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Leaving Las VegasAuf der COMDEX, der größten amerikanischen Computermesse, zeigte Microsoft die neueste Windows-Version, die Mitte nächsten Jahres in den Handel kommen soll.THOMAS SEIFERT
Es sind genug gekommen. Der riesige Konferenzraum des Luxushotels "Mirage" in Las Vegas, in das Bill Gates, CEO des Softwaregiganten Microsoft Corp. geladen hatte, war bis auf den letzten Platz mit Branchengurus und Journalisten gefüllt. In einem etwas kleinerem Saal war Gates zwar nur virtuell - nämlich auf einem Videoschirm - zu sehen, aber auch hier gab es keine freien Plätze mehr. Alle Zuseher warteten darauf, daß Gates über seine Probleme mit dem Justizministerium und dem amerikanischen Konsumentenschützer Ralph Nader (der vergangenes Jahr für die amerikanischen Grünen bei der Präsidentenwahl kandidierte) sprechen würde. Man erwartete eine Erwiderung auf die Anschuldigungen von Mitbewerber Netscape, der kritisiert, daß Microsoft sein überaus erfolgreiches Betriebssystem Windows mit der Internet-Software Microsoft Internet-Explorer bündelt und somit Netscapes Navigator chancenlos bleibt. Doch die Zuhörer wurden enttäuscht: Anstatt einer trockenen Ansprache wurden die Gäste von Gates mit launigen Scherzchen verwöhnt. So durfte man die 10 Gründe, warum er seinen PC liebt, erfahren. Er eröffnete auch, daß er auf sein ganzes Haus "Intel inside" schreiben kann - ein selbstironischer Seitenhieb auf sein Millionen-Dollar-teures durch und durch computergesteuertes Haus. Ein anderes Scherzchen auf eigene Kosten nahm das Phänomen der vielen Abkürzungen im Computer-Business aufs Korn. "Wir haben eine Menge interessanter Terminologie in diesem Business. Ich denke, daß bereits alle Kombinationen von 3-Buchstaben-Abkürzungen in Verwendung sind, und wir sind auf dem besten Weg, alle 4-Buchstaben-Abkürzungen aufzubrauchen", meinte Bill, wie ihn seine Mitarbeiter und Fans simpel nennen. Dabei war Microsoft jahrelang führend, wenn es darum ging, die Konsumenten mit Abkürzungen wie OLE (object linking and embedding) oder PnP (Plug & Play) zu nerven. Gates sprach an diesem vergnüglichen Abend über alles mögliche, seine Probleme mit den amerikanischen Justizbehörden, die ihn einmal mehr mit Vorwürfen wegen unlauterem Wettbewerb konfrontieren, er sprach über sein 18 Monate altes Töchterchen, und er ließ sich von einem US-Marine die Einsatzmöglichkeiten eines HPC (schon wieder so eine 3-Buchstaben-Abkürzung: Handheld-PC) Taschencomputers am Schachtfeld erklären. Selten hat man den Chef von Microsoft so locker erlebt. Er sprach sogar über das Betriebssystem Windows NT 5.0, die nächste Version von Windows NT, das vor allem im Client-Server-Bereich (also bei größeren Computernetzwerken) Einsatz finden wird. Doch über Windows 98, die lange erwartete Nachfolgeversion des Betriebssystems Windows 95, hüllte Gates sich in Schweigen. Der schlaue Marketingstratege Gates will nicht verfrüht allzuviel preisgeben, denn in Sachen Windows sind die Anleger und Computeruser sensibel. Mitte September mußte Microsoft den Start von Windows 98 vom 1. Quartal auf das 2. Quartal verschieben, woraufhin die Microsoft-Aktie stark gefallen ist. Deswegen hält man sich mit Ankündigungen derzeit noch zurück. Der MONITOR konnte am Rande der Comdex aber einen ersten Blick auf Windows 98 werfen: Windows 98 wird kein so großer Qualitätssprung, wie das bei Windows 95 der Fall war. Microsoft hat sich zurückgehalten, wenn es darum ging, neue Funktionen in das Betriebssystem einzubauen. Das ist durchaus ein mutiger Schritt, denn bislang wurde Software meist mit dem Argument neuer, toller - in der Regel aber selten gebrauchter - Funktionen verkauft. Microsoft hat sich entschlossen, mit Windows 98 kein neues Stück Bloatware (aufgeblähte, mit Funktionen überfrachtete Software) vorzulegen, sondern die Stabilität und Schnelligkeit von Windows 95 zu verbessern. Trotzdem gibt es eine sichtbare Änderung: Der Internet Explorer 4.0 (der schon jetzt gratis auf der Microsoft-Homepage erhältlich ist) dient als "Schreibtischoberfläche". Das