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Frühlingserwachen
Der Frühling zeigte sich in seiner schönsten Pracht. Blumen und Bäume blühten, die Sonne schien warm auf uns hernieder - es war ein Tag, an dem man sich so richtig wohlfühlen konnte.
Ich saß mit Stefan im Garten bei einem späten Frühstück. Gerade stellte ich meine Kaffeetasse ab, schloß die Augen und streckte mein Gesicht der Sonne entgegen.
"Ist das nicht herrlich?" fragte ich meinen Freund. "Man könnte glauben, man träumt."
"Ja, so ein schöner Tag sollte nie vergehen", antwortete Stefan.
"Die kalten Tage der vergangenen Woche scheinen mir weit, weit entfernt zu sein. Als ob sie es nie gegeben hätte."
"Es ist aber auch verdammt kalt gewesen. Viel zu kalt für den März."
"Dieser Frühlingstag kommt einem so unwirklich vor." Ich schwelgte in Erinnerungen und meinte dann: "Weißt du, daß ich als Kind manchmal geglaubt habe, daß die ganze Welt nur eine Täuschung sei? Daß alle Menschen um mich herum nur Schauspieler wären, die, wenn sie aus meinem Blickfeld verschwunden sind, sich ausruhten und an ihre nächste Rolle dächten."
"Wirklich? Alle Menschen?"
"Ja. Auch meine Eltern und Geschwister. Und meine Umgebung bestand auch nur aus Kulissen, die eigens für mich aufgebaut worden waren."
"Da müßte sich aber jemand einen riesigen Aufwand gemacht haben."
"Ja, da hast du recht. Wenn man es rational betrachtet, ist dieser Gedanke sowieso ein Blödsinn. Aber ich habe damals gar nicht nach dem Warum gefragt - ich habe mir das einfach so vorgestellt. Hast du nie solche Gedanken gehabt?"
"Nein, nicht daß ich wüßte."
Ich ließ mir die Sonne weiter auf mein Gesicht scheinen.
"Ich frage mich", begann ich wieder, "ob solch ein Szenario nicht in der heutigen Zeit möglich wäre."
"Was meinst du?"
"Wäre es möglich, einem Menschen eine Welt vorzugaukeln, wobei er gar nicht bemerkt, daß er sich nicht in der Realität befindet?"
"Wie sollte das gehen?"
"Vielleicht mit Hilfe der Cyberspace-Technologie. Man versetzt einen Menschen mittels Drogen in eine Art Dämmerzustand, in dem er sich an sein bisheriges Leben nicht erinnert, setzt ihm ein Cyberface auf, und schon befindet er sich in einer phantastischen Welt, die irgendwer auf seinem Computer programmiert hat."
"Da kannst du dir das Cyberface sparen. Drogen allein genügen, um jemanden auf eine Phantasiereise zu schicken."
"Aber nicht für längere Zeit. Außerdem geht der Mensch dabei zugrunde. Aber mit Cyberspace könnte man einem Menschen über Jahre hinweg etwas vorgaukeln. Stell dir folgendes vor: In Wirklichkeit liegen wir beide in einem Bett, wir werden intravenös ernährt und haben eine Cybermaske auf. Und dieser schöne Frühlingstag ist nur eine Erfindung eines Programmierers. Wofür ich ihm nebenbei gesagt dankbar wäre. Denn genauso gut hätte der Typ uns in eine unwirtliche Gegend Sibiriens schicken können. Da ist mir dieser Frühlingstag schon um einiges..."
"Aber wozu sollte jemand so etwas tun?" unterbrach mich Stefan.
"Keine Ahnung. Da gibt es viele Möglichkeiten. Stell dir vor, wir sind Insassen eines psychiatrischen Zentrums und werden auf diese Weise ruhiggestellt. Oder wir leben in einem diktatorischen Staat, sind Arbeiter und haben gerade unsere Pause. Durch diesen entspannenden Tag sollen wir unsere Kräfte wieder zurückgewinnen. Oder..."
Stefan unterbrach mich schon wieder. "Das ist doch Schwachsinn. Hör bitte damit auf."
Ich blinzelte und sah Stefan an. "Gefallen dir meine Ideen nicht?"
"Nein, absolut nicht."
Ich sinnierte weiter. "Eine andere Möglichkeit wäre, daß nur ich Opfer einer Illusion bin und du ein Teil des Programms. In diesem Fall wundert es mich gar nicht, daß dir meine Phantasien nicht gefallen. Die Frage wäre, ob es dir bewußt ist, daß du nur ein virtueller Programmfaktor bist."
"Und ich glaube, ich werde mich auf den Weg machen. Ich habe schon zuviel Zeit mit dir vertrödelt und habe noch einiges zu erledigen."
"Aber ich glaube, es gibt einen ganz einfachen Weg herauszufinden, ob du Teil einer virtuellen Welt bist. Wenn du ein realer Mensch wärest, müßtest du dich an den Autounfall erinnern, den wir vor vier Jahren gehabt haben."
"Natürlich erinnere ich mich daran!"
"Und wie dir dabei der Unterarm fast abgetrennt wurde?"
"Ja, sicher. Aber wieso soll das ein Beweis sein, daß ich kein künstlich erschaffener Mensch bin? Es ist ja wohl eines der leichtesten Aufgaben, mir Erinnerungen einzuspeichern."
"Da hast du recht. Aber wenn du dich so gut an diesen Unfall erinnerst - warum hast du dann keinerlei Narben an deinem Unterarm?"
Stefan starrte auf seinen Arm und dann auf mich. In seinem Kopf arbeitete es. Aber ich ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken.
"Ich sehe, du hast ernsthafte Zweifel an deiner Realität bekommen. Und ich darf dir versichern, daß deine Zweifel berechtigt sind. Wir befinden uns tatsächlich in einer künstlich erschaffenen Welt."
"Jetzt hör aber auf! Ich will mir das nicht länger anhören. Ich bin ebenso wenig ein Computerprogramm wie du. Also laß uns..."
"Du irrst dich."
Panik trat in Stefans Augen. "Aber ich bin doch ein Mensch!"
Ich lächelte matt. "Das stimmt. Aber ich nicht. Ich bin nur ein Teil dieses Programms. Du liegst in Wirklichkeit auf einem Bett und hast ein Cyberface auf dem Kopf."
"Was? Das ist doch lächerlich. Warum sollte das sein?"
"Weil du leider die falschen politischen Ansichten hast. Um dich aus dem Verkehr zu ziehen, hat man dich in diese Welt verfrachtet. Und es gibt leider kein Entrinnen für dich."
"Und das soll ich dir glauben?"
"Du wirst mir glauben. Die fehlenden Narben sind der erste Schritt zur Erkenntnis. Du wirst nach und nach zu der Überzeugung gelangen, daß ich recht habe."
"Aber warum erzählst du mir das alles?"
"Um dich zu quälen. Denn noch schlimmer als in einer künstlichen Welt zu leben ist das Wissen darüber."