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Spiel, Satz
und Niederlage

Leonard Orgler

Greg Billings warf den Ball zum Aufschlag in die Höhe. Beim Stand von 6:3 und 5:4 fehlten ihm im entscheidenden Game nur mehr zwei Punkte, um das Match für sich zu entscheiden. Der erste Aufschlag landete im Netz, doch der zweite kam präzise. Den Return von seinem Gegenspieler konnte Billings mühelos zurückbefördern, so wuchtig, daß sein Gegner keine Chance hatte. Das bedeutete Matchball. Unter den Zuschauern vor der Videoleinwand saß Philipp Jakobi. Seine Hände hatte er zusammengeballt, sodaß die Knöchel weiß hervortraten - ein Zeichen seiner Anspannung. Für ihn ging es bei diesem Tennismatch um sehr viel. Denn Jakobi war der Erzeuger von Cybertennis. Billings nämlich spielte im Studio der Sport Program Company. Jakobi als deren führender Programmierer hatte es zustande gebracht, mittels Cyberspace-Technologie ein Tennismatch simulieren zu können. Billings steckte in einem Cybersuit. Schläger, Bälle, Netz und Platz, ja selbst Schiedsrichter, Linienrichter und Publikum waren nur virtuell vorhanden. Sein Gegner, ein Mittelklassespieler aus England, war zwar real, allerdings befand er sich in London - Tausende von Kilometern von Los Angeles, und damit von Jakobi und seinem Team, entfernt. Dies war der entscheidende Vorteil vom Cybertennis: eine Begegnung zweier Spieler, die sich real an zwei Enden der Welt aufhielten. Billings warf wieder den Ball hoch. Nur noch ein Punkt, und er wäre einem Millionenvertrag mit der Firma Sport Program Company einen Schritt näher. Dieses Match hier war das dritte von drei Testspielen mittels Cybertennis. Billings hatte als vielversprechendes Talent begonnen, doch der Erfolg war ihm zu sehr in den Kopf gestiegen. Jetzt war er heruntergekommen und hoffnungslos verschuldet. Diese Exhibition sah er als letzten Ausweg, doch noch an Tennismillionen heranzukommen. Der erste Aufschlag paßte. Der Engländer konnte nur den Schläger hinhalten. Für Beobachter, die Billings im Studio zusahen, wirkte es etwas komisch, wie er in seinem Cybersuit den einen Arm hochwarf und mit dem anderen ausholte, als wollte er jemandem eine kräftige Ohrfeige verpassen. Doch für Jakobi und sein Team, die auf der Videoleinwand das virtuelle Match verfolgen konnten, sah alles täuschend echt aus. Jakobi lächelte zufrieden. Billings stürmte vor zum Netz, und mit einem gekonnten Volley hatte er seinen ersten Matchball sicher verwertet. Das virtuelle Publikum jubelte. Jakobi hatte Originalaufnahmen aus den Stadien von Wimbledon, Paris, New York und Melbourne zusammengemischt und so eine täuschend echte Geräuschkulisse eines Centre Courts geschaffen. "Spiel, Satz und Sieg Greg Billings!" rief der virtuelle Schiedsrichter. Billings wartete am Netz auf seinen Gegner, um ihm die Hand zu schütteln. Dann nahm er sein Cyberface ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Jakobi betrat das Studio und gratulierte Billings. "Hervorragende Leistung. Wir sind sehr zufrieden. Das Programm scheint zu halten, was es verspricht. Wenn Sie nächste Woche den Schaukampf gegen Phil Norman bestehen, haben Sie einen Exklusiv-Werbevertrag mit uns." "Ich werde mein Bestes tun." Jakobi sah ihn hart an. "Das erwarten wir auch von ihnen. Die bisherigen drei Partien waren nur Testspiele. Nächste Woche sieht die gesamte Weltöffentlichkeit zu. Wir haben eine große Halle gemietet, wo wir unter anderem an die dreihundert Journalisten unser neues Cybertennis präsentieren werden. Wenn Sie als Nummer 176 der Weltrangliste die Nummer 16 schlagen, bedeutet das, daß Cybertennis in aller Welt berühmt wird." Billings kratzte sich am Kopf. "Nun ja, das sehe ich ein. Aber es ist für mich keine leichte Aufgabe, einen Weltklassespieler wie Phil Norman einfach so wegzuputzen. Auch wenn es sich um Cybertennis handelt - er spielt immer noch wesentlich besser als ich." Jakobi nahm Billings zur Seite. "Das wissen wir. Deshalb werden wir ein wenig nachhelfen." "Nachhelfen? Wie denn?" "Sie vergessen, daß wir die Erschaffer von Cybertennis sind. Für mich ist es kein Problem, das Programm so zu manipulieren, daß Phil Normans Bälle immer in einem um fünf Grad niedrigeren Winkel zurückgespielt werden, als es tatsächlich der Fall wäre. Also wird er des öfteren unvorhergesehen ins Netz schlagen. Das dürfte ausreichen, Sie gewinnen zu lassen." Billings wirkte betroffen. Also eine Betrügerei. Aber er hatte keine andere Wahl. Er hatte sich zu diesem Spiel verpflichtet. Und winkten ihm nicht bei einem Sieg Millionen? "Für einen Erfolg würde ich sogar mein rechtes Auge hergeben", sagte er zu sich. "Also sind diese lächerlichen fünf Grad Manipulation zu vernachlässigen." Endlich war der große Tag gekommen, der Billings Leben entscheidend verändern sollte. Die Tennishalle war zum Bersten voll, und nicht nur Journalisten, auch viele Tennisinteressierte wollten das neue, virtuelle Tennis kennenlernen. Die beiden Kontrahenten befanden sich in einem Raum hinter der Halle. Jeder trug seinen Cybersuit und war in seiner Kabine eingeschlossen. Drei Schiedsrichter in diesem Raum paßten auf, daß sich niemand an den beiden, in der Realität momentan wehrlosen Gestalten, zu schaffen machte. Es wurde ein harter Kampf. Trotz seines unbewußten Handicaps besaß Phil Norman Klasse genug, um Billings gehörig unter Druck zu setzen. Nachdem der erste Satz mit 6:3 an Billings ging, hatte sich Norman auf den seltsamen Abprallwinkel, den seine Bälle nahmen, eingestellt. Den zweiten Satz gewann Norman knapp mit 7:6 im Tiebreak, und er kam immer besser ins Spiel. Im entscheidenden dritten Satz führte er bereits mit 5:2 bei eigenem Aufschlag. Da passierte es. Norman hatte einen seiner scharfen Aufschläge losgelassen und war gleich vor ans Netz gelaufen. Billings aber brachte einen wunderbaren Return zustande, so daß Norman sich sehr strecken mußte, um diesen noch zu erwischen. Billings stürmte vor ans Netz, um den abtropfenden Ball zu erwischen. Nun setzte Norman zu einem Lob an. Billings erkannte dies und hielt bereits den Schläger hoch. Doch er hatte auf die fünf Grad vergessen, um die Normans Bälle niedriger kamen. Statt über ihn drüber ging der Ball ihm mitten ins Gesicht. Billings warf vor Schreck den Kopf nach hinten. Dabei durchstieß er das Glas der Kabinentür und schnitt sich die rechte Wange auf. Glassplitter durchdrangen sein Cyberface und zerstörten sein rechtes Auge. Das Projekt Cybertennis war damit gescheitert.