Internet ist damit auf jedem Windows 98-Rechner integriert. Außerdem wurden viele Assistenten eingebaut, die bei der Installation von Software und Hardware sowie der Internet-Anbindung helfen sollen. Microsoft hofft darauf, daß möglichst viele der über 100 Millionen Benutzer von Windows 95 auf Windows 98 umsteigen. Für Power-User, die über teure Geräte mit hoher Kapazität verfügen, dürfte sich allerdings das Warten auf Windows NT empfehlen. Denn neben den Vorteilen von Windows 98 verfügt die neue Version von NT, die allerdings erst nach dem Start von Windows 98 auf den Markt kommen dürfte, über zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen, die das System vor einem Systemabsturz bewahren. Spielen kann man mit Windows NT allerdings nicht so gut. Doch es ist die längerfristige Strategie von Microsoft, erklärt Erin Brewer, International Public Relations Managerin, die beiden Welten - Windows 98 für den privaten Bereich und kleine Unternehmen und Windows NT für Profis und größere Netzwerke - zusammenzuführen. Zuvor wird es allerdings noch eine Windows 2000-Version und Windows NT 6.0 geben. Doch zurück zur COMDEX: Eigentlich ist Las Vegas ein denkbar ungeeigneter Ort für eine Computermesse. Außer der relativen Nähe zum Silicon Valley spricht eigentlich wenig für Las Vegas. The "Home of the Sick" (© Wolf Lotter, Wissenschaftsredakteur des profil) wird trotzdem auch heuer wieder von fast 250.000 Ausstellern, Analysten und Besuchern und über 4.000 Journalisten heimgesucht. Volle Hotels, ein Zusammenbruch des Verkehrs und ein völlig überlaufenes Ausstellungsgelände ist die Folge. Noch dazu, wo die Amerikaner das Organisationstalent der Deutschen vermissen lassen. In Sachen "Bequemlichkeit" fällt der Vergleich eindeutig zugunsten der Cebit aus. Die Stadt steht trotzdem ganz im Zeichen der Computermesse: Man hat fast den Eindruck als hätte Iomega sämtliche Plakatflächen in der Wüstenstadt in Nevada gemietet. Überall JAZ, ZIP, DITTO und neuerdings CLIK. Wobei CLIK ein putziges Produkt ist: Ein ZIP-Laufwerk mit halber Kapazität, das nicht einmal ein Viertel so groß ist. Das Medium ist klein genug, daß es in einem Laufwerk Platz findet, das klein genug ist, daß es in einen PCMCIA-Slot paßt. Dementsprechend hoch ist das Interesse an den Produkten des Datenspeicherproduzenten. Am Stand gibt es neben dem Miniaturwunder CLIK eine verbesserte JAZ-Version zu bewundern (neue Kapazität 2 GB), das ZIP-Laufwerk, das in den USA bereits im Handel ist und mit Erscheinen dieser Ausgabe auch in Europa erhältlich sein soll, kommuniziert nun mit dem Parallelport ebensogut, wie mit einer SCSI-Schnittstelle. Der eingebaute Chip erkennt automatisch, ob das Laufwerk nun an der Parallel- oder der SCSI-Schnittstelle hängt. Außerdem wurde der unpraktisch große Transformator drastisch miniaturisiert. IOMEGA bleibt eindeutig vor der Konkurrenz. Bei LOTUS gibt es nicht viel Neues zu bewundern, die Besucher interessieren sich aber ohnehin mehr für dafür, was es bei LOTUS-Konkurrenten Microsoft neues gibt: Windows NT 5.0 und Windows 98 wird nur den Journalisten gezeigt (siehe weiter oben), dafür rührt Gates höchstpersönlich für Microsoft Exchange 5.5 und Windows CE 2.0 die Werbetrommel. Der Upgrade von Exchange 5.5 beendet das 16 GB-Limit, das es verunmöglichte, mehr als 500 End-User an einen Exchange-Server zu hängen. Das Ziel von Microsoft war es, die Cost of Ownership hinunterzudrücken, indem das Servermanagement erleichtert wird und eine geringere Zahl von Servern eine höhere Zahl von Clients unterstützen kann. Außerdem wurde eine Reihe zusätzlicher Protokolle und Möglichkeiten (etwa eine sehr ausgereifte Kalenderfunktion und jede Menge zusätzlicher Groupware-Applikationen) hinzugefügt. Ein weiterer Schwerpunkt bei Microsoft ist Windows CE, das in den USA bereits in die zweite Version geht: Windows CE 2.0 wurde bereits Mitte Oktober an Casio, Compaq, Ericsson, Hewlett-Packard, Hitachi, LG Electronics, NEC, Novatel Wireless, Philips und Sharp ausgeliefert, die ihre Handheld PCs im Weihnachtsgeschäft in den USA