Justizministerium gegen Microsoft:
Na und?
Irgendwann in den 70ern gab es in den Vereinigten Staaten eine Debatte darüber, ob man den Panamakanal an die Panamesen zurückgeben sollte. In diese Debatte schaltete sich S. I. Hayakawa ein, Senator von Kalifornien und berühmter Semantiker, der seinen Standpunkt sehr prägnant klarmachte: "Der Panamakanal gehört uns. Wir haben ihn in fairer Weise gestohlen."
Vielleicht ist das Beste, was Microsoft in der gerade laufenden Schlacht gegen das amerikanische Justizministerium machen kann, die paar Millionen Dollar an Bußgeldern zu zahlen und der Welt zu erklären: "Das Internet gehört uns. Wir haben es in fairer Weise gestohlen." Ende August beantragte Netscape beim Justizministerium ein Verfahren gegen Microsoft wegen unlauteren Wettbewerbs: der Internet Explorer werde zusammen mit dem Betriebssystem Windows ausgeliefert. Die Behörde hat inzwischen interveniert und will eine Million Dollar pro Tag von Microsoft, und daß die Firma den Internet Explorer vom Windows Betriebssystem getrennt vertreibt.
Ist diese Intervention der Regierung berechtigt? Ist sie legal? Ist sie notwendig? Die kurzen Antworten: Ja, Nein und Jein.
Ist die Intervention berechtigt? Monopolisten haben etwas an sich, daß den meisten Menschen einfach gegen den Strich geht. Wir mögen keine Firma, die so groß wird und so gnadenlos, daß wir uns vor ihr fürchten müssen. Seltsamerweise ist das für die Firma auch nicht gut. Es ist also recht und Rechtens, wenn die Regierung Microsoft den einen oder anderen Dämpfer aufsetzt.
Ist das legal? Ich denke, daß sich das Justizministerium den falschen Themenkreis ausgesucht hat, wenn sie auf dem Internet Explorer herumreitet und sich auf die Einverständniserklärung von 1994 durch Microsoft beruft. Die Sprache dieses Vertrages ist völlig klar und gestattet es Microsoft unbedingt, ihr Betriebssystem zu erweitern. Und wenn es um die Preisgestaltung geht, so ist auch völlig klar, wer im Falle des kostenlosen Internet Explorers die Verlierer sind: wir, die Konsumenten. "Kostenlos" ist im Augenblick ein ganz guter Preis. Wird das Justizministerium hier genau das Falsche tun? Wahrscheinlich.
Ist die Maßnahme notwendig? Philosophisch gesehen, ja. Materiell gesehen, nein. Natürlich muß etwas geschehen, um Microsoft einzubremsen. Vielleicht wird das zu einem Wendepunkt in Bill Gates' Karriere. Wie alle Monopolisten, wie John D. Rockefeller und Dale Carnegie, die einem da einfallen, wird Gates mit steigendem Reichtum rücksichtsloser und gieriger werden. Es könnte für ihn an der Zeit sein, auf der Straße Kleingeld zu verteilen, wie das Rockefeller getan hat. Es könnte für ihn an der Zeit sein, zu Gates dem Philanthropen zu werden, statt Gates dem 800-Kilo Gorilla.
Materiell gesehen wird uns der eingeschlagene Weg auf lange Sicht Geld kosten. Microsoft hat, anders als die Monopolisten der Vergangenheit, ihre Preise nicht erhöht. Software ist billig im ausgehenden 20. Jahrhundert. Die treibende Kraft hinter den sinkenden Preisen für Software, nicht nur Microsofts Preisen, war und ist Microsoft selbst. Wir alle wissen natürlich, daß es von rührender Naivität wäre, einfach zu erwarten, daß das noch lange so weitergeht. Die Erfahrung lehrt uns, daß kein Monopolist seine Preise unten hält. Die Intervention der Regierung könnte aber die Kosten für Software in die Höhe treiben, denn gesetzliche Regelungen garantieren praktisch immer hohe Preise, egal, für welche Industrie sie gelten.
Mein Bauchgefühl hier ist, daß sich Microsoft aus dieser Krise herausschummeln wird. Die Lösung wird politisch sein, nicht strukturell. Gib ein bißchen mit der einen Hand her und nimm ein bißchen mit der anderen Hand. Ein wenig Muskel zeigen auf Seiten des Justizministeriums und Microsoft verzögert den unausweichlichen Endsieg Microsofts als Monopolist bei Betriebssystemen und Anwendungen nur.
Unabhängig davon, wie das Problem mit dem Browser, der dem Betriebssystem beigepackt ist, letztendlich gelöst wird, ist eines sicher: Die Animositäten zwischen Microsoft und Netscape werden auf die persönliche Ebene, statt auf die geschäftliche rücken. Mit der Zeit, auf die eine oder andere Art, wird Microsoft Netscape aus dem Markt drängen. Regierungsmaßnahmen, um "irgendetwas" gegen Microsoft zu unternehmen, werden kommen, aber vorher wird Bill Gates seine erbittertsten Rivalen vor dem Konkursrichter sehen. Ich kann ihn mir gut vorstellen, wie er aufgeregt in seinem Sessel herumwetzt und milde lächelt, wenn er die Nachricht von Netscapes Untergang erhält.
Wenn zwei 800-Kilo Gorillas aufeinanderprallen, im gegenständlichen Fall Microsoft und die Regierung der Vereinigten Staaten, dann kann man die Nachbeben um den ganzen Erdball spüren. Auf der Strecke bleiben werden einige 50-Kilo-Leichtgewichte wie Netscape, das die meisten von uns gerne als erfolgreich gesehen hätten. Um einen berühmten Sager Bette Davis im Film All About Eve zu zitieren:
"Schnallen Sie sich gut an, es wird Turbulenzen geben."