wünschen. Ich bin Direktor des OpenNet Internet Center von Radio B92 in Belgrad (www.opennet.org). Als wir vor zwei Jahren ans Netz gingen, taten wir das als erstes Center in Serbien. Haben Sie irgendwelche Vorschläge, wie wir ein möglichst großes Publikum erreichen können? - Brazen Panie, Belgrad (Serbien) Frage:Ein Hurra für Ihre Bemühungen. Die Art und Weise, wie Sie Computer verwenden zeigt, wie das Internet viel zu freiem Dialog in einer Demokratie beitragen kann. Um die Popularität von Kommunikation über ein Netzwerk zu verbreitern, muß man drei Dinge tun: Die Kosten von Computern auf von 1000 Dollar möglichst auf 100 Dollar senken. Trotz einer nach unten drehenden Preisspirale sind die heutigen Kosten noch immer zu hoch und außerhalb jeder Reichweite der meisten Menschen. Die Preisgestaltung für Ortsgespräche ändern. Das sollte eine Pauschale, keine Vergebührung nach Minuten, sein. Wo immer es möglich ist, sollten Kinder gratis telephonieren können. Eltern dazu ermuntern, sich von ihren Kindern das eine oder andere abzuschauen. Das können Großeltern besser; in der Regel sind sie abenteuerlustigere und dankbarere Studenten als Eltern. Das sollte sich aber ändern. Frage:Wie kommt es, daß in den ach so fortschrittlichen Computern so viel Primitivität zu finden ist? Ich denke natürlich an Sex, vertrottelte Ballerspiele, analphabetische Chat-Room-Teilnehmer, etc. - W. S. Kulikowski, Seattle Antwort: Viele neue Technologien dienten anfänglich lüstigen Zwecken. Ein Beispiel ist die Videokassette, die ihre Karrierre als ein Medium für Pornographie begann, aber heute viele Anwendungen - wunderbare und unentbehrliche Anwendungen - gefunden hat. Inzwischen werden aber "schweinische Filme" nur als ein kleines Nischensegment angesehen. Heute ist das World Wide Web ein Medium für die Verbreitung persönlicher Inhalte an jeden, der bereit ist, sie zu rezipieren. Unglücklicherweise ist das unmittelbare Resultat ein im Durschnitt sehr niedriges und weiter sinkendes Niveau an Qualität. Das ändert sich aber. Wir werden es erleben, daß das primitive Material einen immer kleineren Anteil der Möglichkeiten darstellt und mehr und mehr anspruchsvolles Material ans Netz geht. Wir werden in einen unglaublichen Reichtum von Cyber-Wissen eintauchen. Für diese Entwicklung wird man aber kein neues Regelwerk der Regierung oder Gesetze brauchen - alleine durch soziale Mechanismen und Vereinbarungen wird sich das Internet selbst aufräumen und in Ordnung bringen. Es wird sich alleine durch seine einzigartige Fähigkeit zur dezentralisierten Selbstorganisation bessern. Es gibt keinen Grund zu verzweifeln. |