
Der Venture CapitolistJohn Doerr gründete TechNet, um Silicon Valleys Wirtschaftmacht für nationalen politischen Einfluß zu nutzen.Als die anerkannteste Kraft hinter dem Venture Capital-Schwergewicht Kleiner Perkins Caufield & Byers hat John Doerr Silicon Valley-Superstars wie Sun, Intuit und Netscape groß gemacht. Jetzt verwendet er seinen Scharfblick, um politischen Einfluß zu nehmen. 1996 half Doerr, 38 Millionen Dollar aufzutreiben, um den Antrag 211 niederzuschlagen - eine kalifornische Initiative, die HighTech-Firmen für niederträchtige Vernaderung bei der Börsenaufsicht anfällig gemacht hätte. Die Kampagne war Silicon Valleys erster großer politischer Showdown und zeigte sehr deutlich, daß die Informationsindustrie den Tummelplatz der Politik nicht länger ignorieren kann. Durch diesen Erfolg gestärkt, gründete Doerr zusammen mit Jim Barksdale TechNet - ein Zweiparteienverband, der die New Economy, die Sichtbarkeit von der HighTech in der Politik fördern soll. Das Unternehmen zahlt sich aus: Doerr hat bereits Verbindungen zu Vizepräsident Gore geknüpft, was zu Spekulationen über eine Rolle in einem kommenden Gore-Kabinett geführt hat. Wired sprach mit Doerr über Silicon Valleys politisches Erwachen. Frage: Was bedeutet die New Economy für die Politik? Doerr: Sehr viel. Die New Economy ist eine Komponente bei vielen politischen Fragen geworden - sei es im Bildungswesen, bei den Einwanderungsbestimmungen, Verschlüsselung oder schnellebigen Handelsvereinbarungen. Die Politiker zeigen enormes Interesse, denn sie wollen herausfinden, wie man für die Leute, die sie repräsentieren, das beste aus der New Economy machen kann. Frage: Was ist der wichtigste Punkt im Themenkatalog der New Economy? Doerr: Das Bildungswesen. Das politische System hat uns in diesem Bereich nicht gerade gut gedient. Die größte Einschränkung für Wachstum in der New Economy ist der Mangel an talentierten, qualifizierten Leuten. Fragen des Bildungswesen sind der Schwerpunkt bei allen Technologiemanagern, die ich kenne. Sie wissen, das uns ohne gleiches Recht und Gelegenheit zu Bildung ein Zerreißen des sozialen Gewebes droht, das so wichtig für eine lebendige Demokratie ist. Silicon Valley ist eine Leistungsgesellschaft, in der Erfolg von guten Ideen abhängig ist. Das öffentliche Bildungssystem könnte für die gar nichts tun. Frage: Die Kultur von Silicon Valley ist berühmt für seine Schnellebigkeit, seinen hemdsärmeligen Umgangston und seine vielen ad-hoc-Entscheidungen. Der politische Prozeß auf der anderen Seite ist berühmt für seine glazialen Fortschritte, Konsens-Entscheidungen und unwichtigen Anliegen. Kann man diese zwei Welten miteinander in Einklang bringen? Doerr: Ich sehe meine Aufgabe nicht im Umbau des politischen Systems, aber ich bin ein großer Fan der indirekten Demokratie. Unsere gewählten Abgeordneten haben sehr harte Jobs und ich will herausfinden, wie ich mit ihnen effektiv zusammenarbeiten kann. Wir werden vielleicht kein ganz neues politisches System schaffen, aber auf unserem Weg zu einem neuen politischen Prozeß für die New Economy sind wir schon recht weit gekommen. Es ist kein hierarchischer Ansatz und er orientiert sich nicht entlang der Linien politischer Parteien oder herkömmlicher Interessensverbände. Es ist mehr ein Netzwerk, und dieses Netzwerk bietet ein Modell, nach dem neuartige Politikservice-Organisationen vorgehen können. Frage: Was verstehen Sie unter einer Politikservice-Organisation? Doerr: Common Cause zum Beispiel. Oder Emilys List angeheuert. Politikservice-Organisationen bilden Koalitionen, die nicht notwendigerweise für alle ihre Mitglieder sprechen. TechNet ist ein weiteres