
Dialog mit Nicolas Negroponte
Frage: Was halten Sie von Al Gores Idee eines Satelliten, der Bilder von der Erde ins Internet schickt?
- J. Wolfin, Madison, Wisconsin Antwort: Mir gefällt diese Idee gut. Abgesehen vom Wert für die Forschung gibt es da Romantik und Luxus. Die NASA scheint auch vom erzieherischen Wert ganz angetan zu sein: viele Kinder sind auf jede Art von Motivation zum Erwerb naturwissenschaftlicher und mathematischer Kenntnisse angewiesen. Für viele Menschen wäre es ein surrealistisches Auslagenfenster. Man könnte die Erde aus der Ferne betrachten. Es wäre so, als ob man ein Feuer oder vielleicht eine Baustelle durch ein Fenster sehen würde, nur daß es eben Wolken und Unwetter wären. Selbstverständlich ist auch die Ästhetik der von der Sonne beleuchteten Erde gegen den dunklen Weltraum ein atemberaubender Anblick. Mir gefällt an dieser Idee auch, daß ihr der unmittelbare Nutzen fehlt und sie mehr mit träumen als mit planen zu tun hat. Die Entscheidungsträger dieser Welt könnten alle mehr von solchen Ansätzen gut gebrauchen. Frage: Man kann Wertpapiere über das Internet ohne Broker sehr schnell kaufen und verkaufen. Was ist der Vorteil? Ist das nicht eine Gelegenheit, sehr viel Geld zu verlieren? Antwort: Für mich gehen Gelegenheit und Risiko Hand in Hand. Auf sich alleine gestellt mit Wertpapieren zu handeln, bedeutet, seine Instinkte zu schärfen und am Puls der globalen Märkte und lokalen Ökonomien zu leben. Man muß sich darüber ins Bild setzen, wie grenzüberschreitende Finanztransaktionen und die verschiedenen Finanzprodukte wie Aktien, Anleihen oder Commodities funktionieren. Broker sind Vermittler. Sie erfüllen zwei Zwecke, der eine ist nützlich, der andere ist nutzlos. Der nutzlose Aspekt ist ihre Gebührenstruktur und ihre gesetzliche Auflagen. Dazu kommt, daß Märkte 24 Stunden pro Tag zugänglich sein sollten, nicht nur während der wenigen Stunden, die ein Broker Geschäftszeit hat. Die wichtige Funktion ist, den Kunden zu beraten. Das kann vom gesunden Menschenverstand bis zur profunden Analyse reichen. Frage: Wie stehen Sie zu dem Vorschlag des FBI, von allen Amerikanern die Hinterlegung ihrer kryptographischen Schlüssel bei einer Behörde zu verlangen? Ist das notwendig? Ist das ein Beispiel für überholte Vorstellungen? - 63621.2653@compuserve.com Antwort: Mir ist klar, daß ein Einspruch gegen das vom FBI betriebene Vorhaben "Key Escrow" (Treuhänderschaft über die Schlüssel, AdÜ), wie es offiziell genannt wird, wie eine Befürwortung von Anarchie aussieht. Das FBI behauptet, daß es ohne Zugriff auf elektronische Information Drogenhändler nicht ins Gefängnis bringen und Linienmaschinen nicht vor dem gesprengt werden bewahren könne. Ich bin nicht für Drogenhandel oder Terrorismus. Wenn jemand ein Verbrechen gegen mich oder meine Familie beginge, wäre mir ein Lauschangriff oder jedes andere Mittel recht, das zur Überführung des Täters bertragen könnte. Meine Sorge ist aber, daß das Key Escrow-Konzept in der harten Realität der Kryptographie nicht funktioniert. Es würde zwar einen Reserveschlüssel für die Bundesregierung bedeuten, aber in der Praxis kann das leicht durch eine weitere Verschlüsselungsschicht umgangen werden. Die Idee ist also nicht gut, da sie nicht funktioniert. Frage: Haben Sie in letzter Zeit am MIT Media Lab etwas erfunden? Wenn ja, was für Produkte oder Anwendungen waren das? - jgh@mixmail.com Antwort: Im Media Lab arbeiten circa 400 Leute, die jede Menge forschen und erfinden. Neue Projekte beinhalten im Augenblick smarte Autos, Computer zum Anziehen, intelligente Mauspads und PCs aus Papier. Vor mehr als 10 Jahren mußte ich als Direktor des Media Lab eine Entscheidung gegen das Verfolgen eigener Projekte treffen. Stattdessen ist meine Rolle mehr die eines Elternteils oder Investment Bankers. Man kann A) keinem seiner Kinder den Vorzug geben und B) wird alles am Preis/Leistungsverhältnis gemessen. Ich würde sagen, die größte Herausforderung für eine Forschungseinrichtung wie der unsrigen ist, trotz der Erfolge verrückt zu bleiben. Es gefährdet neue Ideen, wenn man von vergangenen Erfolgen berauscht ist. Wenn eine kleine Idee zu einem Massenprodukt oder sogar zur Basis einer neuen gesellschaftlichen Bewegung wird, ist das ein Zeichen für den "Erfinder", das nächste an Wahnsinn grenzende Risikoprojekt in Angriff zu nehmen. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar |