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Werkeln mit Null und EinsTelearbeit ist zwar noch nicht weit verbreitet, wird aber bereits heiß diskutiert. "Telearbeit" - die eierlegende Wollmilchsau: Alle haben überzogene Erwartungen: Die Unternehmer erwarten sich höhere Produktivität bei geringeren Kosten, die zukünftigen Telearbeiter mehr Flexibilität bei der Arbeitsverrichtung, die Regierungen eine Lösung des Arbeitsmarktproblems, die ländlichen Regionen eine Aufwertung ihrer Standorte, die Metropolen eine Verringerung des innerstädtischen Verkehrs.THOMAS SEIFERT![]() Ein Konferenzteilnehmer brachte es auf den Punkt: "Es gibt wohl mehr Arbeitsplätze, die sich mit Telearbeit beschäftigen, als solche, die wirklich Teleworking betreiben". Anfang November, in der European Telework Week (die von der Europäischen Union ins Leben gerufen wurde, um Telearbeit in Europa zu propagieren), diskutierten Fachleute und Wissenschafter die Zukunft dieser neuen Arbeitsform - die tatsächlich in Österreich nur einige Dutzend Menschen ausüben - in einer von der Arbeiterkammer und dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit veranstalteten Tagung. Doch das Interesse an dieser Arbeitsform besteht nicht nur bei Wissenschaftern, Journalisten und träumerischen Optimisten. In einer Spectra-Umfrage (die erst wenige Monate alt ist) wurde Telearbeit von 66 Prozent der Befragten als "gut", nur von 24 Prozent der Befragten als "Schlecht" bewertet (10 Prozent konnten sich nicht entscheiden). Es überraschte die empirischen Sozialforscher allerdings nicht, daß vor allem die jüngeren und kaufkräftigeren sich für diese neue Arbeitsform (die in Österreich nach dieser Untersuchung kaum 1 Prozent der Arbeitnehmer betrifft) erwärmen können. Die Österreicherinnen und Österreicher sehen die Autonomie über die Arbeitszeit, sowie den Zeitgewinn durch Entfall der Wegzeiten von und zum Arbeitsplatz als wichtigste Vorteile. Außerdem, so meint ein Großteil der Befragten, könne man Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen und es würden - so die Hoffnung - neue Jobs für Behinderte entstehen. In der eingangs erwähnten Tagung wurden aber auch die Nachteile des Teleworking genannt: Besonders die sozialen Defizite durch den Wegfall des Soziotops Betrieb könnten zum Problem werden, so die Meinung von Gewerkschaftern und Arbeiterkammer-experten. Was ist Telearbeit?Doch bevor man tiefer in die Thematik "Telearbeit" eindringen kann, gilt es zuerst, zu definieren, wovon überhaupt die Rede ist: Es gibt nämlich die verschiedensten Formen von Telearbeit in den unterschiedlichsten Intensitäten: Nennt man es bereits Telearbeit, wenn man hin und wieder erst später ins Büro kommt und den Bericht oder das Tabellenkalkulationsfile von zu Hause aus per E-Mail an den Chef schickt? Spielt es eine Rolle, ob man zu Hause Teleheimarbeit betreibt, von einem Satellitenbüro aus arbeitet oder in einem Telezentrum (Neighbourhood Office) aus seiner Tätigkeit nachgeht? Ist der Außendienstmitarbeiter, der mit einem Notebook und seinem Handy unterwegs ist, und der Kundendaten aus dem Zentralrechner abfragt, auch - mobiler - Telearbeiter? Eine Definition von Telearbeit ist schwierig. Am gängigsten ist noch nachstehende: Telearbeit ist das erwerbsmäßige Arbeiten außerhalb der Räumlichkeiten des Arbeitgebers bzw. Auftraggebers, wobei zumindest teilweise und regelmäßig Computer und Telekommunikationseinricht-ungen (Modem, ISDN, Telefon, Fax) verwendet werden. Man sieht, wie unscharf eine Trennung zwischen einem "normalen" Bürojob, der zum Teil zuhause verrichtet wird (Modem und Fax sind ja kaum mehr wegzudenken) und einem "echten" Telearbeiter-Job ist. Das Wort "Telearbeit" bedeutet im eigentlichen Sinne aber auch nichts mehr als "in der Entfernung arbeiten". Die Idee dazu geht auf den amerikanischen Wissenschafter Jack Nilles zurück, der vor 25 Jahren (während der Ölkrise) vorschlug, "statt die Menschen zur Arbeit, die Arbeit zu den Menschen zu bringen". Nills Idee, die Anfang der 70er Jahre das Ziel verfolgte, Benzin und damit Anfahrtswege zur Arbeit zu sparen hat im Kontext vernetzter Computer eine neue Bedeutung erfahren - nun ist von einer völligen Umkrempelung unseres Arbeitens die Rede. Eine Frauendomäne?Besonders betroffen von Telearbeit werden, so die Expertin der Gewerkschaft der Privatangestellten, Eva Angerler, die Frauen sein. Sie befürchtet, daß Teleworking die Frauen erst recht an Heim und Herd ketten wird: "Telearbeit kann kein Ersatz für fehlende Kinderbetreuungsein-richtungen sein." Außerdem, so Angerler, bestehe die Gefahr einer Fortschreibung traditioneller Geschlechterrollen: Frauen tragen demnach nach wie vor die Hauptverantwortung für Haushalt und Kindererziehung, die Arbeit - in unserem Fall Telearbeit - läuft nebenbei. Unter bestimmten Umständen, hofft Angerler bieten sich auch Chancen zur Neuaufteilung von Haus- und Familienarbeit zwischen Mann und Frau: Denn schließlich verschwimmen die zeitlichen Grenzen zwischen Erwerbs- und Familienarbeit. Doris Lutz von der Abteilung für Frauen- und Familienangelegenheiten der Arbeiterkammer Wien ist davon allerdings nicht so recht überzeugt: Sie befürchtet, daß sich die Situation der Frau im Erwerbsleben eher noch verschlechtern wird. Während besser qualifizierte Männer von der Entwicklung eher profitieren werden, müssen niedriger qualifizierte Frauen mittelfristig mit Datenerfassern in Indien in Konkurrenz treten. Denn die Telearbeit wird - davon ist die AK-Expertin überzeugt - nicht vor den Landesgrenzen oder den Grenzen des Wirtschaftsraums EU halt machen. Wenn man davon ausgeht, daß der Computer das Schlüsselproduktions-mittel des Informationszeitalters sein wird, dann wird rasch klar, daß sich - wenn diese Annahme stimmt - unsere Arbeitsformen in jenen Bereichen dramatisch verändern werden, die sich hauptsächlich auf Computereinsatz stützen. Solange nämlich die Produktionsmittel eine umgebende Infrastruktur benötigen, wie das etwa bei den Webereien des frühen Industriezeitalters, bei den raumfüllenden, gekühlten Groß-rechneranlagen der Computersteinzeit oder bei großen Industrieproduktions-anlagen -- noch heute - der Fall ist, macht es aus verständlichen Gründen keinen Sinn, daß das Produktionsmittel zum Arbeiter kommt. Der Arbeitnehmer muß sich zum Ort der Maschine begeben und sich dem Rhythmus der Maschine anpassen. Personal Computer sind aber billig, vernetzbar und kompakt. Es macht Sinn, daß das Produktionsmittel Computer zum Arbeiter kommt. Dadurch wird der Arbeitsrhythmus nicht mehr von der Maschine determiniert, der Arbeitnehmer gewinnt mehr Zeitautonomie. Doch Telearbeit ist nur ein Aspekt der Veränderungen, die die moderne Informationsgesellschaft prägen werden. Die Europäische Union hat 1994 im Rahmen des Bangemann-Reports die Einführung von Telearbeit an die Spitze der Strategien zur Steigerung von Europas Wettbewerbsfähigkeit gesetzt. Bis zum Jahr 2000 sollen 10 Millionen Menschen in Europa telearbeiten. Eine bescheidene Zahl, wenn man bedenkt, daß in den USA bereits