Der Internet Goldrausch

von Bill Gates
übersetzt von Peter Wansch

Der Internet Goldrausch läuft auf Hochtouren. Tausende von Einzelpersonen und Firmen melden ihre Claims an, und es gibt ohne Zweifel jede Menge Gold zu holen, da das Internet am Beginn einer immens wichtigen Entwicklung steht.

Ich glaube aber, daß das meiste Gold recht tief vergraben ist und nicht immer an jenen Stellen wo man es vermutet. Goldräusche haben es so an sich, daß die Suchenden oft weit übers Ziel hinaus schießen. Man wird von der Entwicklung und der Aussicht auf das schnelle Geld so geblendet, daß es viele übertreiben, wenn es um kurzfristige Chancen und Möglichkeiten geht, wobei die längerfristigen Aussichten oft vernachlässigt werden. Nur wenige der Goldsucher die 1849 in Kalifornien ihr Glück gesucht haben, haben es letztendlich auch zu Reichtum gebracht. Genauer gesagt, war der Goldrausch für die meisten sogar ein finanzielles und persönliches Desaster. Die offensichtlichen Fundstellen waren bald erschöpft und die massive Inflation trieb den Preis für ein hartgekochtes Ei auf 75 Cent und den Preis für ein Faß Mehl auf 35 Dollar. Viele, die in den guten Zeiten ein Vermögen gemacht haben, hatten es gar nicht auf das Gold abgesehen und ihr Erfolg kam auch nicht über Nacht. Drei Jahre nachdem der Goldrausch angefangen hatte, gründete ein deutscher Einwanderer namens Levi Strauss ein Geschäft in San Francisco für den Handel mit getrockneten Lebensmittel, die er an die Goldgräber verkaufte. Erst zwanzig Jahre später verdiente er ein Vermögen, indem er die ersten Jeans Hosen als Arbeitsbekleidung verkaufte.

Dieser Goldrausch am Internet und anderen interaktiven Netzwerken mit der Aussicht kurzfristig einen möglichst großen Gewinn einzufahren, wird ebenso eine längerfristige Bedeutung haben, als das große Absahnen in den Anfangsjahren. Unter den Gewinnern werden viele sein, die wie Levi Strauss eine Marktlücke entdecken, die nur unmittelbar damit zu tun hat. Das Internet ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Geschäftsleute, die Goldpfannen verkaufen, mehr Gewinn machen werden, als die Goldsucher selbst. Darunter werden sich Analysten, Konsulenten und andere befinden, die eine Dienstleistung anbieten, die irgendwie mit dem Internet zu tun hat, und denen wird es in vielen Fällen besser ergehen, als jenen, die da draußen die den Pickel in den Minen schwingen. Wenn man vor einem großen Phänomen steht, ist es oft nicht offensichtlich, wo die großartigen Möglichkeiten verborgen sind.

Falls jemand vorausgesehen hätte, daß aus PCs ein Riesengeschäft wird, wäre es eine offensichtliche Sache gewesen, in PC-Hersteller zu investieren. Im Laufe der Zeit hat sich aber gezeigt, daß die meisten PC Hersteller ihre Ziele verfehlt hatten, mit Ausnahme von Firmen wie Compaq auf die man hätte setzen können. Die weniger offensichtliche Strategie wäre es gewesen, in Firmen wie Intel, dem Hersteller von Mikroprozessoren oder Microsoft, einem Softwarehersteller zu investieren. Diese Firmen haben nämlich wesentliche Teile für einen PC hergestellt. Aber der Erfolg war auch nicht dann garantiert, wenn man auf manche andere Komponenten gesetzt hat, wie etwa auf Hersteller von Speicherchips. Hätte man vor Jahren sein ganzes Geld in diese Industrie gesteckt, so hätte man aller Voraussicht nach sein letztes Hemd verloren. Hätte man hingegen während der letzten 18 Monate sein Geld in Speicherchip-Hersteller investiert, hätte man damit ein schönes Sümmchen verdient. Bei der Planung einer Strategie für das Internet muß man zumindest den Zeitraum der nächsten 10 Jahre betrachten und sich nicht auf die nächsten 6 oder 12 Monate konzentrieren. Man sollte versuchen zu evaluieren, welche Aktiva Firmen in diesem Zeitraum aufbauen werden und welche Einnahmequellen damit geschaffen werden. Eine offensichtliche Möglichkeit liegt darin, als Provider Leuten den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Firmen, die diese Möglichkeit sehr früh erkannt haben, haben davon stark profitiert. Diese Profite waren zum Teil enorm. Vor etwa einem Jahr hat Microsoft 16 Millionen $ in den Internet Provider UUNET investiert, und dieser Anteil ist heute gut 300 Millionen $ wert.

