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Cybercity Wien?

Thomas Seifert

Cyber-City. Telepolis. Digitale Stadt. Schlagworte gibt es genug. Auf der nunmehr bereits zum dritten Mal stattfindenden "Global Village"-Konferenz und -Ausstellung präsentierte sich die Donaumetropole als "Digitale Stadt". Wien - dieser Eindruck sollte vermittelt werden - ist mehr als Lipizzaner und Sängerknaben. Wien hat auch ein Telecenter in Floridsdorf und ist ein bedeutender Telekommunikationsindustrie-Standort: Siemens, Alcatel, Schrack, Kapsch und Phillips sind mit Produktionsbetrieben und Entwicklungsabteilungen in Wien niedergelassen.

Doch was ist nun da dran? Ist das nur eine Aktion des Rathauses zur Imagepflege? Was steckt überhaupt hinter der Idee einer Digitalen Stadt? Und vor allem: Hat Wien in der Städtekonkurrenz etwa gegen die nicht allzuweit entfernte Technologie- und Medien-Metropole München überhaupt eine Chance?

"In keiner Stadt gibt es soviel Bewußtsein über die Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien für die Weiterentwicklung der Städte wie in Wien", meint der Begründer der Global-Village-Konferenz Franz Nahrada . Mehr als 33.000 Menschen haben die Ausstellung in der Volkshalle des Wiener Rathauses besucht, und in den Workshops sei eine Vernetzung der Wiener Cyber-Szene gelungen. Nahrada beeilt sich deshalb, hinzuzufügen, daß es nun darum gehe, dieses Potential zu nutzen.

Nahrada hat nicht unrecht: Tatsächlich sind einigen Wiener Kommunalpolitikern und Beamten des Rathauses die Möglichkeiten und Chancen der Telekommunikation bewußt. Einige Politiker balgen sich förmlich darum, als jene zu gelten, die in Sachen Cyberspace die Nase vorne haben. Planungsstadtrat Hannes Swoboda eröffnete vergangene Woche gemeinsam mit dem Wiener Handelskammerpräsidenten Walter Nettig ein Telezentrum in Floridsdorf, der Grüne Klubobmann Peter Pilz präsentierte noch vor der "Global Village" seine Ideen von der "Digitalen Stadt Wien", in der 100 Bürgerbüros den Zugang zur Kommunalverwaltung vereinfachen sollen, und der Grüne Bundessprecher-Kandidat Christoph Chorherr hat bei der Planung eines Studentenwohnheims (Chorherr ist Miteigentümer einer Bauplanungsfirma) gleich daran gedacht, daß die technischen Voraussetzungen für Internetanschlüsse in jedem der Zimmer des Wohnheims gegeben sind.

Schon im Dezember 1995 hatte Hannes Swoboda die Digitale Stadt "Wien.at", welche am Internet ein Diskussionsforum über die Stadt Wien darstellen und Information über Wien bieten soll, eröffnet. Zugleich wurde im Rathaus beständig an "Wien Online"; gearbeitet, das ebenfalls Informationen über die Stadt Wien bieten soll. Swoboda betonte bei der Präsentation von "Wien.at", daß öffentlich betreute Terminals "integrierender Bestandteil der Digitalen Stadt" sind. Schließlich, meint Swoboda, "sollen alle mitreden können". Und Swoboda verwies auch nicht ohne Stolz darauf, daß bereits im Sommer vergangenen Jahres ein Test mit derartigen Terminals durchgeführt wurde: Für ein Flächenwidmungsverfahren konnten die Anrainer ihre Stellungnahmen zur neuen Widmung von zu Hause via Computer, aber auch von einer sogenannten "Telestation" im Donauspital abgeben. In Zukunft, so Swobodas Vision, sollen öffentliche Terminals in Volkshochschulen, städtischen Büchereien aber auch in Banken installiert werden, um auch jenen, die über keinen Internet-Zugang verfügen, die Gelegenheit zu geben, die Digitale Stadt mit ihren Angeboten zu besuchen.

Die Ideen des Grünen Klubobmanns Peter Pilz für die "Digitale Stadt Wien" gehen über die Pläne Swobodas noch hinaus: Wohnungssuche, Sozialanträge, Fahrpläne, Gewerbebewilligungen, Kulturtermine, Schulplätze, Betriebsgenehmigungen - all diese Formalitäten sollen sich nach den Vorstellungen von Peter Pilz in Zukunft via Internet abwickeln lassen. Und zwar entweder von Zuhause aus, oder in sogenannten "Bürgerbüros", die eher einem Café als einer Kanzlei ähneln, und in denen freundliche Magistratsbeamte den Bürgern als Pfadfinder im Internet behilflich sind. Einen Prototypen einer derartigen Internet-Anwendung stellte Pilz noch vor der Global Village, Anfang Februar im Szenelokal "Freihaus" vor. Pilz will mit dem Prototypen einer Grünen Digitalen Stadt auch bald im Internet vertreten sein. Die Bürgerbüros hätten - so hofft Pilz - auch Effekte auf die Magistratsbürokratie: Dezentralisierung und mehr Bürgernähe würden sich, wenn dieses Projekt in die Tat umgesetzt würde, von selbst einstellen. Somit wäre eine Verwaltungsreform der angenehme Nebeneffekt der im Zuge der Umsetzung der Bürgerbüros notwendigen Modernisierungsmaßnahmen.

Auf allzugroße Ablehnung bei der Rathausbürokratie stoßen die Pilzschen Ideen nicht: Erst vor kurzem wurde eine eigene Stabsstelle im Magistrat geschaffen, die sogenannte "MD-I" (Magistratsdirekiton-Information), die sich derartigen Fragen widmen soll, für den Magistratsdirektor Ernst Theimer sind Begriffe wie Internet oder World-Wide-Web nämlich keineswegs Fremdworte.

In einem mit "Info-Village-Europe" übertitelten internen Papier gibt sich Pilz aber nur gedämpft optimistisch, ob in Wien der Übergang vom Henry-Ford- ins Bill-Gates-Zeitalter gelingen kann: In der Konkurrenz der Metropolen um die globalen Knotenpunkte habe Wien gegen New York, London und Tokyo keine Chance. Also, schließt Pilz, gehe es darum, innerhalb der ebenfalls besetzten Hard- und Softwaremärkte Nischen zu besetzen und Inhalte zu liefern. Die Lösung: "Ballung ist das wichtigste Motiv, das für Anbieter hochwertiger Dienste über die Ansiedlung entscheidet". Neue Unternehmen würden weitere anziehen, somit könnten sich im Netz globaler Information Knoten bilden. Pilz gibt sich aber skeptisch, ob es gelingt "zu einer Mindestdichte neuer Unternehmen in Forschung, Entwicklung und Produktion rund um neue Inhalte" zu kommen.

Europaspitze in Sachen Datenhighway ist Wien nämlich - trotz aller Anstrengungen - keineswegs: Die schwedische Hauptstadt Stockholm rief vergangenes Jahr selbstsicher dazu auf, sich am "Bangemann-Challenge-Wettbewerb" zu beteiligen. Dabei geht es darum, daß sich Europäische Städte mit über 400.000 Einwohnern mit Stockholm im Wettstreit messen sollen. Die Bewohner der schwedischen Hauptstadt wollen sehen, welcher Europäischen Stadt es besser als ihrer Heimatstadt gelingt, ein Nutzern aller Art offenstehendes Glasfasernetz zu errichten, den Internetzugang im Hochschulbereich zu fördern, eine elektronische Börse für öffentliche und kommerzielle Dienstleistungen einzurichten, sowie das Angebot an Telearbeitsmöglichkeiten zu verbessern. Wien konnte in Stockholm - im Gegensatz zu anderen europäischen Städten - mit noch keinen konkreten Projekten aufwarten. Doch man hat die Herausforderung angenommen. Und nun will man den Stockholmern beweisen, daß in Wien mit sogenannten "Public Terminals" in Bürgerdienstaußenstellen, Bibliotheken und Volkshochschulen ein ähnlich gutes Angebot, wie es in der skandinavischen Hauptstadt schon heute existiert, erreicht werden wird. Daneben beteiligt Wien sich an weiteren vier EU-Projekten: Infosond, Cicero, Municipia und Mirti lauten die klingenden Namen dieser Pläne. Da geht es um soziale Aspekte von Telearbeit, multimedialer Präsentation von Kultur und Projekten zur Verbesserung des Bürgerservices der Bürokratie mittels Telekommunikation.

