Bill Gates über die
Geschichte der Menschheit

von Bill Gates
übersetzt von Peter Wansch

Vor fünfhundert Jahren kamen Columbus, Cortez, Pizarro und andere europäische Kolonialisten in der neuen Welt an. Warum wurden sie nicht von Tausenden eingeborenen berittenen Kriegern mit Feuerwaffen und allerlei ansteckenden Krankheiten ins Meer zurückgejagt? Warum gab es nie eine Invasion von Schwadronen von Bantus auf Rhinozerossen ins nördlich gelegene römische Reich, die ein Euroafrikanisches Imperium schufen?

Solche und viele andere Fragen werden auf bestechende Art und Weise in Jared Diamonds faszinierendem Buch "Guns, Germs And Steel" (Waffen, Bazillen und Stahl) beantwortet (W.W. Norton Verlag, 1997). Keine andere Kulturgeschichte, die ich kenne, behandelt die Frage, warum Europäer und Asiaten die größten Teile der Welt beherrschen und nicht Afrikaner, Indianer oder andere Völker. Diamonds Hauptthese ist, daß es keine angeborene Überlegenheit unter der einen oder anderen ethnischen Gruppe gibt, und daß das oft tragische Versagen des Widerstandes einzelner Völker gegen die Expansionsbestrebungen von Europäern und Asiaten größtenteils auf widrige Umstände und schlichtes Pech zurückzuführen ist.

Er liefert gewaltige Mengen an Beweismaterial, um zu belegen, daß die erfolgreiche Vorherrschaft der Europäer und Asiaten durch eine reiche Auswahl an domestizierbaren Pflanzen und Tieren gefördert wurde, und durch die Ost/West-Ausrichtung des eurasischen Kontinents, was den Transfer von Tieren, Saatgut und Technologie sehr einfach machte.

Eurasien hatte 32 der 56 begehrten Wildgräser, die gute Kandidaten für Kultivierung abgaben; keine andere Region hatte mehr als 6. Eurasien war auch die ursprüngliche Heimat von 13 der 14 Tierarten, die für Menschen am wichtigsten waren.

Der fruchtbare Halbmond, ein Gebiet in Südwestasien, das Teile des heutigen Irak, Jordaniens, Syriens und der Türkei abdeckt, hatte sechs der acht Feldfrüchte und vier der fünf wichtigsten Haustierarten: die Kuh, die Ziege, das Schwein und das Schaf.

Nicht weiter überraschend, daß der fruchtbare Halbmond ein guter Boden für einen Überfluß an Nahrung war, und daß die frühesten bekannten Anfänge menschlicher Zivilisation um 11.000 v. Chr. in dieser Gegend begannen.

Die Völker außerhalb des fruchtbaren Halbmonds hatten den großen Nachteil, daß sie nicht viel zu kultivieren vorfanden. Nur wenige der 200.000 wilden Pflanzenarten sind für Menschen genießbar. Mehr als 80 Prozent des Erntevolumens unserer Tage stammt aus nur 12 Arten von Pflanzen. Haustiere lieferten Dünger, Fleisch und Milch. Sie zogen Pflugscharen und halfen Kriege gewinnen. Während der fruchtbare Halbmond viele solcher Tiere hatte, gab es in Kalifornien gar keine Säugetiere, die man domestizieren konnte.

Tatsächlich gab es in ganz Nordamerika keine Tierarten, die gute Haustiere abgegeben hätten - abgesehen vom Lama, das aber nicht sehr verbreitet war. Als menschliche Jäger und Sammler vor 13.000 Jahren über die Beringstraße nach Amerika kamen, erlegten sie anscheinend die meisten der arglosen Säugetiere, die sich möglicherweise hätten domestizieren lassen.

In Europa und Asien gestattete der Überfluß an Nahrungsmittel einigen Leuten, sich auf die Wissenschaften oder die Kunst zu spezialisieren und anderen, ihre Energien auf eine Existenz als Soldat zu konzentrieren. Im fruchtbaren Halbmond entstanden Zivilisationen und verbreiteten sich nach Osten und Westen.