Die langfristigen Aussichten für Firmen, die Internet-Zugang anbieten möchten sind weniger klar. Der Markt wird momentan von Giganten regelrecht eingenommen, wie etwa Telephon- und Kabelgesellschaften. Auf der ganzen Welt plant so ziemlich jede nationale Telefongesellschaft einen Zugang zum Internet zur Verfügung zu stellen, was zu einem massiven Wettbewerb führen wird.

Es gibt auch in der Software eine Reihe von Möglichkeiten, die von der Nutzung des Internets profitieren. Das ist aber für viele Softwaregiganten wie Microsoft ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite werden dadurch erfolgreiche Softwareprodukte wie Finanzsoftware, Tabellenkalkulationsprogramme und Betriebssysteme schneller veralten als in der Vergangenheit. Falls sie nicht aktualisiert werden, um interaktive Aktionen über das Internet zu unterstützen, können sie schnell zurückfallen und von anderen Produkten überholt werden. Das ist das Risiko dabei. Andererseits ist es wieder eine großartige Chance für Softwarefirmen, Internet-kompatible Upgrades zu verkaufen, und überhaupt Software an jene neuen Kunden zu verkaufen, die wegen des Internets in die PC Welt einsteigen. Die offensichtliche Chance am Softwaremarkt ist der Verkauf von Internet Browsern wie dem Netscape Navigator oder dem Microsoft Explorer. Diese werden aber gratis zur Verfügung gestellt, da in diesem Bereich der Konkurrenzkampf so hoch ist, daß er nicht mehr profitabel ist. Die Akzeptanz dieser Produkte hat eine vielmehr strategische Bedeutung - und ich glaube daß diese Produkte auch in Zukunft frei erhältlich sein werden, auch wenn sie sich von ihrer heutzutage recht primitiven Form weiterentwickeln. Wie bei jedem Goldrausch zahlt es sich aus, der großen Euphorie mit einem gesunden Maß an Skepsis gegenüberzutreten. In den letzten Monaten haben wir einen Punkt erreicht, von dem viele denken, daß es zu großen Umwälzungen kommen könnte. Das hat sogar sonst sehr rationell denkende Menschen zu etwas gewagten Ansichten kommen lassen.

Falls jemand vor einem Jahr gekommen wäre und gesagt hätte: "Wir können ein zehn mal besseres Softwareprodukt machen als das, was sich am Markt befindet.", so wäre die nüchterne Antwort wahrscheinlich gewesen: "Das klingt nicht sehr wahrscheinlich. Warum hat es sonst noch kein anderer getan?". Wenn heute jemand diese Aussage macht und die Worte "für das Internet" hinzufügt, würde man hören: "Wirklich? Software die 10 mal besser ist und außerdem für das Internet. Das ist großartig!", und genau das sind die Symptome des neuen Internet Goldfiebers.

Anmerkung: Die Möglichkeiten im Internet-Provider und Softwarebereich könnten neben den Möglichkeiten Informationen am Internet anzubieten verblassen. Dieser Bereich ist Thema einer meiner nächsten Kolumnen.

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