in diesem Jahr von 11,5 Millionen Telearbeitern ausgegangen wird und das bei einer jährlichen Wachstumsrate von über 15 Prozent! Nach dieser amerikanischen Umfrage sind zwei Drittel der Telearbeiter männlich, 60 Prozent der Telearbeiter und Telearbeiterinnen sind zwischen 30 und 40 Jahren, 40 Prozent verfügen über einen Collegeabschluß und das mittlere Haushaltseinkommen liegt bei rund 48.000 US$ jährlich. In Europa wird man wohl von einer ähnlichen Sozialstruktur der Telearbeiter ausgehen können. Die Wachstumsraten sind in Europa übrigens ähnlich hoch wie in den USA, wenn auch von einem niedrigeren Niveau ausgegangen wird. Ziel der EU ist es jedenfalls, Telarbeit zu fördern. Wobei, wie die Vertreterin der Europäischen Union, Vibeke Sylvest (Generaldirektion V - Beschäftigung) in ihrem Referat ausführte, auf die soziale Absicherung der Telearbeiter bedacht zu nehmen sei. Jobs durch Telearbeit?In einer weiteren Veranstaltung, die vom Büro für Gemeinschaftsinitiativen und Programme der EU in der Europäischen Woche der Telearbeit durchgeführt wurde, warfen die Teilnehmer die nicht unbedeutende Frage auf, ob Telearbeit in Summe mehr Arbeitsplätze bringen oder kosten wird. "Wenn Telearbeit einen breiteren Raum in der Arbeitswelt einnimmt, bedeutet das, daß am Arbeitsmarkt neue Qualifikationen verlangt werden. Unklar ist, ob diese Entwicklung neue Beschäftigungsimpulse mit sich bringt, ob zusätzliche Arbeitsplätze entstehen oder ob lediglich eine Verdrängung bzw. Auswechslung der Arbeitskräfte stattfindet", faßte die Berichterstatterin die Diskussion bei dieser Veranstaltung zusammen. Ebenfalls in der ersten Novemberwoche fand im Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI) eine von WIFI und Wiener Wirtschaftskammer veranstaltete Diskussion statt, bei der die insgesamt rund 80 TeilnehmerInnen zum Schluß gelangten, daß nunmehr, da die technischen Voraussetzungen für Telearbeit gegeben sind, ein Sprung von der technischen zur sozialen Innovation notwendig sei. Die Unternehmer-vertreter waren dann ein paar Tage später nochmals unter sich und machten sich im Palais Eschenbach Gedanken, was und wie sie "in die Zukunft investieren" sollen. Im Barockgemäuer wurde diskutiert, welche Auswirkungen Telearbeit auf Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung haben wird und den Unternehmern wurden Ideen für "zukunftsorientierte Kooperationsformen" und "innovative Unternehmenskonzepte" präsentiert. Doch es wird hierzulande ausnahmsweise nicht nur debattiert, diskutiert und publiziert. Es scheint sogar so zu sein, daß in Österreich erstmals eine technische Entwicklung nicht verschlafen wird. Denn eine Reihe von Firmen erproben zumindest in Pilotversuchen, wie Telearbeit funktioniert. Österreichische ErfahrungenAlcatel Österreich hat von Herbst 1996 bis Mitte 1997 im Süden Wiens einen sogenannten Satellite Office-Versuch betrieben. Damit sollte das tägliche Pendeln von Mitarbeitern aus dem Süden Wiens in den Stammsitz der Firma im Norden der Bundeshauptstadt verringert werden. Bei Hewlett Packard testeten 15 Mitarbeiter, zwei davon in einem Telebüro in Vorarlberg, sechs von daheim in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark, der Rest von daheim in Wien-Umgebung, wie die Telearbeit schmeckt. HP wollte mit dem Probelauf Erfahrungen auf dem Gebiet Telearbeit sammeln. IBM Österreich waren allerdings der allerersten, die hierzulande mit Telearbeit experimentierten. Schon im September 1994, als Telearbeit von den Medien noch kaum wahrgenommen