Seuchen waren bei der Unterwerfung Amerikas und des Rests der Welt sogar noch ausschlaggebender als Pferde oder Waffen. Diamond schätzt, daß 95 Prozent der präkolumbianischen Bevölkerung Amerikas durch eingeschleppte Krankheiten ausgelöscht wurde. Die Epidemien verbreiteten sich von Stamm zu Stamm, oft lange vor dem ersten Kontakt mit Europäern.

Warum wurden keine Europäer durch indianische Krankheiten ausradiert?

Epidemien stammten von Haustieren. Masern, Pocken, und Tuberkulose sprangen auf den Menschen von Rindern über, Grippe von Schweinen und Enten, Keuchhusten von Schweinen und Hunden. Indianer hatten keine epidemischen Krankheiten oder Immunität dagegen, einfach weil sie keine Haustiere hatten, bei denen Seuchen entstehen konnten.

Abgesehen von Saatgut, Nutztieren und Seuchen auf ihrer Seite, zeichneten sich Eurasier auch durch die Gnade einer gewaltigen Landmasse aus, die von Westen nach Osten ausgerichtet war, statt von Norden nach Süden wie die Afrikas und Amerikas. Die Menschen konnten ihr Saatgut und ihr Vieh leicht nach Osten oder Westen transportieren, da sich das Klima entlang einer geographischen Breite nicht sehr veränderte. Schließlich entwickelten sich Handelsstraßen zwischen Asien nach Europa.

Eine Wanderung entlang der Nord/Süd-Achse gestaltete sich bedeutend schwieriger. Abrupte Klimaveränderungen machten Saatgut unbrauchbar und waren alles andere als eine artgerechte Haltung für das Vieh. Afrikanische oder amerikanische Zivilisationen waren durch Berge, Wüsten oder Regenwälder von einander getrennt und konnten ihre Fortschritte oft nicht einmal mit Kulturen teilen, die nur 1000 Meilen nördlich oder südlich lagen.

Vor einem Jahrtausend war Asien Europa bei vielen Technologien ebenbürtig oder sogar voraus. Diamond meint, daß die Europäer die Asiaten danach überholten, weil Japan und China zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren und aufhörten, mit anderen Ländern einen Austausch von Gedanken und Ideen zu betreiben. Das Ergebnis war beinahe zwangsläufig eine Vorherrschaft Europas über die Welt, die bis nach dem zweiten Weltkrieg dauerte. Seither haben Japan und inzwischen auch China als Wirtschaftsmächte aufgeholt und für Japan hat sich die technologische Innovation ausgezahlt und die letzten Jahrzehnte zu einem enormen Erfolg gemacht.

"Guns, Germs, and Steel" bietet ein Fundament, auf dem man ein Verständnis der ganzen menschlichen Geschichte aufbauen kann. Da es brilliant erklärt, wie zufällige Fortschritte zu frühen Erfolgen in einem äußerst hartem Wettbewerb führen können, bietet es auch nützliche Musterbeispiele für die Welt des Business und für Leute, die wissen wollen, warum sich bestimmte Technologien durchsetzen.

Das Buch erinnert mich daran, daß Innovation den Erfolg fördert und erhält, während Trägheit und Selbstgefälligkeit zu Stagnation und Untergang führen - eine Lektion, die ich mir jeden Tag vor Augen zu halten versuche.

In der Frühgeschichte der Menschheit entstanden technologische Vorteile auf der Grundlage der Verfügbarkeit bestimmter Pflanzen, Tiere und einer günstigen Lage. In der heraufdämmernden Informationsgesellschaft ist der kritische natürliche Rohstoff die menschliche Intelligenz, Qualifikation und Tüchtigkeit. Jede Region der Erde hat das alles im Überfluß, was das nächste Kapitel in der Geschichte der Menschheit sehr interessant zu machen verspricht.


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