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Wie stehen die Aktien?

Am Austrian Political Stock Market werden Aktien der österreichischen Parteien gehandelt. Mit diesem Experiment sollen Thesen der Ökonomie geprüft und der Ausgang der Nationalratswahlen prognostiziert werden.

Thomas Seifert

Wieviel sind die Parteien wert? Dieser Frage geht seit dem Frühjahr 1994 eine Gruppe am Institut für Betriebswissenschaften Arbeitswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre der Technischen Universität Wien unter der Leitung von Professor Adolf Stepan, nach. Sie haben schon letztes Jahr vor dem EU-Referendum eine Börse eingerichtet, an der via Internet Optionsscheine für ,,Ja" oder ,,Nein" zur Europäischen Union gehandelt wurden. Später kam ein weiterer Marktplatz für die Nationalratswahlen hinzu.

Die Idee basiert auf einem gängigen Axiom der Ökonomen, welches lautet, daß Märkte überaus effiziente Systeme zum Ansammeln von Information darstellen. Der österreichische Nationalökonom Friedrich August von Hayek (1899 in Wien geboren, 1974 Nobelpreis für Ökonomie) schrieb in einem Artikel für The American Economic Review über ,,The Use of knowledge in Society": ,,Wenn wir alle relevanten Informationen besitzen und wenn wir von gegebenen Voraussetzungen ausgehen können und wenn wir zudem über Wissen über die vorhandenen Mittel verfügen, so ist das verbleibende Problem der Versuch, eine rationales ökonomisches Sytem zu konstruieren ein Problem, das mit den Mitteln der puren Logik gelöst werden kann".

Von diesen Voraussetzungen gehen die Trader (Händler) an den virtuellen Political Stock Markets (Parteioptionsbörsen) aus.

Und das funktioniert so: Auf einem sogenannten Primärmarkt werden ,,Aktienbündel" aller Parteien emittiert, und zwar zum Kurs des Wahlausgangs der vergangenen Wahl. Mit diesem Portfolio werden auf einem Sekundärmarkt einzelne Aktien zwischen den Marktteilnehmern gehandelt. Der Wert der ,,Aktien" wird vom Stimmanteil, der bei der Wahl erreicht wird, bestimmt. Warum handelt man? Natürlich, um Geld zu verdienen. Jeder Trader glaubt, überlegene Prognosefähigkeiten zu haben, und somit Gewinne realisieren zu können. Wenn nämlich ein Teilnehmer der Meinung ist, die Grünen werden bei der Wahl am 17. Dezember 8 Prozent erreichen, so wird der Trader versuchen, von einem anderen Teilnehmer, der die Grünen unter 8 Prozent einschätzt, ,,Grüne Aktien" zu bekommen. Je billiger er die Aktien vom - was die Grünen betrifft - pessimistischeren Teilnehmer bekommt, um so höher fällt sein Kursgewinn aus: Falls die Grünen am 17. Dezember tatsächlich auch 8 Prozent der Stimmen erreichen. Derselbe Teilnehmer kann aber auch diese Grünen Aktien im Laufe der Zeit an einen dritten Trader weiterverkaufen, der das Ergebnis der Grünen noch besser einschätzt, und bereit ist, ,,Grüne Aktien" für über 8 Schilling pro ,,share" zu kaufen. Besonders spannend war es, zu beobachten, wie die "Aktien" der Parteien nach den Zweierkonfrontationen, oder Fünferrunden schwankten.

Kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der Überlegungen, nämlich der Hayek-Hypothese, daß Märkte nichts anderes als perfekte Informationsaufsammler sind. Zuerst muß klargestellt werden, daß es für einen Händler nicht von Bedeutung ist, welche Auswirkungen er sich von einer neuen Information (Zeitungsartikel, Meinungsumfrage, ORF-Sendung) auf den Kurs einer Aktie erwartet, sondern vielmehr welche Auswirkungen sich der Großteil aller Händler erwartet. Keynes erklärt diese Denkweise sehr anschaulich anhand eines Schönheitswettbewerbs: Sein Beispiel: In einer Zeitschrift werden die Fotos der verschiedenen Kandidatinnen veröffentlicht. Dann werden die Leserinnen und Leser aufgefordert, jene "Schönheitskönigin" auszuwählen, von der Sie glauben, daß sie die Schönste sei. Bei diesem Wettbewerb wird jeder Leser der Zeitschrift jene Kandidatin wählen, von der er glaubt, daß diese von den Meisten als Schönste angesehen wird. Für den Leser oder die Leserin treten daher die eigenen Präferenzen in den Hintergrund. Ein Handeln gegen den Trend bedeutet (also gegen die Meinung der meisten Teilnehmer) erweist sich als nicht gewinnbringend ist. Was an der Wall Street oder an der Frankfurter Börse Gültigkeit hat, muß allerdings auf den Austrian Political Stock Market nicht zutreffen. Warum? Weil hier die letztendliche Auszahlung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen von einem exogenen Ereignis (dem Wahlergebnis) abhängt. Bevor es allerdings zu einer Auszahlung kommt, sind Gewinne durch "traden" durchaus möglich.