wurde, startete IBM Austria einen Telearbeitsversuch mit 26 Mitarbeitern. Die IBM-Mitarbeiter arbeiteten bis zwei Tage in der Woche zu Hause, die Technische Universität Wien wurde hinzugezogen um gemeinsam mit Geschäftsführung, Telearbeitern und Betriebsrat die soziologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Telearbeit zu skizzieren. Der Telework-Pilotversuch der Firma Kapsch AG (Wien), an dem 20 Mitarbeiter beteiligt waren, wurde inzwischen in den Regelbetrieb übergeführt. Daneben betreiben auch Siemens (Wien) und Microsoft (Wien) noch ein Telearbeits-Pilotprojekt. Mittlerweile interessieren sich auch Banken und Versicherungen fürs Teleworken. Die Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien probiert es ebenso, wie die Wüstenrot-Versicherung. Bei letzterer ist die Telework-Möglichkeit allerdings nur ein Nebenprodukt der Einführung des "papierlosen Büros" und der damit verbundenen technischen Infrastrukturmodernisierung im Unternehmen. Mittlerweile arbeiten vier MitarbeiterInnen außerhalb des Unternehmenssitzes. TelezentrenAber auch das zweite Teleworking-Konzept - das Telezentrum - wird in Österreich verfolgt: Beim Tele(arbeits)zentrum gibt es den klassischen Arbeitsplatz noch, die Geographie zwischen Arbeits- und Privatleben hat sich noch nicht aufgelöst. Aber anstatt auf der Südosttangente in die Arbeit zu fahren pendelt der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin auf der Datenautobahn in den Betrieb. Bietet ein Telezentrum nur den Mitarbeitern einer einzigen Firma Platz, spricht man von einem Satellite Office, arbeiten aber Mitarbeiter der verschiedensten Unternehmen darin, heißt das eben Telezentrum. Der Vorteil des Telezentrums liegt darin, daß dort leistungsfähigere Geräte zur Verfügung stehen, und daß es nicht zur Verwischung zwischen Berufswelt und Privatleben kommt. Der Nachteil ist allerdings, daß eines der wichtigsten Argumente für Telearbeit wegfällt: Anstatt in die Firma müssen die Mitarbeiter nämlich ins Telezentrum pendeln. Gerade ländliche Randlagen knüpfen einige Hoffnungen an Telearbeit: Sie hoffen, daß die qualifizierten Arbeitskräfte nicht abwandern und so der Niedergang der ländlichen Peripherie gestoppt werden kann. Kein Wunder also, daß man Telezentren gerade in wirtschaftlich schwachen, abgelegenen ländlichen Regionen findet: Im Waldviertel gibt es bereits zwei Telehäuser - den Edelhof bei Zwettl, sowie das Telezentrum Retzer Land in Retz. In Mistelbach steht ebenfalls ein Telehaus, genauso im kleinen oberösterreichischen St. Georgen und in Hagenberg bei Linz. Derzeit gibt es ein gutes Duzend Telehäuser in Österreich. Das älteste (1995) geplante Telehausprojekt - eigentlich eine Telesiedlung - ist allerdings bis heute nicht realisiert: "Bruck an der Leitung" heißt dieses Wohnprojekt in Bruck an der Leitha (deshalb der Name), das von seiner Infrastrukturausstattung auf Telarbeit vorbereitet sein soll. In Wien experimentiert man aber freilich auch mit Telezentren: In den Ballungsräumen erhofft man sich von der Telearbeit eine Eindämmung des innerstädtischen Verkehrs. Ob aber gerade in Städten Telezentren einen Sinn machen, sei dahingestellt. Trotzdem gibt es deren drei, eines im 22. Bezirk, und zwei im 21. Bezirk. Die technischen Möglichkeiten sind heute nicht mehr der limitierende Faktor für eine weitere Verbreitung von Telearbeit. Die fehlenden Organisationsstrukturen und arbeitsrechtlichen Bestimmungen sind da schon eher ein Hindernis - sowie die völlig unrealistischen Erwartungen. |