mit der neuen Windows CE 2.0-Version ausliefern dürften. In dieser Version wurde die Benutzerfreundlichkeit verbessert, Druckersupport hinzugefügt (einzig die von Hewlett-Packard konnten bislang drucken, wenn auch nur auf HP Printern), die Files werden nun auch nicht mehr vom HPC auf den PC heruntergeladen, sondern synchronisiert. Außerdem sind die Kalender- und Adreßaten nun mit Outlook kompatibel. Pocket Powerpoint wurde als Applikation zu den bisherigen Applikationen E-Mail-System, Pocket Internet Explorer, Pocket Word, Pocket Excel hinzugefügt und Pocket Schedule durch Pocket Outlook ersetzt. Mit Pocket Powerpoint ist es möglich, Powerpoint-Präsentationen auf einem VGA-Monitor oder Videobeamer zu zeigen. Group Scheduling wurde hinzugefügt, und es ist möglich E-Mail Attachments in die elektronische Post zu integrieren. Microsoft hofft, mit diesen Neuerungen dem HPC-Markt einen weiteren Anstoß zu geben: Die Hoffnung dürfte nicht ganz unbegründet sein. Die neuen HPC-Produkte der Hardwarehersteller erregten auf der Messe durchaus Aufsehen: HP stellte den HP 620 LX vor, der über ein Farbdisplay und 16 MB RAM verfügt und in den USA um weniger als 1.000 $ verkauft werden soll. Ein interessantes Windows CE-Gerät wurde von SHARP präsentiert: Der SHARP Mobilon HC-4500 (der leistungsfähigere Bruder vom HC 4100). Neben den Optionen, die die handelsüblichen Geräte bieten, wartet dieses Ding mit einer Spezialität auf: Als Zubehör gibt es nämlich Sharps exklusive Digitalkamera-Karte, mit der es möglich ist, den Mobilon als Digitalkamera zu verwenden. Außerdem ist ein 33.6 Kbps Modem eingebaut, sowie 16 MB RAM, sowie ein Image Editor zum bearbeiten der Digitalbilder. Der Farbschirm (256 Farben) bietet eine Auflösung von 640 x 240 Pixel, dazu kommt noch - exklusiv beim Sharp-Gerät - ein Voice Recorder. Philips präsentierte den VELO 500, den es mit 16 oder 24 MB RAM gibt. Der Philips VELO 500 verfügt nun auch über ein 640 x 240 Pixel Display (das hatten die bisherigen HP Handheld PCs auch schon), allerdings bietet das Display - im Unterschied zum neuen HP-Handheld - nur 16 Graustufen. Dafür ist das 28.8 kbps Daten/Fax-Modem integriert. Die Batteriekapazität reicht für rund 15 Stunden. Bei Philips gab es eine weitere interessante Neuerung zu sehen: Web-TV (erstmals vor 2 Jahren auf der Global Village in Wien präsentiert) funktioniert nun einigermaßen. Der Aufbau der Bilder funktioniert recht schnell, wobei die Bildqualität einigermaßen zufriedenstellend ist, die Tastatur ist auch ganz gut, aber auch über die Fernbedienung funktioniert die Steuerung. Man kann sich tatsächlich vorstellen, daß Internet-Surfen auch vor dem Fernsehgerät Sinn machen könnte. Vor allem, nachdem eine tiefe Integration mit TV vorgenommen wurde: eine spezielle Funktion ermöglicht es nämlich - Web-gestützt - Informationen über das gerade laufende Programm zu erhalten. Was war sonst noch interessant: Die Aktien von 3COM sind in der COMDEX-Woche dramatisch gestiegen, nachdem die Firma einen verbesserten Router vorgestellt hat, der Fernseher im Hotelzimmer (der Monitor-Reporter übernachtete übrigens im äußerst schrägen Hotel Luxor, das Restaurant sah aus, wie eine Ausgrabungsstätte, im Zimmer hingen Tontafeln mit Hieroglyphen) bot ZD-TV, ein Fernsehsender von Ziff Davis, der einen ständig mit den neuesten Computernews versorgte. Darüber hinaus erfuhr der MONITOR, daß 85 Prozent der COMDEX-Besucher nach Las Vegas kommen, "to check out new technologies" (um neue Technologien zu sehen) - Nona, sehr überraschend -, daß man in Las Vegas nicht nur am Flughafen und in fast allen Hotels, sondern auch im Taxi Geld in Slot-Machines werfen kann, daß man in Las Vegas aber darüber traurig ist, daß die meisten COMDEX-Besucher keine ausgesprochenen Spieler sind (der MONITOR-Reporter verlor 100 Fünf-Cent-Stücke, also knapp über 60 Schilling). Und außerdem konnte der MONITOR noch einen Blick auf Quake 2 werfen. Aber nachdem uns Computerfuzzis das Spielen ja angeblich nicht besonders interessiert, werde ich Sie mit dieser Geschichte nicht langweilen, oder? ;-) |