Doch auf dem Weg zur Digitalen Stadt Wien sind noch eine Reihe von Hürden zu nehmen. Zuerst gilt es, die Öffnung des Leitungsgestützten Telekommunikationsmarktes abzuwarten. Dann wird der Post in Wien gleich mehrfach Konkurrenz erwachsen: Es verfügt nämlich neben der Bahn, dem Energieversorger Wienstrom auch noch die Telekabel Wien über ein hochleistungsfähiges Glasfasernetz, mit dem in Zukunft die ungeheuren Datenmengen, die über die Leitungen fließen werden, bewältigt werden. Christian Cap (Telekabel) kündigte auf der Global Village die weiteren Schritte des Unternehmens an: Zuerst muß mit mehreren hundert Millionen Schilling Aufwand das Glasfasernetz modernisiert werden. Dann wird es möglich sein, via Telekabel zu telefonieren oder am Internet teilzunehmen. Die Kosten für den Kunden will die Telekabel gering halten, indem nicht berechnet wird, wie lange jemand mit seinem Computer am Netz hängt, sondern wie groß die Datenmenge ist, die vom Rechner ins Netz eingespeist oder von diesem aus dem Internet geholt wird.

"Bei dieser Liberalisierung", meint Franz Nahrada, "wird es darauf ankommen, ob es gelingt, einen Datenverbund Ost-Region herzustellen". Nahrada fürchtet nämlich, daß die Konkurrenten bei der Privatisierung weitgehend auf Zusammenarbeit verzichten, und somit vorhandene Synergien zum Schaden der Kunden nicht nützen könnten. Daher, meint Nahrada, sei es unumgänglich, daß die Politik Rahmenbedingungen definiert, unter denen diese Privatisierung stattzufinden hat. "Und Gewinnmaximierung der einzelnen Unternehmen darf hierbei nicht die erste Rolle spielen", fordert Nahrada.

Neben der Deregulierung fehlt noch etwas, bevor Wien zur "High-tech-Boom-Town" werden kann: Die entsprechenden Inhalte, die über die Netze der Post, der Telekabelgesellschaften und Energieversorgungsunternehmen zukünftig ins Haus geliefert werden soll.

Von irgendwelchen Multimedia-Engagements der Medien-Dinosaurier Krone und Kurier hat nämlich noch niemand etwas gehört, der Standard, die Wirtschaftswocheoder die Wiener Zeitung sind zwar schon im Internet vertreten, doch fehlt es all diesen genannten Unternehmen an entsprechender finanzieller Potenz, um im deutschsprachigen Raum mit innovativen Multimediaprojekten zu reüssieren. Selbst das Magazin der 90er Jahre - News - scheint den Anschluß ans 21. Jahrhundert zu verpassen - über Pläne von Wolfgang Fellner, sich verstärkt im Multimedia-Bereich zu engagieren, ist derzeit nichts bekannt. Bleibt also nur der ORF, der als einziges Medienunternehmen neben dem Willen zur Innovation auch über das nötige Kleingeld verfügt. Oder der innovative Vorarlberger Verleger Eugen Ruß, der im Ländle mit seinem Produkt "Vorarlberg Online" sehr erfolgreich ist, und schon bei Zukunftsstadtrat Hannes Swoboda angeklopft hat, um ein ähnliches Produkt auch am Wiener Markt zu plazieren.

Franz Nahrada hält es für aussichtlos, wenn österreichische Medienunternehmen versuchen würden, mit deutschen Mediengiganten wie Bertelsmann oder Burda zu konkurrieren. Er sieht die Zukunft ohnehin eher in Zusammenschlüssen flexibler Kleinst- oder Kleinbetriebe, die je nach Aufgabenstellung untereinander zusammenarbeiten, und so Multimedia-Projekte verwirklichen. Auf diese Art und Weise entstünden Produkte, wie etwa die vielbeachtete CD "Visionäre im Exil" der Gruppe "Science Wonder Productions", die anläßlich einer Ausstellung zum Thema "Österreichische Spuren in der modernen amerikanischen Architektur", die in der Kunsthalle gezeigt wurde, produziert worden ist.

Ein Anfang ist jedenfalls getan: Die Internet-Provider, die privaten Haushalten und Firmen den Weg auf die Infobahn ebnen verzeichnen in Wien immer noch fette Zuwachsraten, es hat sich eine lebendige Mailbox-Szene (Blackbox, Magnet) herausgebildet und zudem wird in der Stadt auch Cyber-Lebensgefühl vermittelt: Sei es im Virtual Cafe am Laurenzerberg (Innere Stadt), im Cyber-Cafe Steinin der Währingerstraße (Währing) oder im Skate-Lab in der Vorgartenstraße (Leopoldstadt), wo die Kids nicht nur mit ihren Rollerskates über den Asphalt, sonder auch mittels dort aufgestellter Terminals über die Datenautobahn flitzen.

Thomas Seifert