Beispiel. Das ist kein Handelsverband und nicht die NRA (Anmk.: vermutlich National Rifle Association, Lobbyisten für ein waffenstarrendes Amerika). Sie bieten Mitgliedern Information an, so daß sie selbständig und freiwillig Kandidaten unterstützen können. Die politischen Pickerl, die man unseren Mitgliedern ankleben könnte, reichen von Neoliberalen zu Libertarianern; trotzdem schaffen wir es, uns auf eine gemeinsame Liste von Schwerpunkten zu einige: Bildungsreform und Reform der Gerichtsbarkeit im Wertpapierhandel. Frage: Wie werden Sie TechNets Erfolg quantifizieren? Doerr: Wenn wir es in den nächsten zwei oder drei Jahren schaffen, die Anzahl der Technologiemanager, die gute Beziehungen zu Politikern unterhalten, zu verdoppeln oder zu verdreifachen, dann haben wir gute Arbeit geleistet bei der Aufklärung von Washington über die Wichtigkeit des Internet, Freiheit und Selbstregulierung. Frage: Was entgegnen Sie Skeptikern in der HighTech-Gemeinschaft, die meinen, daß die Informationstechnologie unser traditionelles politisches System irrelevant machen wird? Doerr: Diese Vorstellungen sind inzwischen überholt. Wir bewegen uns weg von einer unregulierten Industrie hin zu einer, die sich vielen allgemeinen politischen Fragen stellen muß. Unsere Gemeinschaft begreift das langsam. So wie die Industrie heranreift, so wächst auch unser Interesse für Politik. Eine ganze Schar von Gruppierungen und Handelsverbänden beschäftigt sich mit Fragen, die für sie wichtig sind. Aber dieser neue Enthusiasmus hat sich bei Entscheidungsträgern in der Technologieindustrie noch nicht so richtig durchgesetzt. Bisher haben wir nicht mehr als 5 bis 10 Prozent Beteiligung. Das ist aber bereits eine gewaltige Veränderung. Frage: Zyniker sagen, daß die Informationsindustrie durch aktive Beteiligung am Regieren die Vereinnahmung riskiert. Doerr: Politiker sind zwar wichtig, aber sie sind nicht das wichtigste auf der Welt. Ist es gut, tausend Dollar Wahlspende an jemanden zu leisten, von dem man glaubt, daß er ein bestimmtes Anliegen durchsetzen kann? Ganz sicher. Wird das einen Abgeordneten in seinen Vorstellungen oder seiner Wahl beeinflussen? Ganz sicher nicht. Brauchen wir eine Reform in der Wahlkampffinanzierung? Ganz sicher. Denke ich, daß Entscheidungsträger in der Informationsindustrie sich vereinnahmen lassen? Ganz sicher nicht. Meine größere Sorge ist, daß einige unserer Mitglieder einfach zu viel Zeit mit Politik verbringen und von ihren Aufgaben als Executives und Eltern abgelenkt werden könnten. Frage: Sie sind ein eingetragener Republikaner mit engen Verbindungen zu einem Weißen Haus der Demokraten. Bedeutet Mitgliedschaft bei einer Partei heute überhaupt noch etwas? Doerr: In unserem System sind politische Parteien ein wichtiges Element. Die beste politische Arbeit wird in der jeweiligen Umgebung von Parteien geleistet. Das System lebt vom Konsens und Kompromissen, und das amerikanische Volk fühlt sich recht wohl damit. Frage: In welchem Ausmaß, glauben Sie, decken sich die Regeln des Geschäftslebens mit denen der Politik? Doerr: Ich bin ein Networker und glaube an gute Verbindungen. Mein Tagesgeschäft ist das Rekrutieren von Unternehmern, um Firmen wachsen zu lassen. Politik funktioniert in derselben Weise - nur daß es nicht um das Entwickeln von Produkten, sondern um das Durchsetzen von Anliegen geht. Frage: Wenn Al Gore 2000 Präsident wird, wären Sie an einer Rolle in seinem Kabinett interessiert? Doerr: Absolut nicht. Ich könnte nicht viel beitragen und will daher nicht aktiver Teilnehmer an der Politik werden. Die einzige Position, die ich will, ist die, die ich als Partner bei Kleiner Perkins habe. |