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Reinkarnation

Herbert Fließ bat seinen Chef, Platz zu nehmen. Dann erklärte er: "Sie werden jetzt durch unser altes Firmengebäude wandern. Ich habe im Cyberspace eine getreue Kopie des gesamten Hauses, wie es vor dem Brand vor zwei Jahren ausgesehen hat, erstellt. Dank der Pläne, die Sie mir zur Verfügung stellten, war es mir möglich, jeden Raum detailgetreu aufzubauen."

"Dann wollen wir uns das ganze mal ansehen", meinte Bruno Ganzbein. Während Fließ ihm beim Aufsetzen des Cyberface behilflich war, fuhr er fort: "Dieses virtuelle Firmengebäude wird uns helfen, das alte Gebäude wieder völlig identisch aufzubauen. Wie Sie vielleicht wissen, hat mein Vater die Firma 'Vorzugsbau' gegründet."

"Wozu wollen Sie aber genau das gleiche Gebäude wieder errichten? Tut es dieses Bürohaus, in dem wir uns jetzt befinden, nicht auch?"

"Dieses Provisorium? Das Firmengebäude meines Vaters war der Prototyp der Gebäudeart, für die mein Vater berühmt geworden war. Er brauchte seine Kunden nur durch die Räume führen, und sie waren von seinem Stil vollauf begeistert. Und deshalb möchte ich genau das gleiche Gebäude errichten. Nicht zuletzt, um meinem Vater ein Denkmal zu setzen."

Dann hieß er Herbert Fließ das Programm zu starten und wanderte kurz darauf im Cyberspace durch die Räumlichkeiten, die vor zwei Jahren noch real gewesen waren.

"Ich bin begeistert. Genau so hat es damals ausgesehen." Im virtuellen Raum durchschritt Ganzbein die Zeichenstudios und wollte das Chef-Sekretariat betreten, als er plötzlich zusammenfuhr.

"Was ist los?" frage Fließ.

Bruno Ganzbein nahm sein Cyberface ab. "Da haben Sie offensichtlich etwas falsch programmiert. Ich wollte gerade einen Raum betreten, als mich plötzlich ein Schlag durchfuhr und es komplett schwarz um mich herum wurde. Dann sah ich nur noch Zahlenreihen vor meinen Augen ablaufen."

"Das klingt höchst eigenartig. Ich kann mir nicht vorstellen..."

"Nun, es ist Ihre Aufgabe, diesen Fehler zu beheben. Das bisher Gesehene hat mir schon ganz gut gefallen. Testen Sie das ganze noch einmal, und rufen Sie mich wieder zu einer Begutachtung, wenn das Programm funktioniert."Damit verließ Ganzbein das Büro und ließ einen verdatterten Fließ zurück.Dieser konnte sich nicht vorstellen, was er falsch gemacht haben könnte. Er rief seinen Assistenten und bat ihn, über einen Bildschirm mitzuverfolgen, wie er selbst durch das virtuelle Gebäude wanderte.

Und wieder passierte es: Als Ganz zum Chef-Sekretariat kam, wurde es plötzlich rund um ihn herum schwarz. Die Zahlenkolonne 200608231853 lief in immer wiederkehrender Reihenfolge vor ihm ab.

Doch da sein Assistent vorgewarnt war, konnte dieser schnell reagieren. Er drückte ein paar Knöpfe, und schon hatte Herbert Fließ wieder ein klares Bild vor sich. Er befand sich nun im Chef-Sekretariat. Er sah das Zimmer, als ob er direkt unter der Wand schweben würde. Unter ihm saßen zwei Männer vor einem Computer, wobei der eine in fieberhafter Eile auf der Tastatur herumdrückte. Der andere spornte ihn an und sagte eindringlich: "Schnell! Es kann jeden Moment wer kommen!"

Der andere erwiderte: "Nur noch einen Moment. Ich muß die Daten noch speichern."

Da stoben plötzlich Funken, und mit einem Knall zerbarst der Computer. Flammen züngelten aus dem Gehäuse und griffen sofort auf den Vorhang über.

"Schnell weg!" rief der eine der beiden Männer, als die Tür aufging und ein dickerer Mann hereinkam, der Herbert Fließ irgendwie bekannt vorkam. "Was machen Sie -?" rief der Dicke, kam aber nicht weiter, da er von dem zweiten der Männer niedergeschlagen wurde.

Herbert Fließ nahm sein Cyberface ab, schickte seinen Assistenten hinaus und dachte nach. Die nächsten Stunden verbrachte er im Archiv und damit, seinen Computer auseinanderzunehmen. Dann suchte er Bruno Ganzbein auf.

"Na? Haben Sie den Fehler gefunden?" fragte der Chef.

"Ja, aber noch nicht behoben. Denn ich glaube, Sie sollten sich das ansehen."

"Was ansehen?"

"Hören Sie mir gut zu: Ich habe herausgefunden, wie der Brand vor zwei Jahren gelegt wurde und warum ihr Vater umkam. Zwei Männer, deren Identität mir noch unbekannt ist, versuchten, geheime Daten von einem der Computer im Chef-Sekretariat zu stehlen. Doch war dieser Computer auf Selbstzerstörung programmiert, sollte jemand Unbefugter auf ihn zugreifen. Der Computer explodierte und setzte das Zimmer in Brand. Unglückseligerweise trat Ihr Vater zu diesem Zeitpunkt aus seinem Büro, wahrscheinlich durch die seltsamen Geräusche vor seiner Tür alarmiert. Er wurde von den zwei Männern niedergeschlagen, lag bewußtlos auf dem Boden und verbrannte hilflos."

Bruno Ganzbein starrte Fließ an. Fassungslos fragte er: "Wie kommen Sie darauf?"

"Das ganze Haus war mit einer Videoüberwachungsanlage ausgestattet, die bei dem Brand beschädigt wurde. Teile dieser Anlage wurden wiederverwertet. Zufälligerweise wurde der Chip, der in der Kamera des Chef-Sekretariats installiert war, bei meinem Computer eingebaut. Dieser Chip hatte die letzten Sekunden, bevor er seine Funktion verlor, gespeichert. Und diese Sekunden sah ich nun, nachdem ich im Cyberspace das Chef-Sekretariat betreten hatte.""Und das ist wahr?"

"Ja. Es ist wirklich derselbe Chip. Ich habe die Aufzeichnungen für die Überwachungsanlage und meinen Computer überprüft. Man kann also sagen, die Videokamera wurde als mein Computer wiedergeboren."Ganzbein schüttelte nur langsam den Kopf.

"Und noch etwas habe ich herausgefunden", fuhr Fleiß fort. "Die Zahlenkolonne, die Sie gesehen haben, bezeichnet genau den Zeitpunkt, an dem das Überwachungssystem ausfiel: Am 23. 8. 2006 um 18.53 Uhr."


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