Gehandelt werden die ,,Optionsscheine" für die Parteien übrigens auf der Virtuellen Börse der Universität Iowa, Iowa City (im amerikanischen Mittelwesten), wo eine ganze Reihe weiterer Märkte laufen: Etwa die Amerikanischen Präsidentschaftswahlen, sowie eine ganze Reihe weiterer Wahlentscheidungen, welche auf diese Weise prognostiziert werden sollen.

Österreich ist im ,,Political Stock Market" am Rechner der Universität Iowa gleich mehrfach vertreten: Neben einem Markt für die Nationalratswahlen 1995 werden die Optionen für die Parteien an einer Börse für die Wiener Gemeinderatswahlen sowie die steirischen Landtagswahlen gehandelt. Bei den Nationalratswahlen 1994 war die Qualität der Prognose des ,,Political Stock Market" außerordentlich gut: Die Trader des Political Stock Market (hauptsächlich wiederum TU-Studenten) sagten die Ergebnisse der ÖVP, FPÖ und der Grünen fast korrekt voraus und verschätzten sich nur um einige Zehntel Prozentpunkte. Bei den Ergebnissen für die Sozialdemokraten und die Liberalen lagen sie weiter daneben: Während die Trader die SPÖ mit 37 Prozent handelten, lag das tatsächliche Resultat bei 34,92 Prozent, beim Liberalen Forum lagen die Trader um ganze zwei Prozentpunkte daneben. Aber immerhin: Der Political Stock Market lag mit seiner Prognose insgesamt besser als die Meinungsforscher von OGM, Gallup oder ISMA. Zudem bietet dieser Markt den Vorteil, daß die Prognose - bis auf die Kosten der Unterhaltung des Börseplatzes - nichts kostet.

Professor Stepan erklärt, unter welchen Bedinungen so ein Markt gut funktioniert: Je heterogener und größer die Gruppe der Trader ist, desto besser wird die Qualität der Prognose. Die Prognosequalität steigt weiter, wenn die einzelnen Trader sich mehr für die erzielbaren Gewinne an der ,,politischen Börse" interessieren, als ihren Einstellungen und eigenen Parteipräferenzen zu folgen. ,,Zudem hat sich herausgestellt, daß es für die Qualität der Prognose besser ist, wenn die Trader über den Markt kommunizieren, anstatt im Kaffeehaus zu diskutieren, wie man die einzelnen Parteititel einschätzt".

Tatsächlich geht es den Wissenschaftern nicht darum, Geld umzuverteilen (die Universität verdient an diesem Experiment nichts, sondern es bleiben im Gegenteil die Verwaltungskosten und Wartungskosten des Systems an der TU hängen), sondern sie wollen ein neues Prognoseinstrument schaffen, sowie die oben zitierte Hayek-Hypothese testen.

Doch es wird dennoch eine Menge Geld umgesetzt: Im Nationalratsmarkt sind zur Zeit rund 25.000 Schilling im Umlauf, Joyce Berg, der dem Iowa Electronic Market vorsteht, wird im Wall Street Journal - der täglichen Bibel der Börsianer Ende August mit der Angabe zitiert, daß insgesamt 3.700 Menschen mit rund 54.000 $ auf den verschiedenen Märkten spekulierten. Und am 17. Dezember wird es dann nicht nur Politiker geben, die auf der Gewinner, oder Verliererseite stehen werden, sondern auch die Trader auf der Börse des ,,Political Stock Market".

Wahltag ist Zahltag

Monitor-Leser sind herzlich eingeladen, am Experiment des Instituts für Betriebswissenschaften der TU Wien teilzunehmen. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein Internet-Anschluß und ein wenig Kleingeld (Mindesteinsatz: öS 100.-, Maximaleinsatz: 5.000 öS). Das Mitspielen selbst ist kostenlos, das Gewinn- oder Verlustrisiko hängt von Ihrer Spekulationsstrategie ab!

World-Wide-Web-Adresse: http://ebweb.tuwien.ac.at/apsm. Die E-Mail-Adresse des Universitätsassistenten, der das Experiment betreut, lautet ortner@ebnov.tuwien.ac.at