
Liebe Leser
"Viel Lärm durch viele Leute" könnte eine populistische Beschreibung des Phänomenes CeBIT sein, deren Veranstalter vor kurzem ihre
Eintrittskarten-Slotmaschinen und Drehkreuze wieder abstellten, um sich wieder voll und ganz ihrer eigenen "Jahr 2000" Problematik zuzuwenden.
Viel Lärm wurde auch um ein Thema gemacht, das viele Leute in neue Verhaltensweisen führen soll: E-Commerce. Eigentlich ist die
elektronische Variante des Shoppings keine neue Technologie, sondern wie das Faxgerät eine Zusammenführung verschiedener längst
bekannter Teile zu einem effizienten neuen Produkt, das in wenigen Jahren den realen Shopping Centern einen erheblichen Teil der Kunden abspenstig
machen soll. Klingt ja auch nicht schlecht, wenn man seinen Einkaufszettel irgendwann abends oder am Sonntag per Internetzugang beim nächsten
Multimarkt zusammenstellen und sich auch noch aussuchen kann, ob man alles zugestellt haben will oder selber abholt. Aber - es kann der Frömmste
nicht in Frieden leben, wenn das Bill Gates oder dem Finanzamt nicht gefällt. Beide fürchten Machtverlust und Einnahmen-Schwund wie der Teufel
das Weihwasser. Microsoft geht natürlich wieder alles viel zu langsam, da werden Studien zitiert, daß in Europa die Entwicklung der O
nline-Marktplätze nur sehr zögerlich voranschreitet. Als besonders lahme Ente wird Deutschland genannt, das nach Hochrechnung von
Marktforschern im Jahr 2000 gerade mal 15.000 Online-Shops ins Netz gebracht haben soll. Für die Crew aus Redmond bedeutet rascher Einstieg in
das Online-Shopping Business natürlich Marktmacht und explodierende Umsatzzahlen, denn ein Betriebssystem mit eingebettetem Browser ist die
Basis, über die sich viele weitere Produkte an den Kunden bringen lassen. Aber gerade durch den Transport immaterieller Produkte, wie etwa
Software über das Internet oder Telefonleitungen, und deren Bezahlung per Kreditkarte fühlt sich das Finanzamt auf den Schlips getreten.
Finanzern unverständlich ist auch die Tatsache, daß kommerziell genutzte Software "verschenkt" wird, wie das bei Netscape und Linux der
Fall ist. Wo kann es da noch die Hand aufhalten, um Steuer zu kassieren? Beim Käufer - mühsam, beim Verkäufer - kaum möglich.
Außerdem wäre das Abkassieren etwa der Mehrwertsteuer pro Produkt ja eine nachvollziehbare Größe. Dem Kunden sollte das schon
recht sein, dem Finanzamt eher nicht. Viele schwer überprüfbare Peanuts sind nicht deren Metier, die Finanzminister egal welchen Landes
lieben die dicken Kartoffeln. Und so herrscht europaweit auch Konsens, daß in dieser Causa "Bit-Tax" etwas geschehen muß. Theo Waigel,
Deutschlands Finanzminister in permanenten Geldnöten (1 Waigel ist die kleinste Distanz zwischen zwei Budget-Löchern), hat schon 1997
eine Enquetekommission zum Thema "Globalisierung durch nationale Verantwortung" zusammengerufen, die über die gezielte Einführung des
Zukunftstarifes 98 nachdenken soll. Hinter diesem Kunstwort steckt nichts anderes als der Versuch, das Internet zu besteuern. Nicht über die
mühsam zu administrierende "Bit-Tax", sondern durch eine auf Vorschlag der Kommission ins Leben gerufene "Verwertungsgesellschaft Web".
Jeder Internet Provider soll pro Quartal einen Pauschalbetrag an die VG-Web bezahlen, der sich aus einem Abgabenfaktor und dem beim Provider
für Internet-User und Programme zur Verfügung gestellten Speicherplatz zusammensetzt. Am Ende jedes Jahres wird dann Kasse gemacht.
Steuerausfälle sollen so abgedeckt werden, aber auch wie bei Verwertungsgesellschaften den Herstellern der Programme eine Entschädigung
für entgangene Entgelte zugewiesen werden. Eine feine Sache, so hat der Staat alles im Griff, niemand darf mehr etwas verschenken, und wenn
doch, setzt der Staat den Mindestertrag fest. Da die Provider diesen Brocken nicht selbst und schon gar nicht wortlos schlucken werden, ist mit
einer Weitergabe der Kosten an Internet-Benutzer zu rechnen. Und wir haben allen Ernstes geglaubt, durch die Senkung der Internet-Telefontarife
wird der Zugang zum World Wide Web eine für jeden bezahlbare Informations- und Bezugsquelle
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