Wo man auch nur hinschaut diese Tage jeder beschwert sich über die Informationsflut. Als ich neulich eine Prüfung abhielt, und die armen Studenten schwer am Nachdenken waren, läutete plötzlich in einer Jackentasche ein Handy, das vergessen wurde abzuschalten. Großes Gelächter und ein roter Kopf waren die Folge. Es fasziniert mich auch immer wenn die Hausfrau im Supermarkt vor dem Kühlregal ins Handy haucht, was der Schatzi denn heute essen möchte. Ganz abgesehen von uns armen technisierten Menschen deren Inbaskets täglich mit mehr oder weniger sinnigen e-mails (mittlerweile auch viel Werbung) überquellen und auf jede Note 10 mal replied wird, sodaß man denken müßte es handelt sich um eine Art Pyramidenspiel, wo der der öfter replied gewinnt. Ganz schlimm wird es aber erst im World Wide Web wo man selbst bei den kniffligsten Suchbegriffen mindestens 10 000 Dokumente zur Auswahl bekommt. Das legt die Vermutung nahe, daß es ziemlich viele Seiten gibt, die nie jemand lesen wird, was nicht gerade ein großer Anreiz für das Austüfteln und Erstellen von Web Seiten ist. Vielleicht geht es dem Web ja einmal wie einer Sonne. Zuerst bläht sie sich auf und irgendwann wird sie zum schwarzen Loch mit einer unendlich großen Masse und Null Sichtbarkeit. Ein kosmisches Schicksal. Auf der anderen Seite gibt es aber immer die Bedenken, daß die Mehrheit der Weltbevölkerung keinen Zugang zu solchen Kommunikations- und Informationsmedien hat und somit in kommunikativer und informationstechnischer Armut lebt, und es ist uns immer ein großes Anliegen diese Brücke zu bauen, um eine Chancengleichheit zu gewährleisten. Wenn man sich diese Aussagen so durch den Kopf gehen läßt, so gibt es einerseits Menschen (fast alle in unserem technisierten Umfeld), die über zuviel Information klagen, während man andererseits bedauert, daß so viele andere keinen Zugang zu den Segnungen des Internets und anderer Kommunikationsmedien haben. Es ist also möglich zuviel und zuwenig Information zu haben, was den Schluß nahelegt, daß es in der Mitte auch den Punkt gibt, an dem man genau richtig viel Information hat. Um diesen Idealzustand zu erreichen könnte man sich vielleicht eines Information Advisors bedienen - ein Beruf mit Zukunft - heute noch in einer Firma Zeitungsartikel mit der Schere ausschneiden und morgen schon im dicken Mercedes durch die Industrie br(au)(ow)sen. Wer weiß was da noch an neuen Berufen auf uns zukommt. Aber wenn das Statussysmbol (ich bekomme mehr email als Du pro Tag und mehr Anrufe) einmal zu einer Belastung wird, sollte man hart durchgreifen. Bis vor wenigen Monaten hatte ich noch folgende besorgniserregende Ausganssituation an Kommunikationsmitteln: 1 Lotus Notes Mailbox, 3 Großrechner Accounts mit Mailfunktion, 3 email Accounts, mehrere Web Pages, 1 Anrufbeantworter, 2 Fax Maschinen und ein Handy, sowie 4 Telefonnummern unter denen ich erreichbar war. Alle mail wird jetzt auf einen account umgeleitet und von mir großzügig ignoriert, der Anrufbeantworter (die Killermaschine schlechthin), das Handy und 1 Faxgerät wurden fein säuberlich entsorgt - und es lebt sich wesentlich leichter und ich kann wieder konzentrierter und besser arbeiten, weil ich nicht zwischen meinen diversesten Inboxes hin und her hetzen muß. Außerdem nehme ich das Telefon nur mehr ab wenn es mich freut, und glauben Sie mir, es entgeht einem nichts - das wirklich dringende dringt ohnedies durch und die ganze Redundanz erledigt sich zum Teil von selbst. Ich halte es da ein wenig wie Neil Postman, der ab 8 Uhr abends (oder sogar früher) sämtliche Geräte wie Telefon, Computer und Fernsehgerät in seinem Haus abdreht und durch diese Askese wieder einen klaren Kopf bekommt und da oft seine besten Ideen hat. Auch wenn ich mit dieser Methode schon viele vor den Kopf gestossen habe, hat es meinen Streß bestens reduziert und ich denke so ähnlich macht es auch Bill Gates. Um eine Arbeit wirklich gut zu machen, erfordert es höchste Konzentration, die man sich nicht von einem Handy oder Telefon nehmen sollte, sonst geht es einem so wie mir noch vor wenigen Monaten, daß ich aus Überlastung immer zu früh aufgewacht bin und als dann der Wecker klingelte bin ich zum Telefon gegangen. Soweit zur Streßbewältigung. Ich glaube Bill Gates ja, daß heute nichts mehr so schnell seinen Puls erhöht. Um in dieser Branche zu überleben, braucht man eine stoische Ruhe, die man aber nur durch Desensibilisierung mittels Überkonsumation erreichen kann. Denn als Teenager hat es ihn noch wahnsinnig aufgeregt wenn jemand seinen Basic Interpreter auf ein Loch- oder Kassettenband kopiert hat, ohne ihm eine Gebühr dafür zu zahlen. So ändern sich die Zeiten. Also, schmeißen sie ihren Anrufbeantworter weg und Ihr Handy meint Ihr, Peter Wansch |